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Kaiser-Geschäftsführer Heinz-Peter Böker

"Das gibt ein Hauen und Stechen im Markt"

Kaiser
Heinz-Peter Böker ist Geschäftsführer bei Kaiser in Freiburg.
Heinz-Peter Böker ist Geschäftsführer bei Kaiser in Freiburg.

Es tue ihm in der Seele weh, wenn er morgens ins dunkle Haus kommt und alle Etagen leer sind, gibt Heinz-Peter Böker, Geschäftsführer von Kaiser in Freiburg, unumwunden zu. Es sei schwer. Gleichwohl blickt er nach vorn. Nutzt die Zeit des Shutdowns auch, um sich wieder um das ein oder andere Projekt zu kümmern. So wolle Kaiser beispielsweise bis zum Jahresende eine kompetente Wäscheabteilung aufbauen, da sich ein Spezialist im Ort zurückzieht. Das Hauptaugenmerk liege allerdings auch in Freiburg derzeit eindeutig auf der Navigation durch die Corona-Krise. Im Interview mit der TextilWirtschaft spricht Heinz Peter-Böker über Warenmanagement und E-Commerce während des Shutdowns.


TextilWirtschaft: Herr Böker, wie sieht Ihr Alltag in diesen Zeiten aus?
Heinz-Peter Böker: Wir haben eine Notbesetzung vor Ort, bestehend aus der Geschäftsleitung und der Assistenz. Daneben muss unsere Buchhaltung aufrecht erhalten werden. Die laufend eintreffenden Rechnungen müssen bezahlt werden. Zudem ist unser Personalbüro noch für die Abwicklung der Lohnabrechnung besetzt. Ende des Monats stehen die Lohnzahlungen an. Das Prozedere mit der Agentur für Arbeit bezüglich Kurzarbeitergeld bedeutet einen riesigen Zusatzaufwand. Unsere Marketingabteilung ist noch komplett vor Ort, da wir jetzt verstärkt auf Onlinemarketingaktivitäten setzen wollen. Das ist im Grunde genommen unsere Notbesetzung.

Nehmen Sie noch Ware an? Kommt da noch etwas?
Unsere Auszeichnung arbeitet bislang noch mit einer Notbesetzung. Wir hatten zwar gleich am ersten Tag einen Brief an unsere Lieferanten geschickt mit der Bitte, keine Ware mehr zu versenden. Aber natürlich war ein Teil noch in der Pipeline. Und letztlich habe ich bislang von 80 Lieferanten eine konkrete Rückantwort erhalten. Angeschrieben hatte ich 200 Lieferanten. Die Situation ist also noch ein bisschen unwägbar. Da wir bei den Lieferanten, die noch nicht geantwortet haben, keine offenen Aufträge haben und auch keine NOS-Artikel beziehen, wird da wahrscheinlich nicht mehr viel kommen. Wenn es sich so weiterentwickelt, dann werden wir die Auszeichnung wahrscheinlich auch schließen. Es ist ja auch noch nicht klar, ob es nach vier Wochen nach dem 18.4. tatsächlich weitergeht. Man muss abwarten, ob die eingeleiteten Maßnahmen zur Eindämmung der weiteren Verbreitung des Virus greifen, eine Verlängerung der Schließungen scheint nicht ausgeschlossen.

Wie stellen Sie sich im Warenmanagement darauf ein?
Es deutet sich bereits an, dass wir die Menge an Ware, die wir für die laufende Saison geordert haben, nicht in vollem Umfang benötigen werden. Wir sind natürlich zur Abnahme der noch nicht gelieferten Ware verpflichtet und können die Lieferanten nur bitten, die Ware selbst zu vermarkten. Es wird eine Riesenherausforderung werden, die ganze Ware nach Wiedereröffnung zu vermarkten. Da haben wir jetzt auch noch nicht der Weisheit letzten Schluss gefunden.

Droht eine Rabattschlacht?
Die Wiedereröffnung könnte genau in die Zeit fallen. Wenn es tatsächlich erst Anfang Mai wird, ist die Gefahr natürlich groß. Das gibt ein Hauen und Stechen auf dem Markt. Ende Mai machen wir in der Regel unsere erste große Couponaktion für Stammkunden und das werden wir in diesem Frühjahr auf jeden Fall nutzen müssen.

Wie die meisten Händler haben auch Sie Kurzarbeitgeld beantragt. Wo stehen Sie da aktuell?
Ziemlich am Anfang. Die Behörden sind letztendlich völlig überlastet. Wir haben bislang noch keine Vorgangsnummer erhalten, die wir benötigen, um überhaupt einen Antrag zur Auszahlung von Kurzarbeitergeld zu stellen. Ich habe noch einmal nachgehört, aber bislang keine Rückmeldung bekommen. Aber ich gehe davon aus, dass das funktioniert. Es gibt ja Zusagen unter anderem von der Bundeskanzlerin. Wir bleiben in jedem Fall dran, das Kurzarbeitgeld ist jetzt überlebenswichtig.

Aber in diesem Monat zahlen Sie noch einmal ganz regulär Löhne?
Genau. Diesen Monat zahlen wir natürlich noch komplett aus, das ist auch von der Liquidität alles gesichert. Das ist kein Thema. Und dann hoffen wir, dass wir so schnell wie möglich das Geld erhalten, um es dann weiterzureichen. Die Auszahlung des Kurzarbeitgeldes erfolgt über uns und nicht direkt von der Agentur.

Stichwort Liquidität. Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um handlungsfähig zu bleiben?
Wir haben einen Forecast über die sicheren Abflüsse der nächsten Monate erstellt und können sagen, dass es in Sachen Liquidität in den nächsten Wochen gut aussieht. Unsere Kreditlinie bei den Banken haben wir ausweiten lassen und die Stundung der Umsatzsteuer ist beantragt. Einen gewissen Zeitraum können wir überbrücken.

Über was für einen Zeitraum sprechen wir?
Wenn der Mai vorbei ist und kein Geld herein kommt  - und es kommt ja momentan nur das bisschen aus dem Onlinehandel - dann wird es schon enger. Wir sind natürlich noch dabei, KfW-Mittel zu beantragen. Man weiß aber noch nicht genau, wie das alles gehandhabt wird. Da sind wir in engem Kontakt mit unseren Hausbanken. Aber die Liquidität zu erhalten, ist ja nur der eine Punkt. Irgendwann muss ja auch alles wieder zurückgezahlt werden. Eine wirkliche Unterstützung wären Direkthilfen.



Sie verkaufen aktuell wie viele Händler auch online. Wie läuft das Geschäft?
Wir verkaufen unsere hochwertigen Produkte über Farfetch. Da spürt man jetzt in der Tat in der letzten Woche einen Anstieg von 50-60% mehr als zuvor. Zumindest am vergangenen Wochenende.

Welche Produkte werden jetzt gekauft?
Die begehrten Marken wie zuvor auch. Im Herrenbereich ist es etwa ein Stone Island, ein Moncler. Burberry ist auch sehr gefragt und Golden Goose-Sneaker.

Aus welchen Ländern kommen aktuell die Bestellungen?
Ein Teil geht über den großen Teich, ein Teil in die arabischen Staaten und der größte Teil nach Südostasien. Damit erweitert man sein Absatzgebiet schon deutlich.

Wie sieht es im eigenen Onlineshop aus?
Leider haben wir es vor der Krise nicht geschafft, einen neuen Shop aufzusetzen. Wir sind in unserem bestehenden Shop in der Darstellung und der Artikelbeschreibung nicht sehr gut. Eine Optimierung ist von der IT-Seite leider nicht so schnell umzusetzen. Dennoch stellen wir laufend neue Artikel ein und wollen das Geschäft mit einer kleinen Kampagne ankurbeln.

Und persönliche Beratung per Telefon, Personal Shopping – bieten Sie das jetzt auch an?
Das bieten wir zwar an, aber die Nachfrage ist im Moment noch eher gering.

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