Anlässlich seines Todes: TW-Interview mit Nino Cerruti aus dem Archiv

"Nochmals Mode machen? Dann aber wie ein Bildhauer"

Jonathan Frantini
Nino Cerruti: "Smart-Working? Für die Mode hege ich da meine Zweifel."
Nino Cerruti: "Smart-Working? Für die Mode hege ich da meine Zweifel."

Nino Cerruti, Unternehmer, Stilikone und einer der bekanntesten Botschafter von Made In Italy, ist am 15. Januar 2022 im Alter von 91 Jahren verstorben. Zu seinem 90. Geburtstag hatte er der TW ein größeres Interview gegeben in dem er erzählte, was er von Smart Working hält, warum ihn der Erfolg von Off-White und Supreme nicht überrascht, und welche Firma er gründen würde. Anlässlich seines Todes veröffentlicht die TextilWirtschaft das Interview nun erneut.

Dieser Mann muss nicht vorgestellt werden. Nino Cerruti, der am 25. September seinen 90. Geburtstag feiert, gehört zu den Figuren in der Modewelt, die wirklich jeder, aber auch wirklich kennt. Unternehmer, Stilikone, Botschafter seines Heimatlandes Italien und seiner Heimatregion Biella in aller Welt. Ein beliebter Gesprächspartner. Pointiert. Immer interessant, immer aktuell.


Für die TW hat sich Nino Cerruti Zeit für ein Interview genommen. Statt zurück blickt er lieber nach vorn. Er macht sich Gedanken über die Gesellschaft, die Männermode und den Retail der Zukunft. Lust auf Neues hat er auch. Zumindest theoretisch. Er sagt: "Wenn ich mich dazu entscheiden würde, wieder Mode zu machen, würde ich eine ganz kleine Firma gründen."

TextilWirtschaft: Herr Cerruti, alles Gute zum Geburtstag. Wie begehen Sie Ihren Festtag?
Nino Cerruti: 90 intensive Jahre liegen hinter mir. Dementsprechend bin ich sehr beschäftigt, in all den schönen, aber auch in all den schlechten Erinnerungen meines Lebens zu schwelgen.


Wie haben Sie die Wochen des Lockdowns durchlebt?
Ich hielt mich an das, was allen empfohlen wurde. Ich hielt still und schottete mich ab.


Wie wird die Pandemie die Mode und die Art, wie wir uns kleiden, verändern?
Die Pandemie hat einen Wandel verstärkt, der bereits vorher schon eingesetzt hatte. Die Mode hatte schon zuvor damit aufgehört, den Wettstreit, wer sich am deutlichsten von dem Bekannten abhebt, als einzigen Weg zu betrachten. Stattdessen hatte sie begonnen, sich konkreteren Fragestellungen zu widmen. Wie beispielsweise dem Umweltbewusstsein. Die Pandemie sorgt nun dafür, dass sich diese Verschiebung beschleunigt.


Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Weniger, dafür besser konsumieren. Glauben Sie daran
Ich würde es auf sehr begrüßen. Ob es dann auch tatsächlich geschieht, müssen wir abwarten. Für mich ist es jeden Fall eine wünschenswerte Option. Denn das würde bedeuten, dass sich die Differenzen zwischen den Personen einebnen würden. Das könnte ein Schritt in Richtung mehr sozialer Gleichheit sein.

Nino Cerruti: "Wer heute einen Laden betritt, der tut das deshalb, weil er etwas erleben will."
Jonathan Frantini
Nino Cerruti: "Wer heute einen Laden betritt, der tut das deshalb, weil er etwas erleben will."

Smart Working ist das Modell der Stunde. Eine tolle Erfindung? Oder ein Kreativtöter?
Das Smart Working tötet nicht die Kreativität. Allerdings gefährdet es ihre Umsetzung. Mit Umsetzung meine ich den Prozess, der bloße Ideen in konkrete Handlungen münden lässt. Die Kreativität an sich braucht keine Gesellschaft. Ohne weiteres entfaltet sie sich von zu Hause aus. Die Mode übersetzt die Kreativität Tag für Tag in Kollektionen. In anderen Branchen, in denen sich Erfindungen unmittelbar realisieren, ist die physische Präsenz vielleicht verzichtbar. Was die Mode betrifft, hege ich da meine Zweifel.


Die Formalwear ist in der Krise. Die Webereien in Biella leiden unter einem starken Nachfragerutsch. Wie sehen Sie die Zukunft? Besteht Hoffnung auf eine Renaissance?
Die Formalwear in der Männermode unterliegt seit jeher Schwankungen. Was wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist, dass sich unsere Lebensweise ändert. Der Mann, der dank des Smart Workings zu Hause in Unterhose vor dem PC sitzt, ist ganz offensichtlich eine Karikatur. Allerdings veranschaulicht dieses Bild sehr gut, wie sich die Gewohnheiten ändern. Dieser Wandel kann Biella zweifelsohne Probleme bereiten, schließlich hat sich die Textilindustrie Biellas einen Ruf für formalen Luxus erarbeitet. Heute muss es gelingen, einen informellen Luxus zu erfinden, der Stoffe aus Biella nutzt. Ein Beispiel gefällig? Wir spüren eine steigende Nachfrage für Casualwear aus Kaschmir.

Marken wie Off-White und Supreme sind sehr erfolgreich. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund?
Das ist ein ganz gewöhnliches Phänomen. Der Kunde sehnt sich nach informeller, sportiver Kleidung. Dieses Phänomen ist beileibe nicht auf diese beiden Marken beschränkt, sondern umfasst eine große Anzahl an Akteuren. Die Faszination für diese Art von Produkt kombiniert mit wachsendem Qualitätsbewusstsein führt leicht dazu, dass künftig für diese Mode hochwertige Stoffe verwendet werden. Diesem Aspekt müssen wir große Aufmerksamkeit schenken.


Wie bewerten Sie die Aussichten für den stationären Einzelhandel? Werden wir in Zukunft alle nur noch digital einkaufen? Und wie können Händler der Online-Konkurrenz widerstehen?
Werfen wir einen Blick in die Geschichtsbücher. Wer sich im 17. Jahrhundert ein schönes Kleid oder einen schönen Anzug wünschte, bestellte den Schneider zu sich. Der nahm Maß und begann zu nähen. Daraus entstanden dann Ateliers, die Vorgänger der Läden in den Metropolen der Gegenwart. Inzwischen hat sich die Art des Einkaufs erneut geändert. Online einzukaufen ist bequem und bietet für bestimmte Produkte viele Vorteile. Wer heute einen Laden betritt, der tut das sicherlich deshalb, weil er etwas erleben will. Für ein weißes T-Shirt in die Stadt zu fahren, ist wahrscheinlich nicht mehr sinnvoll. Wir dürfen eine Reihe an Veränderungen nicht unterschätzen, die nicht wirtschaftlich motiviert, sondern dem Wunsch geschuldet sind, anders und komfortabler zu leben. Das verändert auch das Antlitz der Stadt. Stellen wir uns vor, wie die Innenstadt aussieht, wenn das Erdgeschoss, in dem sich vorher ein Laden befand, leer steht, weil der E-Commerce seine Funktion übernommen hat.

Wenn Sie heute nochmals als Modeunternehmer loslegen würden, was würden Sie tun?
Wenn ich mich dazu entscheiden würde, wieder Mode zu machen, würde ich eine ganz kleine Firma gründen. Sie wäre für mich wie ein Appendix der Kunst. Der Ansatz würde dem eines Bildhauers oder Malers ähneln. Es wäre ein Unternehmen, das Mode als künstlerischen Ausdruck und nicht nur als Kommerz begreift. Das wäre meine Vision. So würde ich das machen.

stats