Katag Cheftagung 2021 in Bielefeld

"Am riskantesten ist es, uns keinem Risiko zu stellen"

Sarah Speicher-Utsch
Gastgeber: Daniel Terberger bei der Katag-Cheftagung in Bielefeld
Gastgeber: Daniel Terberger bei der Katag-Cheftagung in Bielefeld

Auf der 66. Katag Cheftagung fordert Vorstandschef Daniel Terberger einheitliche Standards beim Thema Nachhaltigkeit, Chancengleichheit gegenüber Online Pure Playern – und kann sich für die Idee einer Abwrackprämie für Jeans erwärmen.

Es ist wohl die emotionalste Begrüßungsrede, die Katag-Chef Daniel Terberger in den letzten Jahren in Bielefeld gehalten hat. "Ich habe mich noch nie so gefreut, Menschen zu sehen. Ich habe die Nase voll von Videokonferenzen", so Terberger. Die Pandemie habe die Welt weiter im Griff und erst in vielen Jahren werde man abschätzen können, was das mit allen gemacht habe.

Der Vorstand bedankte sich ausdrücklich für die Loyalität und Geduld seiner Partnerhäuser – und bat um Verzeihung bei jenen, die er in dieser Zeit enttäuscht habe. Auch er habe schlaflose Nächte voller Existenzangst gehabt. "Die eigene Unruhe hat mich manchmal nicht den richtigen Ton treffen lassen", gab Terberger vor rund 250 geladenen Gästen zu. Ein Erlebnis sei ihm besonders in Erinnerung geblieben. Weil eine Partnerzahlung überfällig gewesen sei, habe er dort angerufen und vielleicht zu unmittelbar gefragt, wo das Geld bleibe. Die Antwort des Händlers zu Beginn der Pandemie: "Sie haben ja gar nicht danach gefragt, wie es meinem an Corona erkrankten Vater geht."

Katag-Cheftagung in Bielefeld: Gäste und Referenten



Inhaltlich hingegen habe die Pandemie für die Branche nicht viel Neues gebracht: "Alle mussten einen Turbokurs in Digitalisierung erleben." Und auch das Thema Nachhaltigkeit sei, anders als vielleicht erwartet, nicht nach hinten gerutscht, sondern drängender denn je: "Not ist die größte Schöpferin von Innovation", so sein Credo. Der Fachhandel müsse sich Nachhaltigkeit und Digitalisierung in die DNA schreiben - wie Service, Erlebnis und Warenpräsentation.

Terberger sei geschockt gewesen, dass die Modeindustrie für rund 5% der Weltemissionen verantwortlich sei. Das sei mehr als Luftfahrt und Schifffahrt zusammen. "Ein Grund innezuhalten. Dennoch dürfen wir nicht in eine Mea-Culpa-Haltung verfallen." Man solle Dinge besser machen, aber auch stolz darauf sein, was der Handel für die Gesellschaft leiste – wie Arbeitsplätze oder eine belebte Innenstadt.

Terberger forderte aber von der Politik auch gleiche Nachhaltigkeitsstandards für alle. Nur den Deutschen den Grünen Knopf aufzudrücken, sei nicht zielführend. In der Diskussion mit Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen, appellierte er daher, europaweit einheitliche Zertifikate einzuführen. "Die Demütigung des Lockdown hat vielleicht auch bei uns zu Demut geführt und zu der Überlegung, was wir als Händler besser machen können." Am riskantesten sei es jetzt, sich keinem Risiko zu stellen.

Abwrackprämie für Jeans

Chancengleichheit muss laut Katag-Chef auch im Digitalen herrschen. "Es sollte nicht wieder so sein, dass Alibaba und Amazon alles dürfen und der Mittelstand alles muss." Entweder man schaffe Chancengleichheit. Oder man überlege sich Anreize wie in der Automobilindustrie. "VW und Mercedes verdienen Milliarden und kriegen trotzdem 6000 Euro pro verkauftem PKW dazu", sagte Terberger in Anspielung auf die Prämie, die der Staat beim Verkauf je eines E-Autos dazu gibt. "Wenn der Staat bei jeder nachhaltigen Bluse 20 Euro dazu tun würde, wäre das ganz nett." Göring-Eckardt versprach, die Idee einer "Abwrackprämie für Jeans" mitzunehmen. Darauf sei sie noch gar nicht gekommen.
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