Kommentar zu den Teilöffnungen im Handel

Bluse oder Bohrer

TextilWirtschaft

Am Wochenende waren wir bei Obi. Klebeband holen. Und ein Fläschchen Feinmechanik-Öl. Vielleicht würden wir eine Wasserpistole finden, als ethisch vertretbare Maßnahme gegen die Taube, die im Hinterhof frühmorgens nervt.

Ich bin nicht oft bei Obi. Erstaunlich, was es alles gibt. Vieles, was man brauchen könnte. Vieles, was man aber überhaupt nicht braucht. Jedenfalls nicht imminent. Und schon gar nichts, was der Grundversorgung dient. Milch zum Beispiel. Oder Brot. Dennoch ist der Laden offen. Voll war’s selbstverständlich auch. Man hat ja sonst nicht viel zu tun. Draußen standen sie in Schlange.

Natürlich regt das alle anderen auf, die vieles, aber ebenfalls nichts wirklich Lebensnotwendiges verkaufen, aber dies – im Unterschied zu Obi und vergleichbaren Konsum-Vergnügungsstätten – nicht dürfen.



Sie alle, Modehändler vorneweg, hatten auf den 20. April gehofft. Und wurden schwer enttäuscht. Nicht, weil die Bundesregierung den Schutz der Gesundheit weiterhin vor alles andere stellt und vorsichtig agiert. Sondern, weil der Eindruck sich bei vielen zementiert, dass es – Corona hin, Corona her – nicht fair zugeht bei der Lockerung der Lasten. Und: Dass es bei denen, die darüber befinden, in hohem Maße fehlt an Einblick, Feingefühl und Differenzierung.

Während ganze Branchen fast stillstehen, machen andere weiter, als sei nichts geschehen. Ist das Gemeinsinn? Gleichbehandlung im Sinne des Gesetzes? Manche meinen: Die Kosten zur Eindämmung des Virus werden privatisiert.

Was ist wichtiger, der Bohrer von Obi oder die Bluse von Peek & Cloppenburg?

Das Funktionieren von Märkten ist abhängig von Rahmenbedingungen. Was die Leute auf die Palme bringt, ist das Gefühl von Ohnmacht und Willkür. Entweder, man entscheidet gerecht – oder gar nicht. Und nun? Nun dürfen einige weitere Läden wieder aufsperren, doch nur die, die eher kleine Flächen haben. Damit, völlig klar, ist der Unmut jetzt noch mal so richtig hochgekocht.

Dass Handelsflächen bis 800m² öffnen dürfen, solche mit mehr Fläche aber nicht, wird hergeleitet mit Hinweis auf einen Paragraphen im deutschen Baurecht. Man liest es. Und man glaubt es nicht. Absurd. Im Grunde ist dazu alles gesagt. Warum in kleinformatigen Stores der Schutz vor Infektionsübertragung besser gewährleistet sein soll als dort, wo sehr viel umfangreichere Zerstreuungsmöglichkeiten bestehen, ist Leuten, die ihre Sinne noch beisammen haben, nicht zu vermitteln. Darum ging es ohnehin fürs Erste nicht.



Worum es ging, ist klar. Man wollte, dass die Menschen besser weiterhin zu Hause bleiben und nicht bereits in großen Gruppen in die Innenstädte kommen.

Das kann man so entscheiden. Doch dann hätte man nicht blauäugig darüber schwadronieren sollen, dass man nun den Handel wieder stützen möchte und damit das Leben in der Stadt. Weitere Lockerungen seien ja geplant. Friseure und Kosmetikerinnen sind als Nächste an der Reihe. Die Glücklichen.

Geschätzt knapp zwei Drittel des stationären Fashion Business sind nach wie vor vom Leben abgeschaltet. Weil die Leuchttürme in den Innenstädten dunkel bleiben. Kein Wunder, dass auch die meisten der anderen über eher mauen Zuspruch klagen. Urbanes Leben in Nischen ist wie Fußball ohne Publikum.

Die Kanzlerin spricht von Öffnungsdiskussionsorgien. Und wirkt skeptisch. Ein neues Datum dürfte diejenigen nervös machen, die schon länger warten. Erst am 8. und 9. Mai werde man mehr wissen, wie es in der Wirtschaft weitergeht. Vielen läuft die Zeit davon. Der Handel blutet aus. Zeitgleich gehen Restaurant-Betreiber, Café-Besitzer, Kneipeninhaber, die ebenfalls vergeblich hoffen, in die Knie. Ist das die neue Normalität?

Niemand möchte in der Haut der politischen Entscheidungsträger stecken. Es ist, gelinde gesagt, heikel, navigieren zu müssen im Widerspruch zwischen medizinischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verantwortung. Proklamiert ist die Zeit der kleinen Schritte, sie ist fundiert von sehr seriösen Argumenten. Am nächsten größeren Schritt kommt man dennoch nicht vorbei. Die Idee, enge Formate als Labor heranzuziehen, um zu sehen, ob Distanzgebote im sozialen Miteinander vieler Menschen respektiert werden, wird jedenfalls nicht zur Erhellung führen.

Die Gesellschaft hat gelernt und ist dabei, noch mehr zu lernen. Hygiene-Vorrichtungen, Maskenpflicht, Abstandsregeln (die bei Zuwiderhandlung teuer bestraft sein sollten), Kontrollen, permanente Tests – dies alles wird kommen und ist schon da. Wir werden dann sehen, wie groß die Lust auf Freiheit ist. Vielleicht führt sie zu vernünftigem Verhalten. Probieren wir es aus.

Was in Hongkong, einer 7,5 Millionen-Metropole mit nicht mal 1000 Infizierten, gut gelingt, sollte auch in Hamburg möglich sein.
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