#75JahreTW: Mode-Coachin Anna Franke

Von Schrankleichen und Lieblingsstücken

Britta Leuermann
Anna Franke beschäftigt sich tagtäglich mit den Kleiderschränken ihrer Klienten. Und hat dadurch einiges über das Konsumverhalten der Menschen gelernt.
Anna Franke beschäftigt sich tagtäglich mit den Kleiderschränken ihrer Klienten. Und hat dadurch einiges über das Konsumverhalten der Menschen gelernt.

Wann wird ein Kleidungsstück zum Lieblingsteil? Und sind Frauen tatsächlich emotionaler, wenn es um Mode geht? Anna Franke ist Kleiderschrank-Coachin. Und weiß nicht nur genau, wie die Konsumenten ticken, sondern auch, was Produktverantwortliche bei ihrer Arbeit nur zu gerne außer Acht lassen.

Manchmal ist es die spartanische Kleiderstange, dann wieder das bis zur Decke gefüllte Ankleidezimmer. Meistens sieht der Arbeitsplatz von Anna Franke aber so aus: ein weit geöffneter, klassischer Kleiderschrank. Die Berlinerin ist selbstständige Coachin und bietet unter Dress o'clock seit 2015 einen Organisations-Service für die Garderobe sowie Stilberatungen in den eigenen vier Wänden ihrer Klienten an. Und sie hat dabei sehr schnell festgestellt, dass der Kleiderschrank oft mehr sagt als tausend Worte – nicht nur über den Stil, sondern auch über die Persönlichkeit seines Besitzers.


Eigentlich ist Anna Franke gelernte Modedesignerin, studiert hat sie eben jenes Handwerk in Mailand. Mehrere Jahre führt sie mit einer Freundin das eigene Label Majaco, kann aber nie "den erhofften wirtschaftlichen Erfolg" erzielen. Also sattelt sie um und beginnt vor einigen Jahren zunächst, als Stylistin für Werbeproduktionen sowie als Fitting-und Backstage-Managerin bei Modenschauen zu arbeiten. Schnell kommen auch die ersten Anfragen aus dem Freundeskreis. Sie soll helfen, den Schrank auszumisten oder Outfits zusammenstellen. Franke hilft gerne und lernt auch etwas über sich selbst. Denn es fällt ihr leicht, sich in andere Menschen und vor allem deren textile Bedürfnisse hineinzuversetzen. So beschließt sie 2015, sich mit dem Kleiderschrank-Coaching selbstständig zu machen. Seither hat sie viel über das Einkaufsverhalten und die Wünsche der Konsumenten erfahren. Das sind ihre wichtigsten Learnings:

Alleskönner Lieblingsteil

Zehn schwarze Jeans, ebenso viele blaue, gestreifte Hemden: Dieses Bild bietet sich Franke häufig, denn die meisten ihrer Kunden greifen beim Shopping immer wieder zu den gleichen Wohlfühlteilen. Und sie schätzen es besonders, wenn Labels diese bekannten Top-Teile immer wieder in neuen Farben, Materialien und leicht angepassten Schnitten auflegen. Die Kleiderschrank-Expertin ist überzeugt: "Altbekannte, beliebte Basics haben einen unglaublichen Wert für die Markenbindung. Viele Kreative unterschätzen bei all der Euphorie über modische Neuheiten die Bedeutung von NOS-Programmen für das Image."

Besonders emotional, wenn es um solche heiß geliebten Stücke geht, reagieren Frankes Erfahrung nach meistens ihre männlichen Klienten. Und kämpfen mit Zähnen und Klauen, um ihr zwanzig Jahre altes, verwaschenes Lieblingsshirt vor dem Altkleidercontainer zu bewahren. Aber was genau muss Mode mitbringen, um zu einem absoluten Dauerbrenner im Schrank zu werden? Denn natürlich kann ein Produktverantwortlicher nicht beeinflussen, ob ein Teil etwa zum ersten Date getragen und dadurch emotional aufgeladen wird. Doch laut Franke sind es auch Qualität, Tragekomfort und Alltagstauglichkeit, die entscheidend sind.

Nachhaltigkeit mit Hilfestellung

Täglich die Türen überfüllter Kleiderschränke zu öffnen, hat auch Einfluss auf Frankes eigenen Konsum. Im Laufe der Jahre wurde ihre Garderobe immer überschaubarer, beim Einkaufen folgt sie mittlerweile einer klaren Regel: "Wenn ich ein neues Kleidungsstück kaufe, sortiere ich ein anderes aus." Ganz so streng ist sie bei ihren Kunden zwar nicht, versucht aber, ihnen ein Bewusstsein für ihren eigenen biologischen Fußabdruck zu vermitteln. Keine leichte Aufgabe bei echten "Shopaholics", wie sie selbst lachend zugibt.
„Teils ist Nachhaltigkeit der Hauptgrund, weshalb mich die Leute engagieren. Sie wollen aus dem, was sie bereits besitzen, das Beste rausholen, anstatt immer weiter zu kaufen.“
Anna Franke
Das Interesse ihrer Klienten an nachhaltiger oder fair produzierter Mode wurde im Laufe der Jahre immer größer, freut sich Franke: "Teils ist das sogar der Hauptgrund, weshalb mich die Leute engagieren. Sie wollen aus dem, was sie bereits besitzen, das Beste rausholen, anstatt immer weiter zu kaufen." Über nachhaltige Themen informiert hat sich bislang etwa die Hälfte ihres Kundenstamms, schätzt sie. Wichtig sind den meisten von ihnen die verwendeten Materialien, der Produktionsort sowie die Umstände bei der Fertigung. Jedoch fehle es häufig an Orientierungshilfen und übersichtlichen Informationen. Frankes Vorschlag: "Jedes Teil sollte mit klaren Tags wie etwa 'Faire Mindestlöhne' oder 'Frei von Kinderarbeit' versehen werden. Das wären echte Kaufargumente auf den ersten Blick." Besonders hellhörig würden ihre Kunden bei dem Stichwort Öko-Tex. "Zertifikate überzeugen", ist sie sich sicher.

Beratung nach Bauchgefühl

Einige Bestandteile von Frankes Arbeit lassen sich durchaus mit der Beratung auf der Fläche vergleichen. Denn je nach Wunsch ist auch eine Fashion-Analyse Teil ihres Service. Dabei stellt die Coachin mit den bereits vorhandenen Kleidungsstücken neue Outfits zusammen und fertigt im Anschluss ein digitales Lookbook an. "Das wird sehr gut angenommen und viele meiner Klienten kleben sich die Fotos, die ich dafür mache, sogar in ihren Schrank, um sich gleich am Morgen inspirieren zu lassen." Um typgerechte Looks zusammenzustellen, ist es ohne Frage hilfreich, dass Franke den Schrankinhalt genau unter die Lupe nehmen kann. Diese Basis fehlt dem Verkaufspersonal zwar meistens – außer, es kann die Garderobe der Stammkundschaft vor dem geistigen Auge abrufen. Für eine gelungene Beratung entscheidend sei das aber nicht.

Es gehöre vor allem viel Bauchgefühl und eine gute Menschenkenntnis dazu, sagt Franke: "Schon die Art, wie mich eine Person anspricht, kann wichtige Hinweise liefern. Kommt ein Kunde gezielt auf mich zu und tritt selbstbewusst auf, rate ich automatisch zu lauteren, modischeren Outfits." Zurückhaltendere Konsumenten wünschten sich meistens eine intensivere Beratung und benötigten mehr Hilfe beim Styling. Verständlichere Looks seien dementsprechend meist die beste Wahl. Wenn sie ihrem Gegenüber, egal ob während des Kleiderschrank-Coachings oder auf der Fläche, nur eine einzige Frage stellen dürfte, wäre das diese: "Wie möchten Sie sich in dem Outfit fühlen?" Denn, das erlebe sie jeden Tag, darauf komme es bei Mode wirklich an.

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