Mall of Berlin-Macher Harald Gerome Huth im Interview

"Die Realität wird sein, dass niemand Miete zahlt"

Foto: Mall of Berlin
Die Mall of Berlin wird laut Huth normalerweise von 6000 Menschen pro Stunde besucht. "Aktuell zählen wir 300 Menschen pro Stunde."
Die Mall of Berlin wird laut Huth normalerweise von 6000 Menschen pro Stunde besucht. "Aktuell zählen wir 300 Menschen pro Stunde."

Harald Gerome Huth ist Chef der Berliner HGHI und einer der bekanntesten deutschen Retail-Vermieter. 2014 hat er mit der Mall of Berlin eine der spektakulärsten Malls der Hauptstadt eröffnet. Zu seinem Portfolio gehören zwei weitere Malls: das Schultheiss Quartier in Berlin-Moabit und die Sankt Annen Galerie in Brandenburg. Auch seine Center sind im Notbetrieb, nur einige wenige Läden sind dort weiter geöffnet. Wir erreichen ihn telefonisch, Huth ist hörbar angespannt. Sein Wunsch: Wir sollen das Interview ohne ein Archiv-Foto von ihm veröffentlichen. Ein Foto mit Lächeln sei angesichts der aktuellen Krisenlage unangebracht.

TextilWirtschaft: Herr Huth, wie ist die Lage in Ihren Centern?
Harald Gerome Huth: Auch wir sind natürlich im Notbetrieb, nur einige wenige Läden sind noch geöffnet. Die Frequenz ist eingebrochen, die Stadt ist leer. In der Mall of Berlin, die sonst von 6000 Menschen pro Stunde besucht wird, zählen wir aktuell 300 Menschen pro Stunde.

Sind die Mieter schon auf Sie zugekommen wegen der Ladenmieten?
Wir sind natürlich im Austausch mit unseren Mietern, haben das Thema aber noch nicht final diskutiert. Momentan sind wir alle völlig überfordert mit der Situation. Die Diskussion sollte sich jetzt auch nicht in erster Linie um Mietkürzungen drehen.

Sondern?
Für die Unternehmen ist das, was gerade passiert, langfristig eine Katastrophe. Denken Sie mal an ein Unternehmen wie New Yorker zum Beispiel, die pro Monat mit Einnahmen von zig Millionen Euro kalkulieren, von denen wiederum eigentlich Investitionen in neue Läden fließen sollten, und die jetzt keinen Cent in die Kasse bekommen. Die Verunsicherung ist jetzt überall sehr hoch.

Was halten Sie von den eingeleiteten Maßnahmen?
Nicht viel, das ist alles nicht ausreichend und muss schneller gehen. Die meisten Unternehmen überleben mit ihrer Liquidität keine sechs bis acht Wochen. Das Kurzarbeiter-Geld ist für den Einzelhandel mit seinen niedrigen Gehältern zu wenig. Damit kommen die meisten Verkäufer nicht über die Runden.

Was würde stattdessen helfen?
Wir brauchen jetzt eine ganz gewaltige Konjunkturunterstützung. Wenn Sie mich fragen, sollte man einfach das unter normalen Umständen geflossene Geld zwei Monate lang von außen in den Markt pumpen, und zwar an alle Unternehmen, nicht nur an VW und Lufthansa.

Nochmal zurück zu den Mieten. Sollten bzw. können die Vermieter verzichten?
Nein. Die allermeisten Immobilien sind fremdfinanziert und die Vermieter den Banken gegenüber verpflichtet. Sie brauchen also die Miete. Andererseits kann ich natürlich die Händler verstehen, die jetzt erstmal keine Miete zahlen, um nicht insolvent zu werden. Und ehrlich gesagt: Die Realität wird wohl auch sein, dass niemand Miete zahlen wird.

Glauben Sie, dass die aktuelle Lage die Einkaufsgewohnheiten der Menschen nachhaltig verändert?
Ja. Ich will die Maßnahmen nicht beurteilen, aber ich glaube, dass der letzte Mensch, der noch nie online eingekauft hat, das jetzt tun wird. Die angeordneten Schließungen werden zu einem noch größeren Shift führen und dem Online-Handel, der ohnehin seit Jahren durch die Politik hofiert wird, weiteren Vorschub leisten. Während gleichzeitig große Teile des stationären Handels in die Zahlungsunfähigkeit zu rutschen drohen.

Der Einkaufszentrenbetreiber ECE schreibt in einem Brief an seine Mieter, sich für mehr verkaufsoffene Sonntage im Herbst einzusetzen, um wenigstens einen Teil der verloren Umsätze wieder reinzuholen. Gute Idee?
Ist das ein Scherz? Das reicht doch nie und nimmer. Aber grundsätzlich ist es natürlich richtig, die Wettbewerbsverzerrungen gegenüber dem Online-Handel zu korrigieren. Das ist einfach nicht länger hinnehmbar, schon gar nicht unter den aktuellen Umständen.

Herr Huth, Sie selbst beschäftigen 130 Mitarbeiter. Wie geht es dort weiter?
Wir richten nun einen Großteil auf die Erstellung unserer Neubauten für die Fußgängerzone Gorkistraße in Berlin-Tegel. Dort wollten wir eigentlich im Herbst den ersten Abschnitt eröffnen. Aber auch dahinter stehen jetzt Fragezeichen, weil den Baufirmen die Arbeiter aus Osteuropa fehlen.

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