Julia Geuppert, General Manager Aamo

"Der einzige positive Aspekt an dieser ganzen Misere"

Aamo by Geuppert
Julia Geuppert, General Manager Aamo
Julia Geuppert, General Manager Aamo

Sie habe jeden Tag Angst, einen ihrer drei Läden in Aaachen schließen zu müssen, berichtet Julia Geuppert, General Manager des Familienunternehmens Aamo, im TW-Gespräch. In dieser Krise sei es unabdingbar, alte Rhythmen zu überdenken und sich neuen Kommunikationsformen zu öffnen. Auch, wenn Geuppert dafür immer wieder über ihren eigenen Schatten springen muss.

TextilWirtschaft: Frau Geuppert, wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit Ihren Partnern in der aktuellen Krise?
Julia Geuppert: Der Großteil unserer Lieferanten ist sehr unterstützend und hilfsbereit, damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Wir sind ein Familienunternehmen und bestehen seit 60 Jahren, mit vielen Partnern arbeiten wir schon seit über zwanzig Jahren zusammen. Das bekommen wir nun zurück. Bei Riani, Van Laack und Backstage konnten wir etwa die bereits geschriebe Herbstorder verkleinern, außerdem wurden die entsprechenden Liefertermine um vier Wochen nach hinten verschoben. Und manche Partner gewähren uns Zugriff auf ihre Lagerbestände für unseren Online-Shop.


Sie sagten, ein Großteil ist entgegenkommend. Und der Rest?
Es gibt immer schwarze Schafe. Man sieht nur in schweren Zeiten, wem Zusammenarbeit wichtig ist und wer egoistisch agiert. Es wäre für mich durchaus denkbar, Partnerschaften auch langfristig zu beenden, wenn die Verständigung in dieser Krise nicht funktioniert.

Sie sprachen bereits Ihren E-Shop an. Wie entwickelt sich das Online-Business?
Gut wäre euphorisch. Es läuft mäßig und wird nicht reichen, um Verluste auszugleichen. Aber wir können zumindest eine minimale Schadensbegrenzung betreiben und arbeiten daran, dass es jeden Tag etwas besser läuft. Beispielsweise packen wir Pakete und liefern diese innerhalb von Aachen bis an die Tür unserer Kunden. Wenn sie etwas nicht behalten möchten, holen wir die Ware noch am selben Tag wieder ab. Das Angebot wird gut angenommen, schließlich fällt vielen Menschen die Decke auf den Kopf. Es sind trotzdem nicht viele Pakete, die wir ausliefern. Täglich etwa fünf bis sechs.

Wie bewerten Sie den frühen Sale, die viele Anbieter online bereits eingeläutet haben?
Das kann ich nicht nachvollziehen und finde es auch nicht gut. Gerade ist keine Sale-Phase und nun auf Rabatte zu setzen, passt hinten und vorne nicht. Der Sommer hat noch nicht einmal angefangen und wenn wir jetzt schon reduzieren, werden wir unsere Umsatzziele erst recht nicht erreichen können. Bei einzelnen Lieferanten sind wir allerdings dazu gezwungen, ebenfalls den Rotstift anzusetzen. So bietet beispielsweise Hugo Boss bereits 20% Online-Sale an.

Glauben Sie, dass es zu einer Rabattschlacht kommen wird, sobald die Läden wieder öffnen?
Ja, das sieht man ja jetzt schon im Internet. Ich fürchte, genau das wird auf uns zukommen. Zu frühe Reduzierungen können wir aber nicht tragen. Das würde die Situation des Einzelhandels allgemein nur zusätzlich erschweren.

Haben die Kunden überhaupt Lust auf Mode?
Wir werden sicher noch lange mit Corona zu kämpfen haben. Ich fürchte, dass wir auch am 19. April noch nicht wieder loslegen können. Aber selbst wenn die Läden nicht deutlich länger geschlossen bleiben, werden sicher viele Konsumenten anfangs vorsichtig sein und vermehrt zuhause bleiben. Ich mache mir Sorgen, welche Auswirkungen die aktuelle Lage auf die Konsumlaune hat. Sicher ist wohl, dass die Kunden uns nicht den Laden einrennen werden, sobald wir die Türen wieder aufschließen. Daher ist es umso wichtiger, in engem Kontakt zu bleiben.

Welche Kanäle wählen Sie hier? 
Bei uns passiert ganz viel über Social Media. Ich poste regelmäßig Videos, zeige beispielsweise Outfits oder appelliere an die Kunden, zuhause zu bleiben. Wenn sie ein bekanntes Gesicht sehen, wirkt das auf viele beruhigend. Und sie haben mehr Spaß an der Sache. Ehrlich gesagt muss ich für diese Inhalte immer wieder über meinen Schatten springen, aber unsere Bemühungen werden von den Kunden belohnt. Zu Beginn dieser Krise war die Nachfrage über Instagram sogar höher als im Online-Shop. Aber wir setzen auch auf eine direkte Ansprache und haben viele unserer Stammkunden angerufen. Einfach um zu fragen, ob sie gesund sind und etwas brauchen. Beispielsweise haben wir älteren Kundinnen angeboten, für sie einkaufen zu gehen.

Aamo in Aachen


Und wie kommunizieren Sie aktuell mit ihren Mitarbeitern? 
Unsere sieben Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Die Lieferung der Kundenpakete und alles, was aktuell ansteht, stemmt die Familie, also drei Personen. Uns ist wichtig, dass sich unsere Mitarbeiter sicher fühlen. Daher haben wir haben die Läden auch schon drei Tage vor dem offiziellen Beschluss geschlossen. Nun drehe ich jeden Morgen ein Video für unsere interne WhatsApp-Gruppe und berichte beispielsweise über den Vortag, jüngste Maßnahmen, Lieferungen und die Gespräche mit unseren Lieferanten. Unsere Mitarbeiter müssen genau wissen, was gerade ansteht und sich stets einbezogen fühlen. Sonst machen sie sich zu große Sorgen. Natürlich bleibt das nicht aus, auch ich habe jeden Tag Angst, dass wir einen unserer Läden schließen müssen. Aber ich habe meinen Mitarbeitern versprochen, dass ich alles menschenmögliche unternehme, damit alles so bleibt wie es war.

Denken Sie, dass auch in der Branche alles so bleibt wie es einmal war - Stichwort Saisontiming?
Das Saisontiming zu verschieben, fände ich gut. Es macht einfach Sinn, Sommerware im Sommer und Winterware im Winter zu verkaufen. Das würde vielen die Arbeit erleichtern. Ich halte eine Verschiebung der Rhythmen für gut vorstellbar. Vielleicht ist das der einzige positive Aspekt an dieser ganzen Misere.

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