Marc O'Polo-Produktvorstand Susanne Schwenger

"Für Plakativität und Oberflächlichkeiten ist momentan kein Platz"

Marc O'Polo
Als Chief Product Officer ist Susanne Schwenger beim Causalwear-Spezialisten Marc O'Polo für die Sparten Design, Produktion, Marketing und Lizenzen verantwortlich.
Als Chief Product Officer ist Susanne Schwenger beim Causalwear-Spezialisten Marc O'Polo für die Sparten Design, Produktion, Marketing und Lizenzen verantwortlich.

Fitting mit Mundschutz, virtuelle Salesmeetings, Saisonplanung im Zeichen des Shutdowns. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie zwingen Designer und Produktverantwortliche zu noch mehr Kreativität und Flexibilität als je zuvor. Ein Gespräch mit Susanne Schwenger, CPO bei Marc O'Polo über aktuellen Chancen und Risiken.

TextilWirtschaft: Frau Schwenger, Arbeit im Krisenmodus wohin man blickt. Wie sind Sie aktuell in der von Ihnen geführten Produkt- und Designsparte aufgestellt?
Susanne Schwenger: Durch die Cyber-Attacke im vergangenen Jahr sind wir krisenerprobt. Vor allem im kreativen Bereich haben wir seitdem gelernt, uns darauf einzustellen, was zu tun ist, wenn von einem Tag auf den anderen im Unternehmen alles komplett anders ist.

Wie haben Sie reagiert?
Wir haben sichergestellt, dass alle Mitarbeiter so versorgt sind, dass sie technisch optimal im Homeoffice arbeiten können. Die Bedrohung durch das Corona-Virus haben wir von Anfang an sehr ernst genommen und einen Krisenstab gebildet und umfassende Maßnahmen eingeleitet.

Haben Sie Mitarbeiter, die immer noch auf dem Firmengelände arbeiten?
Die Arbeitsgruppen in den einzelnen Produktkategorien für DOB und HAKA sowie die Einkaufsteams sind diesbezüglich aufgeteilt und wechseln sich ab. Maximal sind 10% der Mitarbeiter am Campus. Der Rest arbeitet von zuhause aus. Auch dort können Skizzen und Moodboards erstellt und für alle sichtbar ins System übertragen werden.

Welche Herausforderungen gibt es durch die Arbeit über die Distanz?
Fittings können natürlich nicht allein übers Homeoffice laufen, dafür müssen Modelle und Designer sich schon von Angesicht zu Angesicht treffen. In diesem Fall arbeiten maximal zwei Leute zusammen. Alles natürlich mit Mundschutz und dem nötigen Abstand. Ein Techniker wird dann zusätzlich per Skype zugeschaltet. Auch fand unser aktuelles Salesmeeting für die Vertriebskollegen virtuell statt.

Sich vor Ort auf die Lage einzustellen, ist das eine. Doch inwiefern sind Ihre Lieferanten und künftige Kollektionen durch die Krise gefährdet?
Ich würde nicht sagen, dass unsere Kollektionsentwicklung an sich gefährdet ist. Wir selbst können momentan relativ gut damit umgehen. Die größere Herausforderung haben wir mit Blick auf unsere Lieferanten, die momentan zum Teil nicht mehr arbeiten können.

Können Sie das näher erläutern?
Zunächst waren die Auswirkungen des Corona-Virus ein immenses Problem für unsere Partner in China, was uns dazu gezwungen hat, auf andere Lieferanten und Länder auszuweichen. Mittlerweile fangen unsere dortigen Partner wieder an zu arbeiten, dafür kommen schlechte Nachrichten aus Indien. Ein Markt, in dem wir beispielsweise Jerseys produzieren und der jetzt von Arbeitsrestriktionen und Schließungen betroffen ist. Auch von den verschärften Maßnahmen in Italien sind wir hart getroffen. Dort werden vor allem für die DOB viele Webqualitäten für Mäntel, Blazer sowie Kleider produziert.

Was tun Sie jetzt?
Jetzt denken wir neu und prüfen verschiedene Optionen. Zum Beispiel: China, Türkei und Portugal. Wir wollen uns auch nicht aus betroffenen Ländern wie Indien oder Italien zurückziehen, wenn die Arbeit dort wieder aufgenommen werden kann. Gerade die Kreativität der italienischen Stoffhersteller ist nicht zu ersetzen und wir hoffen, dass unsere Stammlieferanten die Krise überstehen.

Corona hat die Abläufe in der gesamten Lieferkette verändert. Auch von Konflikten zwischen Bekleidungsherstellern und den Lieferanten ist zu hören, was können Sie berichten?
Diese Krise trifft alle hart – von der Vorstufe bis zum Handel. Unsere Partnerschaften in der Vorstufe beruhen meist auf langjährigen, engen, vertrauensvollen Kooperationen. Und das kommt auch jetzt zum Tragen. Man ist sich einig, wir müssen da zusammen durch und das geht nur mit gemeinschaftlichem Engagement. Niemand beharrt auf seinen Positionen, sondern man entwickelt kreative Ideen mit Blick auf die Rohstoffe und das Warenmanagement. Beispielsweise bietet uns ein Hemdenstofflieferant an, Stoffe, die wir jetzt nicht mehr für Herbst verarbeiten wollen, zu parken und erst in einem halben Jahr einzusetzen. Und auch wir kommen der Vorstufe entgegen, denn es gibt etliche Spezialisten, die Key-Produkte und Qualitäten von uns hervorragend umsetzen und die wir natürlich nicht verlieren wollen.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie mit Blick auf den aktuellen Saisonverlauf, den Herbst und die anstehende Order? Gibt es Kürzungen künftiger Kollektionen?
Den Umfang der Herbst/Winter Kollektion haben wir um 20 % verkleinert. Nun warten wir ab, wie unsere Wholesale-Kunden in den nächsten Tagen hinsichtlich ihrer Sortimente und Budgets reagieren werden. Vieles ist noch unklar. Was sicher ist: Die Orderphase wird digital ablaufen. Kundentermine in Showrooms werden nicht stattfinden. Daher haben wir auch unsere Sales-Teams mit einem digitalen Einverkaufstool vorbereitet.

Welche Ordertermine sind in den nächsten Wochen für Ihre Planung von besonderer Relevanz?
Es muss sich zeigen, wie sich der Verkauf des zweiten Teils der Herbst-Kollektion gestalten wird. Bei den Herren dreht es sich aktuell um die Liefertermine Oktoberund die Pre-Collection zum Frühjahr 2021. Bei den Damen geht es um September, Oktober und ebenfalls die Pre-Collection zum Frühjahr 2021.

Wie schätzen Sie die Kaufbereitschaft Ihrer Handelskunden ein?
Natürlich gehen wir nicht von den gleichen Budgets aus, die wir noch vor der Corona-Krise eingeplant haben. Aber eines ist klar: Ein Händler, der die Inhalte eines Liefertermins September nicht ordert, der zu den umsatzstärksten Monaten zählt, kann im Herbst aus unserer Sicht auch kein Business machen. Der Bedarf liegt dann vor allem bei Jacken und Strick und darauf bei der Order zu verzichten, halten wir für keine gute Option.

Welche Prognosen haben Sie mit Blick auf die Vermarktung der nächsten Frühjahrskollektion? Rechnen Sie mit zeitlichen Verzögerungen durch weitere Shutdowns und Verschiebungen bei Ihren Lieferanten?
Das können wir noch nicht sagen. Denn die Lage ändert sich täglich. Wir sind im ständigen Austausch mit unseren Lieferanten, denn trotz Shutdown sind viele davon weiterhin über Homeoffice aktiv. Es wird täglich telefoniert, in Video-Konferenzen kommuniziert und entschieden – mit dem Wissen, dass es morgen jedoch wieder anders sein kann.

Wie sieht es diesbezüglich mit Mustern und Prototypen zum Frühjahr aus?
Ein Teil der der Prototypen ist bereits bei uns eingetroffen, vor dem Shutdown beispielsweise Jerseys. Ein großer Vorteil ist unsere eigene Musternäherei, die gerade sehr aktiv ist und uns bei dem Prozess enorm hilft. Alle Qualitäten, die wir noch aus Italien bekommen haben, können beispielsweise dort bearbeitet werden. Insgesamt rechnen wir zum Frühjahr mit einem Anteil 50% digitaler Sketches und 50% echten Prototypen.

Welche Auswirkungen hat das fehlende Verkaufsfeedback aus der aktuellen Saison auf die Planung der neuen Frühjahrs-Must-haves?
Ich glaube, dass die ganze Lage einen großen Einfluss auf das Einkaufsverhalten der Konsumenten haben wird. Diese werden künftig noch genauer überlegen, was sie kaufen und bewusster konsumieren. Und daraufhin werden alle Produkte auf ihre Relevanz überprüft. 

Wird sich auch der Umfang der Frühjahrskollektion verändern?
Wir werden uns in dieser Woche die Liefertermine Januar, Februar und März genau ansehen und dann entscheiden.

Was halten Sie von der Idee, aktuelle Frühjahrsartikel aus den Sortimenten zu nehmen, um sie im nächsten Jahr wieder einzusteuern?
Die wichtigste Frage ist, wann sich der Geschäftsbetrieb wieder normalisieren wird. Denn davon hängt alles ab. Wenn jetzt der Handel in ein paar Wochen wieder öffnen darf, sind noch immer viele richtige Produkte auf der Fläche. Das liegt auch daran, weil wir schon dieses Frühjahr saisonunabhängige Produkte wie Polos, Jerseys, Knitwear forciert haben.

Inwiefern werden anstehende Liefertermine mit Blick auf die Krise angepasst?
Wichtiger als die Liefertermine sind aus unserer Sicht nun die Inhalte. Natürlich wird es Liefertermine für Juli und August geben – aber was sie beinhalten und in welchem Umfang wir sie präsentieren, das werden größere Herausforderungen für uns sein. Hinzu kommt die Frage: Wie saisonunabhängig gestalte ich bestimmte Liefertermine? Ready-to-wear und Ganzjahreslieblinge sind gesetzt.

Hat Corona auch eine Auswirkung auf die modische Aussage der Kollektionen?
Ich glaube schon, aber nicht dahingehend, dass es weniger modisch wird. Ich denke, dass Materialien noch mehr in den Fokus rücken werden – das Interesse an nachhaltig produzierten und langlebigen Produkten wird steigen. Das heißt aber nicht, dass Kollektionen einen Basic-Charakter haben werden. Jeder muss sich jetzt noch intensiver mit der Gemütslage und Stimmung seiner Zielgruppe beschäftigen und dahingehend Kampagnen und Kommunikation überarbeiten. Ich glaube allerdings, für Plakativität und Oberflächlichkeiten ist momentan definitiv kein Platz. 

 

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