Design in der Isolation: Lala Berlin-Macherin Leyla Piedayesh im Interview

"Wir wollen den Markt jetzt nicht mit Produkten überfluten"

Lottermann/Fuentes
Lala Berlin Macherin Leyla Piedayesh: "Weniger ist mehr."
Lala Berlin Macherin Leyla Piedayesh: "Weniger ist mehr."

Normalerweise sind Designer permanent unterwegs, auf der Suche nach Inspirationen, auf Rechecherche zum Trendspotting und im Austausch mit vielen Kollegen. Wie sieht ihre Arbeit aus, wenn Isolation oberstes Gebot ist?

Leyla Piedayesh, die Frau hinter dem Berliner Label Lala Berlin spricht im TW-Interview über Entschleunigung in Zeiten von Corona, über weniger ist mehr, Entschlackung und die positive Kraft der Musik.

TextilWirtschaft: Frau Piedayesh, wie sieht die Arbeit der Kollektionserstellung im Moment bei Lala Berlin konkret aus? Treffen Sie sich in kleinen Gruppen mit Abstand oder nur über Videokonferenz?

Leyla Piedayesh: Wir haben unseren Arbeitsablauf soweit es geht digitalisiert und besprechen täglich aktuelle Aufgaben in Videokonferenzen. Vor allem für den Bereich Design stellt dies – auch für mich – eine neue Herausforderung dar, da wir ansonsten alle im Atelier arbeiten. Aber die Sicherheit unserer Mitarbeiter ist von größter Bedeutung, deshalb sehen wir von persönlichen Treffen − auch aus der Entfernung − ab. Das gesamte Team hat die Herausforderungen angenommen und übertrifft die Erwartungen, um den Geschäftsbetrieb so normal wie möglich aufrechtzuerhalten.

Wie kann Kreativität auf Distanz funktionieren?
Dank der modernen Kommunikationsmittel sehen wir da eigentlich kein Problem. Ganz im Gegenteil: Was im Moment passiert ist eine Art Entschleunigung, die wiederum Raum für mehr Kreativität schafft.

Mehr Raum, mehr Zeit – brauchen Sie die auch, weil die Musterteile vielleicht nicht rechtzeitig kommen?
Zu Beginn der Krise hatten wir Lieferengpässe von Mustern, da die Fabriken in China stillstanden. Inzwischen haben wir uns dazu entschieden, die davon betroffene Kollektion komplett ausfallen zu lassen, um unsere Mitarbeiter und den Markt nicht unnötig zu überlasten.

Wie reibungslos funktioniert überhaupt die Zusammenarbeit mit der Vorstufe?
Die Prozesse zwischen unseren Design- und Produktentwicklungsteams sind die gleichen wie zuvor. Glücklicherweise wurden viele der persönlichen Treffen vor den Bewegungseinschränkungen abgeschlossen. Diese Zeiten haben uns herausgefordert, in unseren Entscheidungen und Handlungen noch effizienter zu sein. Interne und externe Produktionsschritte werden nun noch sorgfältiger geprüft.  Es erfordert viel Geduld, Kompromissbereitschaft und schließlich auch die Zuversicht, dass sich die Situation bald verbessern wird.

Stellen Sie durch die neue Situation noch konsequenter auf digitale Kollektionserstellungsprozesse um?
Wir haben schon immer auf eine gesunde Aufteilung zwischen der klassischen und digitalen Kollektionserstellung geachtet. Es gibt immer noch ausgewählte Kollektionsteile, bei denen Handwerkskunst, unabdingbar ist. Darauf möchten wir auch in Zukunft keineswegs verzichten. Tradition und Handwerk sollten mit der Digitalisierung einhergehen, das war mir von Anfang an sehr wichtig. Im Moment müssen wir unsere Ressourcen schonen und an der ein oder anderen Stelle ganz klar Abstriche machen.

Sind Sie zeitlich in Verzug?
Wir liegen was die Kollektionserstellung angeht im Moment noch gut im Zeitplan und sind hier mit einem flexiblem Produktionsteam im Rücken ganz gut für die kommenden Monate gewappnet.

Haben sich die Kollektionsinhalte angesichts der Pandemie verändert? Wenn ja, inwiefern?
Bereits vor dem Ausbruch der Pandemie haben wir an der Frühjahr/Sommerkollektion für 2021 gearbeitet, die planmäßig im Januar in die Läden kommt. Inhaltlich bleiben wir unserem Konzept treu, wir werden die Kollektion aber in ihrem Umfang reduzieren, um den Markt nicht unnötig mit Produkten zu überfluten.

Das heißt, die Kollektion wird gestrafft?
Wir haben uns schon immer dafür entschieden, lieber auf Qualität als auf Quantität bei der Kollektionserstellung zu setzen. Unsere kommenden Kollektionen werden wir aufgrund des instabilen Marktes umso mehr „entschlacken“, und uns mehr fokussieren. Weniger ist mehr!

Was heißt das konkret, zum Beispiel in Bezug auf Liefertermine? Oder auch Preislagen?
Wir haben uns entschieden, die kommende Beach&Resort-Kollektion, sowie die zwei Auslieferungstermine der Herbst/Winter-Kollektion, um je einen Monat nach hinten zu schieben, um dem Markt Zeit zu geben, sich auf die neue Situation einzustellen. Für unsere eigenen Kanäle und die unserer Großhandelskunden bedeutet die Schließung von Geschäften, dass die laufenden Lieferungen nicht die übliche Verkaufszeit auf der Fläche haben werden. Es ist geschäftlich also sinnvoll, künftige Lieferungen zu verzögern, um eine gesunde Lagerhaltung zu gewährleisten, wenn die Märkte wieder zur Normalität zurückkehren.  Es ist im Moment wichtiger denn je mit unseren Einzelhandelskunden intensive Gespräche zu führen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Nur in gemeinsamer Absprache und gegenseitiger Kompromissbereitschaft können wir diese Krise bewältigen. An der Preisgestaltung selbst werden wir dagegen nichts verändern, da die Produkte in ihrer Herstellung und Aufwand identisch bleiben.

Sie sagten vorhin, weniger ist mehr − das gilt derzeit auch in Sachen Inspiration. Wo inspirieren Sie sich in Zeiten des Kontaktverbots noch, wenn man nicht nach draußen darf?
Ich nutze im Moment die Zeit, viel zu lesen − vor allem Ratgeber und Spirituelles, um das Gehirn zu trainieren, um mit Krisen und aufkommenden Unsicherheiten besser umgehen zu können und noch positiver zu denken. Außerdem höre ich ganz bewusst Musik, was mich ungemein inspiriert. So eine Krise hat dann doch ihre positiven Seiten, indem sie dem Alltag die Hektik entnimmt.

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