L&T im Lockdown - das Protokoll mit Geschäftsführer Thomas Ganter

"Wir müssen uns selbst retten"

Mike Meyer
L&T-Geschäftsführer Thomas Ganter: "Die Shopping-Laune und die Sehnsucht nach Normalität sind bei unseren Kunden stark zu spüren."
L&T-Geschäftsführer Thomas Ganter: "Die Shopping-Laune und die Sehnsucht nach Normalität sind bei unseren Kunden stark zu spüren."

Seit rund einer Woche hat L&T wieder geöffnet − zumindest teilweise. Welche zum Teil überraschende Herausforderungen der Restart mit sich bringt, verrät Geschäftsführer Thomas Ganter in einer neuen Folge des Corona-Protokolls.


TextilWirtschaft:
Herr Ganter, seit vergangener Woche dürfen Modehändler in den meisten Bundesländern auf einer Fläche von 800m² wieder öffnen. Wie haben Sie die Vorgaben bei L&T umgesetzt?

Thomas Ganter: Offen sind seit Montag mit jeweils 400m² unsere Damen- und Herren- Anschlussgrößen-Konzepte Kurvenqueen und XXL Men sowie mit 800m² unser Outlet am Stadtrand. Am Dienstag kamen weitere 800m² im Erdgeschoss unseres Young Fashion Konzeptes Sygn und im Sporthaus dazu. Am Donnerstag konnten wir im Erdgeschoss des Modehauses weitere 800m² eröffnen.

Wie bespielen Sie die abgetrennte Fläche im Modehaus?
Unsere Idee hier ist es, den Kunden eine „Concept Store-Fläche“ anzubieten. Das Sortiment setzt sich aus allen Bereichen unseres Modehauses zusammen. 15.000m² auf verkleinerten 800m². Damen, Herren, Kinder, Handtaschen, Sonnenbrillen, Bücher, Wohnaccessoires sowie unsere Blumenfläche.

Können die Verkäufer auf der 800m²-Fläche zusätzlich auf die Ware aus dem restlichen Haus zugreifen ?
Dies ist bei uns möglich. Dafür haben wir eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet. Unsere Kunden können sich hier an unsere Mitarbeiter wenden und ihre Wünsche äußern. Die neue Anlaufstelle dient zeitgleich auch als Abholstation für Waren aus unserem Webshop, Livestream oder WhatsApp-Shopping Service.

Wie war die Frequenz in den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung?
Seit Jahren werden in der Stadt Osnabrück die Frequenzen gemessen. Dadurch haben wir eine valide Datenbasis. Während des Shutdowns wurden nur noch ca. 10 bis 20% der sonst üblichen Passanten gemessen. Im Laufe der ersten Woche der Wiedereröffnung liegen wir zwischen 30 bis 50%. Am Montag stärker und im Laufe der Woche wieder deutlich schwächer.

Das heißt den Leuten steht noch nicht wirklich der Sinn nach Shoppen?
Nachdem die Wiedereröffnung ein großes Thema in den Medien war hatten wir zu Beginn der Woche eine nicht zu erwartende hohe Frequenz. Die Shopping-Laune und die Sehnsucht nach Normalität sind bei unseren Kunden stark zu spüren. Die Kunden möchten kaufen. Zum jetzigen Zeitpunkt erleben wir den Mundschutz und die Abstandsregelung als Shopping-Spaß-Bremse. Die bisherigen Lockerungen der behördlichen Einschränkungen reichen jedoch bei weitem nicht aus um unser L&T-Geschäftsmodell mit den großen Flächen wirtschaftlich zu betreiben. Wir brauchen dringend weitere Lockerungen und erhöhte Frequenzen in der Stadt.

Was sind das für Kunden, die kommen?
Vorwiegend sind im Augenblick die Frauen unterwegs. Das wenige, was bei den Männern gekauft wird, wird von den Frauen mitgenommen. Das Outlet und Kurvenqueen sind auch im Vergleich zum Vorjahr gut. Sygn, das Mode- und Sporthaus laufen analog der reduzierten Fläche. Wir haben nur 15% der gesamten Fläche geöffnet und somit auch 85% weniger Umsatz.

Wie reagieren Sie?
Wir werden unseren „PickUp“- und „Home-Delivery“- Service im Modehaus noch einmal stärker kommunizieren. Darüber hinaus werden wir unser Sortimentsangebot täglich den Kundenbedürfnissen anpassen. Auf Dauer helfen wird uns nur die Öffnung der restlichen Verkaufsflächen und eine Rückkehr zu den Vor-Krisen Frequenzen.

Haben Sie auch Masken im Angebot?
Ja. Wir bieten Masken für Erwachsene und Kinder an. Wir verfügen auch über eine größere Menge an medizinischen Masken. Diese werden wir für einen Euro zum Verkauf anbieten. Der Erlös geht an den hiesigen Zoo − einen unserer Partner, der auch dringend Unterstützung braucht.

Jetzt haben Sie zwar wieder geöffnet, aber auf deutlich kleinerer Fläche und wie Sie berichten auch mit deutlich geringerer Frequenz. Wie passt man den Kostenapparat seines Unternehmens an einen Betrieb auf Sparflamme an?
Es ist uns gelungen innerhalb von kürzester Zeit viele Kostenblöcke im Unternehmen auf ein Minimum zu bringen. Im Augenblick arbeiten wir mit Minimalbesetzung. Wir holen nur so viele Mitarbeiter aus der Kurzarbeit, wie es die Situation zulässt. Das Licht und die Klimaanlage laufen auch nur in Bereichen, wo unsere Kunden sind. Schwieriger empfinde ich die Aufgabe, das richtige Maß in der Wiedereröffnung zu finden. In welchen Bereichen und wie viel investieren wir für den Neustart? Die aktuelle Situation fordert auch ein Umdenken in allen Arbeitsbereichen. Es ist eine große Herausforderung für unsere bisherige Unternehmenskultur.

Inwiefern?
Es prallen zwei Welten aufeinander. Diejenigen die die komplette Schließung miterlebt haben und auf der anderen Seite die Mitarbeiter, die in Kurzarbeit waren. Das Team vor Ort hat mit großem Pragmaitismus auf Sparmodus geschaltet. Jetzt kommen weitere Mitarbeiter hinzu – frisch, motiviert und hoffnungsvoll. In der neuen L&T-Realität sind sie aber noch nicht angekommen. Konflikte und Missverständnisse sind dadurch programmiert. Das fordert unser gesamtes Team auf, aufeinander zuzugehen und alle auf eine neue Denkweise auszurichten.

Was zeichnete diese Denkweise aus?
Früher war unser Motto „höher, schneller, weiter, perfekter“. Dafür ist aktuell nicht die richtige Zeit. Es kann in 12 Monaten wieder soweit sein, aber im Augenblick sind wir an einem ganz anderen Punkt. Wir müssen unser Selbstverständnis an die neue Zeit anpassen. Alle und alles im Unternehmen. Pragmatische Lösungen die schnell, einfach und kostengünstig umzusetzen sind.

Wie lautet das Selbstverständnis von L&T Post-Corona?
Unser Motto ist mit Covid-19 ausgehebelt worden. Wir fahren auf nicht absehbare Zeit weiter auf Sicht. Wir werden flexibel auf die täglich neuen Bedürfnisse unserer Kunden reagieren müssen. Das gleiche gilt für die Anforderungen die uns von staatlicher Seite auferlegt werden. Wir haben auch in den letzten Wochen gelernt: Hilfe von außen ist nicht zu erwarten. Wir müssen uns selbst retten.

„Hilfe von außen ist nicht zu erwarten - wir müssen uns selbst retten. “
Thomas Ganter


Einer der größten Kostenblöcke ist momentan die Ware. Wie fahren Sie jetzt die Warensteuerung und Logistik wieder hoch?
Seit dieser Woche arbeiten wir intensiv an dieser Aufgabenstellung. Wir haben begonnen mit unseren Lieferanten Kontakt aufzunehmen und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten wie wir die Saison zu einem guten Ende bringen können. Wir benötigen jetzt Ware die wir zu diesem Saisonzeitpunkt und Wetter gut verkaufen können. Dies hat bei uns absolute Priorität. Parallel dazu werden wir unsere Logistik langsam wieder hochfahren. Wir werden zeitnah unsere Lieferanten über diesen Prozess informieren.

Wie ist das Entgegenkommen von Lieferantenseite?
Wir haben in den letzten Tagen viele Lösungsvorschläge von Lieferantenseite ganz auf das jeweilige Geschäftsmodell abgestimmt bekommen. Es gibt keine Branchenlösung, wir müssen das individuell lösen. Jeder hat andere Bedürfnisse bzw. Druckpunkte. Die gilt es zu bearbeiten. Anders geht es nicht. Gemeinsam in die Krise − gemeinsam aus der Krise.

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