Meilensteine

"Ein fabelhaftes Publikum"

ECE Group
Eröffnung mit Luftballons: Am 2. Mai 1964 ging mit dem Main-Taunus-Zentrum bei Frankfurt das erste deutsche Shopping-Center an den Start.
Eröffnung mit Luftballons: Am 2. Mai 1964 ging mit dem Main-Taunus-Zentrum bei Frankfurt das erste deutsche Shopping-Center an den Start.

Die ersten Franchise-Läden, die Vertikalisierung, die ersten Online-Shops: Die TextilWirtschaft hat in den 75 Jahren ihres Bestehens über alle wichtigen Entwicklungen berichtet. Für die Modebranche und den Einzelhandel bedeuteten sie oft Meilensteine. Einige davon stellen wir Ihnen in dieser Rubrik vor. Heute: das erste Einkaufszentrum Deutschlands.

400.000 Besucher, Autoschlangen bis nach Frankfurt und Wiesbaden, glückliche Händler: Der 2. Mai 1964 ist ein Meilenstein in der Geschichte des Einzelhandels. An jenem Samstag wurde in Sulzbach, direkt an der Autobahn gelegen, das erste deutsche Shopping-Center eröffnet: das Main-Taunus-Zentrum (MTZ).


„Vor allem in den Textil- und Bekleidungsgeschäften war das Geschäft viel größer als erwartet“, stand damals in der TextilWirtschaft. Die Umsätze hätten weit über den Erwartungen gelegen. Bekleidungshändler Otto Zapp wird damals wie folgt zitiert: „Es ist bis jetzt ein fabelhaftes Publikum, das kauft, wenn es das Geschäft betritt.“ Zu den weiteren aus Modesicht relevanten Mietern zählten unter anderem C&A und Hertie.

Meilenstein: Das erste deutsche Einkaufszentrum

Die Idee des Einkaufszentrums, in dem alle Geschäfte unter einem Dach bzw. an einem Ort vereint sind, kam aus den USA. Erste Entwicklungen gab es bereits in den 1930ern, aber erst 1956 eröffnete mit dem Southdale Center bei Minneapolis das weltweit erste Shopping-Center unter einem Dach. 1964 schwappte die Welle nach Deutschland. Es folgte, das kann man aus heutiger Sicht so sagen, ein Siegeszug.

Hundertfach wurde das erfolgversprechende Rezept kopiert: Ein Investor kauft sich ausreichend Grundstücke zusammen, baut ein Center und bündelt dort alle relevanten Branchen unter einem Dach, damit der Kunde das Center am besten überhaupt nicht mehr verlassen muss.



Der Vorteil: Ein Einkaufszentrum wird professionell gemanagt, es gibt zum Beispiel einheitliche Öffnungszeiten und Werbeaktionen. Wenn eine margenschwache, aber bei den Kunden beliebte Branche unbedingt im Center vertreten sein soll, dann zahlt sie weniger Miete. Hauptsache der Mietermix stimmt und die Kunden kommen. Ein in Innenstädten undenkbares Geschäftsmodell. Dort gilt das Gesetz des Stärkeren, also desjenigen, der am meisten Miete zahlt. Für den Kunden nicht immer die beste Wahl.

Und so setzte das Shopping-Center seinen Siegeszug in Deutschland über viele Jahre fort. Das Einkaufszentrum ist das neue Warenhaus, hieß es. Größer, kompetenter. Bürgermeister rollten Investoren den roten Teppich aus, oft zum Verdruss des bestehenden Handels, der seine Marktanteile schwinden sah. Gefühlt an jeder Ecke der Immobilienmesse Expo Real standen jedes Jahr aufs Neue aufwändig inszenierte Modelle spektakulärer Mall-Projekte.

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Mittlerweile gibt es hierzulande laut EHI Shopping Center Report 2021 insgesamt 493 Einkaufszentren mit einer Verkaufsfläche von jeweils mehr als 10.000m². Die Gesamtfläche aller existierenden Center liegt bei 15,9 Millionen Quadratmetern. In den letzten Jahren allerdings durchziehen das einstige Erfolgsmodell zunehmend Risse. Das starke Wachstum der Verkaufsflächen und der gleichzeitige Boom des Einzelhandels setzen die Mall-Macher unter Druck.

Für 2021 sind aktuell laut EHI Retail Institute nur zwei weitere Center-Realisierungen geplant. Zahlreiche ältere Center müssen hingegen revitalisiert und umstrukturiert werden. Mehr Gastronomie und Nahversorgung, Entertainment und Aufenthaltsqualität stehen dabei im Vordergrund.



Und was ist aus dem MTZ geworden? Es wurde über die Jahre mehrfach erweitert und umgebaut. Aus den einst 73 Geschäften mit 40.000m² Verkaufsfläche sind 170 Geschäfte (91.000m²) geworden. Das Center mitten im kaufkraftstarken Frankfurter Speckgürtel zählt zu den produktivsten Malls in ganz Deutschland.

Verantwortlich für das Management ist die Hamburger ECE, hinter der die Familie Otto steht. Gegründet wurde die ECE, heute mit Abstand Marktführer auf dem deutschen Markt, 1965 von dem Versandhauspionier Werner Otto. Er gilt damit auch als Vorreiter bei der Entwicklung von Einkaufszentren in Deutschland. Heute wird das Unternehmen von seinem Sohn Alexander geführt.

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