Juvia-Gründerin Judith Dommermuth im Gespräch

„Wir wollen nicht mit Corona werben”

Foto: Jan-Philipp Harder
Hat Juvia 2013 gemeinsam mit Bernd Berger gegründet: Judith Dommermuth.
Hat Juvia 2013 gemeinsam mit Bernd Berger gegründet: Judith Dommermuth.

WFH, also Working from Home, hat sich in den vergangenen Tagen fast schon als fester Ausdruck etabliert. Denn nicht nur in Deutschland setzen viele Arbeitgeber, den Umständen geschuldet, verstärkt auf Homeoffice. Entsprechend werden Dresscode-Fragen heiß diskutiert und zahlreiche Loungewear-Newsletter versendet. Das wirft die Frage auf: Greifen Kunden verstärkt zu Cozy Styles für zuhause – und können Loungewear-Anbieter davon profitieren?

Wir haben mit Judith Dommermuth, deren Label Juvia sich auf eben jene Produkte spezialisiert hat, darüber gesprochen. Im Interview erklärt sie, warum sie das Wort „Homeoffice” im Marketing meidet – und sich nicht als Krisengewinnerin versteht.

TextilWirtschaft: Frau Dommermuth, macht sich der Shutdown in ihren Umsätzen positiv oder negativ bemerkbar?
Judith Dommermuth: Wenn etwas im modischen Bereich gerade gefragt ist, dann Loungewear. Die Umsätze waren in der ersten Woche nach dem Shutdown zunächst unverändert. Ich denke, das lag an der allgemeinen Unsicherheit, aber auch daran, dass die Kunden sich erst einmal an das Homeoffice gewöhnen und sich um Organisatorisches wie Homeschooling kümmern mussten. In der zweiten Woche schienen sich die Kunden dann längerfristig auf das Homeoffice eingestellt zu haben, denn seit Ende vergangener Woche entwickeln sich unsere Online-Umsätze sehr positiv. 

Was heißt das in Zahlen?
Unser eigener Online-Umsatz ist um 25% gestiegen. Auch wenn wir uns darüber freuen, kann das natürlich nicht auffangen, was wir normalerweise im Einzelhandel erwirtschaften. Denn auf Online entfallen nur ungefähr 20% des Gesamtumsatzes.

Gibt es Produkte, die gerade besonders gefragt sind?
Alles, was bunt und in frischen Farben gehalten ist, hat sich gut abverkauft. Ich glaube, dass die Kunden auch zuhause gute Laune haben wollen und sich daher entsprechend kleiden möchten. Wir hatten zum Beispiel einen neonorangenen Pullover, von dem ich dachte, dass er nicht für alle Kunden etwas ist. Und der war innerhalb von drei Tagen ausverkauft. Man könnte fast sagen: Je farbiger, desto besser.

„Über den Online-Kanal generieren wir aktuell unseren einzigen Umsatz. Dieser bietet uns gleichzeitig auch später eine Möglichkeit, den Einzelhandel unterstützen zu können.“
Judith Dommermuth

Wie sieht es bei den anderen Online-Shops aus, die Juvia führen? 
Die meisten Händler, die sowohl stationär als auch online vertreten sind, sagen natürlich, dass sie damit die Umsätze nicht auffangen können, die sie eigentlich im Laden erwirtschaften. Aber sie geben online Vollgas und senden auch extra Loungewear-Newsletter heraus. Bei denen, die es „pushen”, liegen wir im Plus. Wir haben aber auch sowieso ein Produkt, das nicht Saison- oder Anlassgetrieben ist.

Wo befinden Sie sich aktuell in der Auslieferung?
Wir haben unsere Sommer-Saison bereits komplett Anfang März ausgeliefert – vor der aktuellen Krise. Die nächste Lieferung steht im Mai an. 

Wie handhaben Sie die restlichen Liefertermine dieses Jahr? 
Wir haben jetzt schon Maßnahmen ergriffen. Da Mai, Juni und Juli bereits in Produktion sind, haben wir den nächstmöglichen Liefertermin im August gestoppt und gestrichen. So wollen wir für den Einzelhandel möglichst viel Luft schaffen, damit er die Auslieferungen von Mai, Juni und Juli nach hinten verschieben kann. Dabei kommt uns entgegen, dass wir die Monatstermine ohnehin so designen, dass sie gut miteinander kombinierbar sind und daher problemlos gemeinsam, wenn auch etwas später, abverkauft werden können.

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Das wirkt sich wiederum auf den Produzenten aus.
Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unserem Produktionspartner. Es ist vor allem ein Miteinander! Wir haben letztlich erst den nächstmöglichen Termin gestrichen und alles in Produktion Befindliche weiterlaufen lassen. Das heißt, die nächsten drei Liefertermine nehmen wir komplett ab. Jetzt zeigt sich mehr denn je, wer ein fairer Partner ist. Aber auch für uns ist das eine Extremsituation: Der stornierte Liefertermin schmälert natürlich unseren Jahresumsatz.

Stichwort Partnerschaft: Manch ein Händler könnte bestimmt bemängeln, dass Sie nun weiter online verkaufen.
Über den Online-Kanal generieren wir aktuell unseren einzigen Umsatz. Dieser bietet uns gleichzeitig auch später eine Möglichkeit, den Einzelhandel unterstützen zu können. Denn nur so haben wir doch die Stärke und den Spielraum, um nachher bei Valuta und Lieferterminen großzügiger sein zu können. Und letztlich können wir Ware nur dann zurücknehmen, wenn wir einen eigenen Kanal haben, über den wir sie verkaufen können.

Wie greifen Sie dem Einzelhandel sonst noch unter die Arme? 
Viele Kunden verkaufen jetzt über bestehende oder neue Online-Shops und nutzen die Möglichkeit, über Social Media mit ihren Kunden in Kontakt zu bleiben. Da sie aber gerade nicht selbst fotografieren können, stellen wir ihnen Freisteller und Image-Bilder für ihre Instagram-Accounts und Shops zur Verfügung. Und das Feedback darauf ist wirklich sehr positiv. Ein Kunde hat mir als Dankeschön dafür statt eines Blumenstraußes zwei Liter Desinfektionsmittel geschickt.

„Wir haben eine neue Zeitrechnung – ‚vor Corona’ und ‚nach Corona’.“
Judith Dommermuth

Wenn man einmal auf Ihre Social Media-Kanäle schaut, erwähnen Sie nirgends das Wort Homeoffice. Ist das Absicht?
Ja, wir haben viel darüber diskutiert und uns bewusst dagegen entschieden. Wir wollen nicht mit Corona werben oder mit unseren Marketing-Maßnahmen auf den Homeoffice-Outfit-Zug aufspringen. Ich höre häufig „Du gehörst doch gerade zu den Gewinnern”. Aber in dieser Krise gibt es keine Gewinner. Wir können alle nur versuchen, das Beste daraus zu machen. Wir haben lediglich Glück, dass wir ein Produkt haben, das in der aktuellen Situation gefragt ist.

Also wie sieht die Content-Strategie genau aus? 
Ich mache vielleicht gerade mehr Fotos von mir zuhause, weil ich mich auch häufiger dort aufhalte als üblich. Aber wir haben vorher keine speziellen „Homeoffice-Outfits“ gezeigt und werden das nun auch nicht tun. Ebenso wollen wir nicht mit Ostern werben, weil gerade keiner Nerven dafür hat. Mit Influencer-Marketing sind wir ebenfalls vorsichtig. Wir wollen gerade einfach nicht zu pushy sein. Wir werden also auf unseren eigenen Kanälen im Groben denselben Content zeigen wie bisher.

Welche Chancen tun sich durch die Krise auf?
Intern sagen wir: Wir haben eine neue Zeitrechnung – „vor Corona” und „nach Corona”. Jetzt hat man die Möglichkeit, einiges auf den Prüfstand zu stellen: Wo hakt es gerade? Und dort anzusetzen. Zum Beispiel ist aktuell ein guter Zeitpunkt, um Rhythmen und Saisontimings zu überdenken, zu justieren und besser an Markt und die Saison anzupassen. Ohnehin wird man einiges künftig stärker hinterfragen – und vielleicht auch mal eine Reise mit einem längeren Zoom-Meeting ersetzen. Es zeigt sich aber auch, wer gerade jetzt positiv bleibt, anpassungsfähig ist – und versucht, das Beste daraus zu machen. Wichtig ist die Frage, wann wieder eröffnet werden darf. Wenn es nach Ostern wieder losgeht, kommen wir mit einem blauen Auge davon. Wenn es länger dauert, wird es für alle schwierig.

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