Lösungsideen in Zeiten von Corona

Kommt nach der Corona-Krise ein neuer Saisonrhythmus?

Gresch
Norbert Gresch will zurück zu alten saisongerechten Rhythmen.
Norbert Gresch will zurück zu alten saisongerechten Rhythmen.

Die Corona-Krise fordert ein radikales Neu- und Umdenken in alle Richtungen. Neue Allianzen, neue Denkansätze, neue Lösungsansätze tun sich auf. Unter dem Schlagwort „Die Krise als Chance” gibt es jetzt eine Initiative, die die Branche zu einem Umdenken in Sachen Saisontiming bewegen will.

Not macht erfinderisch und setzt vor allem kreative Kräfte frei. So verwundert es nicht, dass jetzt erste Stimmen laut werden, die unter dem Druck des aktuellen Corona-Lockdowns konstruktive Lösungsansätze suchen und versuchen, die Modebranche zu alten, jahreszeitenentsprechenden Saisonrhythmen zurückzuführen.


Die Initiative geht auf Norbert Gresch zurück, der in Hamburg die gleichnamige Agentur betreibt, in der er unter anderem Labels wie Blonde No.8, Grace und Absolut Cashmere vertritt. Nach Gesprächen mit Händlern und Partnern in der Industrie hat er sich am Freitabend mit einem Schreiben an Kunden, Geschäftparter und Freunde gewandt. Sein Aufruf: „Wir haben durch diese Krise die Chance, das Boot, in dem wir alle sitzen, historisch in eine richtige Richtung zu lenken.” Er spricht dabei die gesamte Kette vom Produzenten über die Händler bis zu den Messeveranstaltern an.

Im Kern geht es um folgende Punkte: Zunächst soll durch den Verzicht auf übereilte Reduzierungen und Sale-Aktionen nach Wiedereröffnung der Läden eine Verlängerung der Sommersaison initiiert werden. Dadurch schaffe man  einen längeren Abverkaufszeitraum der Frühjahrsware ohne Abschriften, die dem Handel, die Möglichkeit geben könnte, die aus der Schließung entstandenden Einbußen aufzufangen. Entsprechend müsse mit der Auslieferung der Herbst-/Winterware erst später, etwa ab September, begonnen werden. Analog dazu müsste sich auch die Orderrunde Frühjahr/Sommer 2021 auf Anfang September verschieben. Die Auslieferung der Frühjahrsware dann ebenso auf Mitte Februar/Anfang März 2021. Die Messen müssten in diesem Konzert ebenfalls nach hinten rücken.


Damit würde der Druck auf alle Beteiligten in der Kette, von der Kollektionserstellung zum Frühjahr bis zur Auslieferung der Herbstware, die ja durch teils geschlossene Produktionsstäten ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen sind, durch die fehlenden Verkaufswochen minimiert.

Soweit das Denkmodell von Gresch in groben Zügen. „Wir wären endlich wieder bei alten Rhythmen. Die Problematik ist doch, dass im Moment im Mai Herbstware und im Oktober Frühjahrsware geliefert wird. Darüber regen wir uns alle seit Saisons auf. Jetzt haben wir die einmalige Chance, das zu drehen, die Krise zu nutzen und uns endlich wieder die Saisonrhythmen gerade zu rücken. Es wäre eine Win-Win-Situation für alle.”

Dass dabei viele, sehr komplexe Punkte zu beachten sind, von Produktions- über Kollektions- bis zur Messeplannung ist dem Hamburger bewusst. „Ich wollte jetzt erstmal diesen Denkanstoss geben. Die genaue Terminierung und Planung müssen andere übernehmen. Doch die erste Resonanz stimmt mich sehr positiv und hoffnungsvoll. Ich habe schon am ersten Tag über 200 Rückmeldungen bekommen. Allesamt stehen zu 100% hinter der Idee, nach Corona endlich wieder andere Liefer- und dadurch Verkaufsrhythmen zu haben. Ich spüre echten Tatendrang in der Branche”, so Gresch, der bereits mit Händlern wie Bailly Diehl, Frankfurt, Classico, Hamburg, den Machern von Drykorn und Blonde No. 8 sowie Anita Tillmann von der Premium im Austausch stehe.

Als möglichen Ansatz, um verfrühte  Reduzierungen zu verhindern, sieht er eine vielleicht auch temporäre Ergänzung zum Rabattgesetz, die Sales in diesem Sommer vor Juli untersage. Auf den sozialen Netzwerken zumindest ist bereits eine lebhafte Diskussion entbrannt. Und auch Händler und Industrievertreter reagieren auf die Idee angesprochen, durchaus offen. „Das wäre grandios. Das wäre ich sofort dabei”, so etwa Alexander Lochner von Lochner Top Fashion in Burghausen. Die Diskussion ist auf jeden Fall eröffnet. Bleibt abzuwarten, wohin die Branche steuert. Back to the 80s.
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