Lastenfahrräder in der Zustell-Logistik

Pakete, Pedale, Parkplätze

Hermes
Mit neun futuristischen Lastenfahrrädern stellt Hermes in Berlin schon Pakete zu, demnächst sollen 18 Stück eingesetzt werden.
Mit neun futuristischen Lastenfahrrädern stellt Hermes in Berlin schon Pakete zu, demnächst sollen 18 Stück eingesetzt werden.

Hermes sieht in den Innenstädten großer Citys viel Potenzial für die Zustellung von Paketen mit elektrisch unterstützten Lastenfahrrädern. Nach erfolgreichem Test setzen die Hanseaten die cool aussehenden Fahrzeuge im regulären Betrieb ein.

Es ist öffentlich wohl selten so viel debattiert worden über den Zustand und die Zukunft der Innenstädte in Deutschland wie in der jetzigen Zeit. Von Jahrhunderte altem, europäischem Kulturgut ist die Rede, das erhalten werden müsse. Von architektonischen und planerischen Herausforderungen. Von den Bedürfnissen von Handel, Gastronomie und Bewohnern. Von der Neuverteilung des Raumes zwischen Fußgängern und Verkehrsmitteln. Zuletzt spiegelte der Online-Kongress Zukunft Stadt der dfv Mediengruppe Ende April den Stand der Diskussion und die Vielzahl der Ansichten, Ansprüche und Herausforderungen.


Wie auch immer sich die Innenstädte entwickeln werden, eins ist klar: Der möglichst problemlose Transport von Menschen und Gütern in und aus den Innenstädten ist eine zwingende Voraussetzung, damit sie funktionieren können.


Prof. Markus Mau, er ist unter anderem einer der Gründer der Frankfurter Beratung Smart City Concepts, plädierte beim genannten Kongress für die Verbindung von smarter Mobilität und ökonomischer Nachhaltigkeit. Er hält das für einen der Schlüsselfaktoren.

Darüber, was smarte Mobilität ist, könnte man vermutlich mehrbändige Werke verfassen. Sicher ist, dass die Belieferung von Gewerbe und aufgrund kräftig steigender Umsätze die Zustellung von Online-Bestellungen zwingend dazu gehört.

Doch die sogenannte letzte Meile stellt KEP-Dienstleister (Kurier, Express, Paket) vor zunehmend größere Aufgaben. Der Verkehr in Innenstädten wird immer dichter, Parkplätze sind kaum vorhanden, Parken in zweiter Reihe wird aus guten Gründen immer stärker sanktioniert. Dennoch soll die Belieferung schnell erfolgen, flexibel mit verschiedenen Zustellzeiten, und nicht zuletzt möglichst leise und emissionsfrei.


Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen sieht der Hamburger KEP-Dienstleister Hermes großes Potenzial in E-Lastenrädern. In Berlin kooperieren die Hanseaten deshalb mit dem Unternehmen Onomotion, einem in der Hauptstadt ansässigen Hersteller von elektrisch unterstützten Lastenrädern.

Im Laufe der nächsten Wochen will Hermes 18 dieser Cargobikes in dicht besiedelten Bezirken der Hauptstadt bei der Haustürzustellung einsetzen. Neun davon stellen bereits Pakete emissionsfrei zu. Nach erfolgreichem Abschluss eines Pilotprojektes setzt Hermes die Fahrzeuge erstmals im Serienbetrieb ein. Der Pedal Assisted Transporter (PAT) erfüllte in der Pilotphase im Sommer 2019 alle technischen Anforderungen des Logistikdienstleisters für die Paketzustellung, sodass Ono nun ein wichtiger Baustein im Mobilitätskonzept Urban Blue von Hermes Germany ist.

Rund 30 Kilometer Reichweite haben die von Hermes verwendeten Lastenfahrräder des Berliner Herstellers Onomotion.
Onomotion/Janine Graubaum
Rund 30 Kilometer Reichweite haben die von Hermes verwendeten Lastenfahrräder des Berliner Herstellers Onomotion.

Lastenräder sollen Diesel-Transporter ersetzen

Der PAT ist ein Nutzfahrzeug, das rechtlich als Fahrrad gilt, sich jedoch aufgrund des Designs und der Funktionalität mit 220 Kilogramm Nutzlast klar an Kleintransportern orientiert. Hermes verfolgt mit Konzept Urban Blue das Ziel, bis 2025 die 80 größten deutschen Innenstädte emissionsfrei zu beliefern. „Für uns sind Lastenräder eine sinnvolle Ergänzung zu Transportern – insbesondere im urbanen Raum. Ono hat ein passendes Angebot für einen Langzeittest geschaffen, der wirklich gut zu unserer Entwicklung passt“, sagt Michael Peuker, Sustainability Manager bei der Hermes Germany GmbH. In Verbindung mit eigens eingerichteten Mikrodepot im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg habe die Pilotphase gezeigt, was nun der zwölfmonatige Langzeittest vertiefen soll: Nur noch sehr große und sperrige Pakete müssen mit einem größeren Transporter zugestellt werden. Ziel ist es, dass ein Lastenrad einen Transporter mit herkömmlichem Dieselantrieb ersetzt.

Hersteller Ono bietet das dreirädrige, pedalunterstützte Nutzfahrzeug mit zwei Elektromotoren mit einem Leasing-Vertrag und flexiblen Laufzeiten an. Der Vertrag beinhaltet unter anderem die Wartung, eine Vollkaskoversicherung, eventuelle Verschleißreparaturen und einen Zugang zu Akkutausch-Automaten.

Drei bis fünf Kilometer Radius, 80 bis 100 Sendungen

In der vierwöchigen Pilotphase hat Hermes mit dem PAT in einem Radius von drei bis fünf Kilometern zugestellt. Je nach Größe der Pakete luden Zusteller 80 bis 100 Sendungen in die abkoppelbare Cargo-Einheit des Fahrzeugs. Das Pilotprojekt sollte demonstrieren, dass die Umstellung eines konventionellen Lieferfahrzeuges auf das Lastenrad für die Logistikbranche machbar ist. „Im Praxistest hat uns das Nutzfahrzeug überzeugt. Das Cargobike hat viele Pluspunkte in der Funktionalität und erfüllt unsere hohen Anforderungen an eine emissionsfreie Paketzustellung“, sagt Peuker.

Das wetterfeste, schmale Cargobike habe im Test vor allem aufgrund seines Ladevolumens von mehr als zwei Kubikmeter, einer Nutzlast von 220 Kilogramm, einer Reichweite von 30 Kilometern pro Akkuladung und einer Tretunterstützung von bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde. Vor allem die abkoppelbare Cargo-Einheit habe sich als großer Vorteil erwiesen, da der Fracht-Container schon vor der Anlieferung im Mikrodepot fertig kommissioniert werden konnte. „So konnten wir auch testen, wie es sich auf die Zustellung auswirkt, wenn innerhalb einer Tour das Hub nochmals angefahren werden muss, um einen neuen Container zu laden. Da dieser schon fertig kommissioniert war, konnte der Fahrer ohne Wartezeit gleich weiterfahren“, sagt Thomas Lange, Teamleiter Management Last Mile bei Hermes.

Neben dem Ziel, die Emissionen bei der Zustellung in Innenstädten kontinuierlich zu senken, biete der elektrisch unterstützte City-Transporter nach eigenen Angaben für Hermes weitere Vorteile. Peuker: „Wir dürfen auf Radwegen, an Staus vorbei sowie in vielen Einbahnstraßen in beide Richtungen fahren. Das vereinfacht den Betrieb spürbar.“ Auch die Parkplatzproblematik, mit der die Zusteller zum Beispiel aufgrund von fehlenden Ladezonen in den Innenstädten zu kämpfen haben, werde entschärft. Zudem reduzierten sich für die Boten die Laufwege.

220 Kilo Nutzlast können die elektrisch untertützten Lastenfahrräder transportieren
Onomotion/Janine Graubaum
220 Kilo Nutzlast können die elektrisch untertützten Lastenfahrräder transportieren

Werden rare Lagerflächen zum Hemmschuh?

Trotz großem Potenzial bei der Zustellung mit Lastenrädern und vielen Vorteilen weist Hermes-CFO Hendrik Schneider darauf hin, dass es mit der Anschaffung von Lastenrädern allein nicht getan ist. Eine Herausforderung seien unter anderem Mikrodepots, die für die Zustellung mit Fahrrädern notwendig seien. „Lagerflächen sind gerade in Innenstädten rar und hart umkämpft. Dabei ist die Paketlagerung vor Ort eine Grundvoraussetzung für die Zustellung mit den Cargo-Bikes. Hier fehlt es vielerorts an passenden Lösungen. In Hamburg nutzen wir zum Beispiel ein Mikrodepot gemeinsam mit anderen Logistikern. Solche Zusammenschlüsse sind enorm wichtig und zeigen: Wir müssen den Weg gemeinsam gehen.“

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