Forderungen nach Lieferstopp

So reagiert die Industrie

Marc O'Polo
Bewährungsprobe für die Partnerschaft zwischen Handel und Industrie. Marc O'Polo beispielsweise stoppt "ab sofort die Auslieferung der aktuellen Vororder bis einschließlich 23. April."
Bewährungsprobe für die Partnerschaft zwischen Handel und Industrie. Marc O'Polo beispielsweise stoppt "ab sofort die Auslieferung der aktuellen Vororder bis einschließlich 23. April."

Die Läden sind zu. Neue Ware wurde allerdings schon geordert. Wird jetzt noch ausgeliefert? Die Partnerschaftlichkeit zwischen Handel und Industrie wird angesichts der dramatischen Situation auf eine harte Bewährungsprobe gestellt.

Der Vorstoß der Katag AG, die Lieferanten zu bitten, dem Handel ab sofort bis Ende April keine Ware mehr zukommen zu lassen und auch keine Rechnung zu stellen, hat die Bekleidungshersteller zusätzlich unter Zugzwang gebracht, gegenüber dem Handel Stellung zu beziehen. Wie groß ist das beiderseitige Entgegenkommen?

Eine erste Bestandsaufnahme zeigt: Die Mode-Industrie verhält sich angesichts der Situation sehr unterschiedlich, was die Lieferung der ausstehenden, bereits georderten Ware betrifft.

Wie aus dem Handel zu hören ist, macht die CBR Group für Liefertermin 07 keine Kollektion und auf die Auslieferung des Termins 04 wird verzichtet. Die Bestseller Group habe indes Händlern zufolge einen Brief verschickt, in dem sie mitteile, dass alle Aufträge, die auf Lager liegen, nicht ausgeliefert werden. In diesem Brief werde allerdings auch darauf hingewiesen, dass ausstehende Forderungen möglichst schnell beglichen werden sollen, was bei vielen Händlern gerade in der jetzigen Situation nicht gut ankommt.

Tom Tailor ermöglicht seinen Handelskunden, die vierte Kollektion zu stornieren, berichtet ein Händler. Allerdings würden 20% an Stornogebühren anfallen.



Bei Mos Mosh ist man ebenfalls bereit, den Warenfluss erst einmal zu stoppen. Bei Stornierung von noch ausstehender Sommerware werden hier allerdings sogar 30% Stornokosten berechnet. 

Das Premium-Label Riani bietet seinen Kunden zusätzlich 30 Tage Valuta an. Außerdem arbeitet man in Schorndorf derzeit an Planungen, die künftigen Liefertermine neu zu strukturieren und eventuell einen Termin der Herbstorder zu stornieren, um den Handel zu entlasten. Luisa Cerano teilt seinen Kunden mit: „Aufgrund der aktuellen Lage möchten wir Sie entlasten und pausieren die Auslieferung der Frühjahr/Sommer 2020 Ware zunächst bis 24. April 2020. Danach bewerten wir die Situation neu. Um Sie auch auf der Liquiditätsseite zu entlasten, bieten wir Ihnen für die ausstehenden Verbindlichkeiten ab Rechnungsdatum 1.März 2020 (Frühjahr/Sommer 2020-Ware) eine zusätzliche Valuta von 60 Tagen an."

Ebenso hatte sich Marc O'Polo schon gegenüber der TW geäußert: "Wir stoppen ab sofort die Auslieferung der aktuellen Vororder bis einschließlich 23. April. Dies betrifft primär den April-Liefertermin", teilt Holzer auf Anfrage der TextilWirtschaft mit. "Die Auslieferung der Liefertermine inklusive April wird am 24. April wieder gestartet und mit einem Valuta von zusätzlich 30 Tagen versehen", ergänzt er. "Für die ausstehenden Verbindlichkeiten ab Rechnungsdatum 1. März 2020 (Spring/Summer 2020-Ware) stellen wir Ihnen zusätzlich ein Valuta von 60 Tagen bereit." Warenbestellungen könnten jederzeit abgerufen werden, Nachbestellungen jederzeit erfolgen.



Lieferstopps gibt es ebenso bei S.Oliver und Clinton. Auch Stefan Leewe, Inhaber der Marken Opus und Someday, äußert sich in diese Richtung: „Es hilft nicht, auf Lieferzeiträume zu bestehen.“ Auch Comma, Street One und Cecil sollen proaktiv auf ihre Kunden zugegangen sein. Sie setzen im Moment die Warenlieferungen aus. Der Plan sieht wohl jeweils vor, das der Liefertermin April und der Liefertermin Juli jeweils gestrichen werden. Mai und Juni werden geliefert.

Wolfgang Müller, Geschäftsführer von Hajo, geht mit verschiedenen Maßnahmen auf den Handel zu: "Seit Freitag haben wir einen Lieferstopp für unsere deutschen und ausländischen Kunden. Kunden geben wir Valuta von 40 bis 50 Tagen. Stornierungen für Herbst, wie einige jetzt schon hysterisch fordern, akzeptieren wir allerdings nicht, denn die Ware wird ja erst im August/September ausgeliefert.“

"Es ist wirklich brutal, was derzeit passiert“, sagt Katja Beibl, Geschäftsführerin von Maerz Muenchen. „Etliche Kunden rufen an und schreiben, um das Warenmanagement mit uns neu zu planen. Auch wir rufen unsere wichtigen Key-Accouts an, um mit ihnen den aktuellen Stand zu besprechen. Doch einfach keine Ware mehr zu schicken? So einfach geht das nicht. Natürlich kann man sich über Liefertermine verständigen, aber wir können nicht einfach Aufträge komplett stornieren, wir müssen uns auch rechtlich absichern und lassen uns derzeit beraten. Die Lage ist sehr ernst. Es gibt sehr viel zu tun und wir müssen intern vielen umorganisieren. Wir hoffen auch mit Blick auf den Herbst noch einiges in puncto Ware beeinflussen zu können."  



Jan Hammer, Geschäftsführer von Casamoda, setzt auf intensive, zügige Kommunikation mit den Händlern: "Wir passen unser Warenmanagement natürlich an die gegenwärtige Lage an. Da sich von Tag zu Tag die Lage ändern kann, haben wir jetzt auf Vorbehalt den Liefertermin 20. März auf Ende April verschoben und den Termin zum 20. April auf den 10. Mai. Ausgelieferte Frühjahrsprogramme vom 25. November und 20. Januar nehmen wir zurück, davon außgenommen sind NOS-Artikel. Die Gutschrift für diese Retoure werden wir mit den Auslieferungsmonaten März und April verrechnen. Uns erreichen massive Kundenanfragen mit Blick auf die Krise. Natürlich geht es dabei zum Teil auch mit großer Vehemenz um Stornierungen. Aber so geht das nicht, denn wir sollten nun in der Branche solidarisch zueinander sein. Wir alle tragen Risiken. Die Industrie das Beschaffungsrisiko, der Handel das Absatzrisiko. Jetzt müssen wir zusammenhalten und uns verständigen wie es weiter geht. Vor allem muss sichergestellt werden, dass sobald die Läden wieder öffnen, passende Produkte vor Ort sind, die dann auch wirklich nachgefragt werden.“

Auch Création Gross hat sein Warenmanagement angepasst und die Auslieferungen gestoppt. Ralph Böhm, Geschäftsführer des Menswear-Anbieters: „Solche kurzfristigen Maßnahmen sind wichtig, aber es wird künftig auch entscheidend sein, gemeinsam mit dem Handel Lösungen zu finden, wie wir die Ware in den anstehenden Saisons weiter verwerten können.
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