"Man wird zu gegebenem Zeitpunkt diese Kredite streichen müssen"

Sinn-Chef Göbel:  "Auch wir brauchen Staatshilfe"

Hagen Seidel
Zahlt, ebenso wie Adidas und viele andere, derzeit keine Miete: Sinn-Chef Friedrich Wilhelm Göbel.
Zahlt, ebenso wie Adidas und viele andere, derzeit keine Miete: Sinn-Chef Friedrich Wilhelm Göbel.

Ohne Staatshilfen wird auch die Hagener Modekette Sinn die Corona-Krise nicht überstehen. Die Monate April und Mai könne das Unternehmen mutmaßlich noch durchhalten, aber "ohne frische Liquidität ist dies ein Sterben auf Raten", sagte Unternehmenschef Friedrich Wilhelm Göbel der TextilWirtschaft.

Er kritisierte die Förderpraxis des Bundes – etwa die Bankenhaftung, ohne die Unternehmen KfW-Kredite kaum bekommen könnten. Ohne eine Lösung dieses Problems drohe Insolvenz.


TextilWirtschaft: Sinn hat bereits zwei Insolvenzen hinter sich, die letzte endete 2017. Große Reserven dürften Sie seither nicht aufgebaut haben. Wie gefährdet ist das Unternehmen durch die Corona-Krise?
Friedrich Wilhelm Göbel:
Wir leiden nicht mehr unter unserer Vergangenheit. Sinn hat sich in den drei Jahren nach der Insolvenz like-for-like positiv entwickelt und ist mit einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell gewachsen. Bis Ende Februar, vor dem Ausbruch der Corona-Krise,  sind wir auch im laufenden Geschäftsjahr sowohl im Umsatz, als auch im Ertrag like-for-like deutlich gewachsen. Aber selbstverständlich stellt diese Krise ganz neue Anforderungen auch an uns.

Wie lange können Sie noch durchhalten?
Stand jetzt überstehen wir aller Wahrscheinlichkeit nach noch die Monate April und Mai. Hinter den Mai muss ich allerdings Fragezeichen setzen, falls wir keine staatliche Unterstützung bekommen sollten, dann könnte es eng werden. Auch wir brauchen Staatshilfe, ohne frische Liquidität ist dies ein Sterben auf Raten.

Haben Sie die Staatshilfe schon beantragt?
Wir haben bereits bei Banken vorgesprochen, um einen Antrag auf KfW-Mittel zustellen. Wir haben nur, wie viele andere auch, das große Problem, dass wir keine Banken finden, die derzeit für ein Handelsunternehmen ins Risiko gehen. Mindestens 10% der beantragten Summe müssen die Banken auf ihr Risiko nehmen, wenn sie bei der KfW den Kreditantrag für ein Unternehmen stellen – und das tun die meisten nicht. An Handelsunternehmen wagen sie sich nicht heran, auch wenn alle Förderbedingungen der KfW wie im Fall von Sinn erfüllt wären. Das geht völlig an den eigentlichen Überlegungen dieser Förderungen vorbei. Und steht im krassen Widerspruch zu den Aussagen der Minister Scholz und Altmeier.

Und wie viele Händler haben dieses Problem?
Ich weiß es nicht, aber es werden nicht nur Handelsunternehmen sein. Von dem Bankenproblem sind sicherlich auch andere Branchen betroffen. Ich kenne in unserem Umfeld mindestens zehn Firmen, denen es genauso geht. Wenn die staatlichen Programme bei größeren Mittelständlern funktionieren sollen, muss der Gesetzgeber die Vergaberichtlinien überarbeiten und 100% der Haftung übernehmen. Und zwar sehr schnell.

Und wenn er das nicht tut? Was heißt das dann für Sinn?
Seien Sie versichert, dass das Management dieses Unternehmens verschiedene Sanierungsmöglichkeiten kennt und beherrscht.
Zwei Insolvenzen: Sinn
  • Sinn – damals noch „SinnLeffers“ – war bereits 2007 in die Insolvenz gerutscht und durchlief 2016/17 ein weiteres Insolvenzverfahren.
  • Heute umfasst das Unternehmen 25 Standorte einschließlich der neuen Filialen in Unna und Essen,
  • beschäftigt rund 1400 Mitarbeiter – von denen die meisten Festangestellten derzeit in Kurzarbeit sind – und
  • erzielte im vergangenen Geschäftsjahr 2018/19 (August bis Juli) einen Bruttoumsatz von 208 Mio. Euro. Vor Corona war für 2019/20 eine Umsatzsteigerung auf 220 Mio. Euro geplant.
Heißt das: Auch eine weitere Insolvenz ist eine Option?
Irgendwann lassen die gesetzlichen Vorgaben unter bestimmten Bedingungen keine andere Lösung als eine Insolvenz zu. Aber das steht jetzt nicht zur Debatte, wir arbeiten aktuell nicht in Richtung Insolvenz, es ist auch nicht unser Ziel bzw. die beste Lösung für die Situation heute. Wir haben beispielsweise unser Standortportfolio und  unsere Kosten – einschließlich der Mieten – in und nach der letzten Insolvenz so stark optimiert, dass wir in einer neuerlichen Insolvenz kaum Vorteile sehen würden, aber vor allem Nachteile. Zeitverlust, hohe Kosten und Kontrollverlust stehen für Sinn in keinem interessanten Verhältnis zu eventuellen Vorteilen.

Manche Handelsketten sehen in einer Planinsolvenz in Eigenverwaltung eine gute Gelegenheit, unrentable Geschäftsteile loszuwerden.
Das mag für Marktteilnehmer gelten, die mit strukturellen Problemen, einem überdimensionierten Filialnetz und nicht zeitgemäßen Kostenstrukturen kämpfen. Die können diese Probleme dann sehr einfach der Allgemeinheit hinterlassen und die Schuld bequem auf die Corona-Krise schieben, obwohl die aktuellen Probleme seit Jahren bekannt sind und bis heute keine glaubwürdige Zukunftsstrategie präsentiert wurde.

Wen meinen Sie?
(lächelt) Das muss ich Ihnen nicht sagen. Diese Kandidaten sind der TW doch bekannt…



Grundsätzliche Frage: Ist es eigentlich angesichts der zunehmenden Dramatik der Situation noch realistisch, dass Kredite den Mittelstand retten oder müssen Zuwendungen oder verlorene Zuschüsse her? Also Geld, das nicht zurückgezahlt werden muss?
Aktuell können Kredite die Liquiditätsprobleme lösen und die Gesamtwirtschaft am Leben halten. Dies ist dringend notwendig, ansonsten droht ein ungeregeltes Chaos. Nachdem aber durch die Kredite kein zusätzliches Wachstum geschaffen wird, sondern der Status quo gerettet wird, wird man zu einem gegebenen Zeitpunkt in der Zukunft alle diese Kredite streichen müssen.

Weil?
Viele Unternehmen und Privatleute haben bereits heute Schulden. Zusätzliche Schulden sind oft gar nicht tragbar. Es wird eine der ganz großen Herausforderungen für die Politik und z.B. die Fachleute der Bundesbank sein, die langfristig nicht tragbaren Kredite wieder aus dem Kreislauf zu nehmen. Zur kurzfristigen Überbrückung kann man Kreditprogramme nutzen, langfristig ist dies nicht sinnvoll oder möglich.



Zurück zu Ihnen: Ist es eigentlich ein Spaß, derzeit Vermieter von Sinn zu sein?
Wir führen selbstverständlich sehr ernsthafte Gespräche mit unseren Vermietern. Aber wir versuchen, den Spaß dabei nicht zu vergessen. Wir sind hart, aber herzlich.

Aber Sie zahlen herzlich wenig Miete, nämlich gar keine. Das werden die Vermieter nicht komisch finden.
Wir zahlen derzeit keine Miete, sondern stunden sie zumeist. Wir sagen unseren Vermietern ganz klar, wie die Lage ist: Mit 30% des geplanten Umsatzes können wir nicht 100% Miete zahlen. Jeder Vermieter versteht diese Situation, aber zufrieden ist selbstverständlich keiner damit.

Der Ausweg?
Nach der Krise werden wir uns zusammensetzen und einen Weg finden, der für beide Seiten tragbar ist. Wir haben doch jetzt, ganz allgemein gesprochen, keine Situation, in der es für eine Seite um einen 110-prozentigen Sieg gehen kann. Wir müssen irgendwie da durchkommen und den Schaden einigermaßen fair verteilen. Einer unserer Vermieter hat sich bereits einverstanden erklärt, dass wir für April und Mai gar keine Miete zahlen.



Verstehen Sie die öffentliche Aufregung um Adidas und andere, die derzeit keine Miete zahlen?
Wie unseriös manche Medien darüber berichten und wie sich einige Politiker dazu äußern, ist einfach unverantwortlich. Die Mieter sind wegen der behördlichen Anordnung auf Schließung der Läden in eine sehr schwierige Situation gekommen und suchen jetzt nach einer Lösung. Auch hier geht es nur um eine Stundung, aber das kommt in der öffentlichen Diskussion kaum vor. Ich sehe da erschreckend viel Effekthascherei. Aktuell darf anscheinend jeder auch noch so unwichtige oder inkompetente ‚Fachmann‘ seine oftmals schwachsinnigen Weisheiten irgendwo vor einer Kamera präsentieren.

Wie gehen Sie bei Sinn derzeit mit ihren Lieferanten um?
Seit dem 20. März nehmen wir keine Ware mehr an. Mehr Valuta oder eine verzögerte Lieferung kann uns allerdings nicht ansatzweise ausreichen. Auch eine Saisonverlängerung, von der manche Marktteilnehmer reden, ist nicht realistisch.

Erklären Sie uns das?
Im Grunde hat der Textilhandel dasselbe Problem wie die Lufthansa. Wenn der Platz im Flieger nicht verkauft ist, dann ist der Verlust 100%. Wenn die Frühjahr/Sommer-Ware nicht im März und April verkauft wird, dann kaufen die Kundinnen und Kunden nicht im Mai und Juni mehr Mode. Und schon gar nicht zum identischen Preis. Mode ist verderblich, wie Sitze im Flugzeug oder lang haltbare Milch. Nach sechs Wochen ist die Ware fast nichts mehr wert. Deshalb  brauchen wir einen passablen Abschlag auf den Preis. Das haben wir unseren Lieferanten auch mitgeteilt. Wir sind jetzt in Gesprächen über vernünftige Lösungen, auch hier wie bei den Mieten geht es nur gemeinsam.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Händlern und Herstellern generell?
Der Wille zum Schulterschluss und zur Lastenteilung ist zumeist schon da. Aber wenn niemand sicher sein kann, ob er staatliche Unterstützungen bekommt, ist der Wille zu konkreten Zugeständnissen natürlich nicht besonders  groß.

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Sie haben das Kurzarbeitergeld für März auf 100% aufgestockt. Warum eigentlich in Ihrer Situation?
Das haben wir gemeinsam mit dem Betriebsrat beschlossen, weil viele unserer Mitarbeiter nicht besonders üppig verdienen. So lange wir uns das leisten können, wollen wir das tun. Es verstößt gegen unser soziales Gewissen, die Last insbesondere auf die Schwächsten zu legen. Auch in der Insolvenz haben wir die Löhne nicht nach unten angepasst. Eine Unternehmenssanierung nur zu Lasten der Mitarbeiter ist unfair und funktioniert nie. Es bedarf eines erfolgreichen Geschäftsmodells, dies hat SiNN.

Können Sie sich die Aufstockung auch im April noch leisten?
Wenn wir staatliche Unterstützung bekommen, auf jeden Fall.

Ah, das war deutlich. Bis es soweit kommt: Wie drücken Sie Ihre Fixkosten?
Dass wir den Antrag auf Kurzarbeitergeld gestellt haben, dürfte klar sein. Wir machen jetzt kleinere Arbeiten in den Läden, für die wir sonst Flächen hätten absperren müssen. Alle nicht lebenswichtige Projekte haben wir gestoppt, das Marketing auf ein Minimum reduziert. Jetzt hat man auch mal Zeit, sich Dinge anzuschauen, die man unter normalem Betrieb kaum sieht: Wir verlegen unsere Inventur nach vorne, was Sonntagszuschläge spart. Und wir haben unsere Außenlager durchforstet und werden jetzt eines davon kündigen.



Schauen wir mal auf den Tag X, an dem die Geschäfte irgendwann wieder öffnen. Sehen Sie dann die befürchtete Rabattschlacht und Wertvernichtung?
Wenn die Läden Ende April oder Anfang Mai wieder öffnen sollten, wird sich die Tendenz zu hohen Rabatten noch einmal beschleunigen. Das sagt einem einfach die Lebenserfahrung.

Und Ihre Strategie?
Wir werden uns zurückhalten. Aber wir können es uns auch nicht leisten, uns diesem Trend komplett zu entziehen.  

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