So verhandeln Händler mit Vermietern

"Eine Stundung der Miete ist keinesfalls ausreichend"

Die Diskussionen um Mieten während der angeordneten Ladenschließungen gehen weiter. Stunden, streichen oder doch den gesamten Betrag bezahlen? Die Unsicherheit ist groß, ebenso der Zeitdruck. Vielerorts werden konkrete rechtliche Maßnahmen gefordert. Die TextilWirtschaft hat sich im Handel umgehört. So gehen Unternehmen wie H&M, Tom Tailor und C&A während der Krise mit ihrem wohl größten Kostenblock um.

Jeans Fritz

Jeans Fritz verschickte Ende März ein Schreiben an seine rund 300 Vermieter. Für persönliche Gespräch habe die Zeit laut Geschäftsführer Ernst Schäfer aufgrund der dramatischen Entwicklungen nicht ausgereicht. In dem Brief hieß es unter anderem: „Um unsere Liquidität möglichst lange zu erhalten, werden wir unter anderem die Miet- und Nebenkostenzahlungen für den Monat April nicht leisten können.“

„Wir haben bewusst offen gelassen, wie wir uns einen späteren Ausgleich vorstellen können", so Schäfer. „Beim Wegfall so gut wie aller Einnahmen, von einem Tag auf den anderen, hat die Sicherung der Liquidität absolute Priorität.“ Jeans Fritz ist an über 330 Standorten vertreten.

Mittlerweile habe das in Hüllhorst ansässige Unternehmen den Vermietern angekündigt, sich im nächsten Schritt um eine faire Lösung mit jedem Einzelnen zu bemühen. „Viele Vermieter möchten uns die Miete stunden, andere wollen uns die Mieten für April und Mai erlassen und wiederum andere Vermieter haben noch gar nicht verstanden, dass es möglicherweise in wenigen Wochen tausende von Leerständen geben könnte“, bewertet Schäfer die Situation.

Modehaus Bantlin

Das Ehepaar Bantlin führt in Kirchheim unter Teck ein Modehaus für Damen mit angrenzendem House of Gerry Weber sowie ein Geschäft für sportive Herrenmode. Mit den Vermietern konnte bereits eine Abmachung getroffen werden. Geschäftsführer Karl Bantlin: „Wir haben nach Gesprächen eine Mietreduktion von 50% für zwei Monate erzielt, falls das Geschäft am 20. April wieder öffnen kann." Sollten die Schließungen länger andauern, würde der Mietnachlass für das Modehaus Bantlin um einen weiteren Monat verlängert werden.

H&M

H&M ist einer der größten Modehändler Deutschlands und deshalb auch einer der größten Ladenmieter. Insgesamt 460 Geschäfte betreibt der Konzern hierzulande und sah sich zu Beginn des Streits um die Mieten gemeinsam mit anderen Playern wie Adidas und Deichmann mitten in einem Shitstorm. Eine Sprecherin stellt klar: „Es ist nicht richtig, dass, wie in der aktuellen Debatte gezeichnet, die H&M Group in Deutschland keine Mieten mehr zahlt, wir setzen diese vorerst aus. Wir stehen nach wie vor in engem Dialog mit unseren Vermietern, immer mit dem obersten Ziel bestmögliche individuelle Lösungen zu finden, um die Auswirkungen für beide Seiten so gering wie möglich zu halten.“

Der große Teil der Vermieter stehe der Diskussion sehr aufgeschlossen gegenüber, was man sehr zu schätzen wisse. Der Konzern hofft dabei auch auf die Politik: „Je schneller es Klarheit seitens der Gesetzgebung gibt, desto schneller können wir entsprechende Lösungen anwenden.“
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Bundesjustizministerin Lambrecht und Verkehrsminister Scheuer haben sich empört über den Stopp von Mietzahlungen für Ladengeschäfte großer Firmen geäußert. Adidas, H&M und Deichmann hatten vergangene Woche angekündigt, ihre Mietzahlungen auszusetzen. Der Sportartikelhersteller Adidas verteidigte sich, nachdem am Wochenende in sozialen Medien eine Empörungswelle bis hin zu Boykottaufrufen angerollt war.

Adidas

Besonders in die Kritik geriet zuletzt Adidas, nachdem die Herzogenauracher ankündigten, vorerst keine Miete zu zahlen und die Kosten zu stunden. Die Folgen: Empörung seitens der Regierung, Boykottaufrufe von Konsumenten. In einem offenen Brief gestand der deutsche Konzern daraufhin ein, einen Fehler gemacht zu haben. „Ihre Meinung ist uns wichtig, und Ihre Meinung ist eindeutig: Sie sind von Adidas enttäuscht. Deshalb möchten wir uns bei Ihnen in aller Form entschuldigen“, hieß es unter anderem. Die Mieten für den April seien daraufhin sowohl in Deutschland als auch international gezahlt worden, äußerte sich ein Sprecher gegenüber der TextilWirtschaft.

Deichmann

Auch Deichmann wurde zuletzt für die angekündigten Mietstundungen für April kritisiert. Der Schuhhandelskonzern äußerte sich daraufhin entschieden: „Der Vorwurf, Deichmann würde in der aktuellen Lage zum Schaden anderer Parteien Mietzahlungen verweigern, ist falsch.“ Gespräche mit Vermietern würden andauern. Sollten einzelne Vertragspartner in eine Notlage geraten, würde das Unternehmen sein „Möglichstes tun, um zu helfen“. Von der Politik forderte Deichmann, beiden Vertragsseiten entstehende Mietschäden zu ersetzen.

Der aktuell größte Risikofaktor sei die Ungewissheit bezüglich des Zeitraums der Schließungen. „Wenn diese Phase länger andauert, wird das auch für wirtschaftlich gesunde Unternehmen existenzbedrohend“, heißt es aus Essen. Allein in Deutschland führt Deichmann 1500 Filialen.

Weingarten

Fünf der sechs Weingarten-Standorte in Köln, Berlin, Düsseldorf, Dortmund, Essen und Wiesbaden sind gemietet. Problematisch bei Verhandlungen mit den Vermietern ist laut Geschäftsführerin Theresa Weingarten die nicht eindeutige Rechtslage: „Es herrscht eine abwartende Haltung. Weiterhin werden Maßnahmen des Staates hinsichtlich Mietkompensationen erhofft. Keiner möchte derzeit eine verbindliche Vereinbarung treffen, die später eventuell von Nachteil wäre. Auch vor dem Hintergrund, dass dann staatliche Pakete eventuell nicht mehr beantragt werden könnten.“ Durch eine klarere Rechtssprechung könne vermieden werden, dass Mieter und Vermieter in Einzelgesprächen individuelle Absprachen treffen müssen.

Weingarten habe mit den Vermietern eine vorläufige Absprache getroffen. Die Mieten für den April wurden vorerst größtenteils ausgesetzt. Das Gespräch solle erneut gesucht werden, sobald die Geschäfte öffnen. „Eine Stundung der Miete ist keinesfalls ausreichend“, so Theresa Weingarten. „Ein derzeit gängiger Vorschlag scheint eine Teilung des Risikos zu 50% zu sein. Als Laie würde man vielleicht so argumentieren, dass es sich bei den Läden jetzt nur noch um eine Lagerfläche handelt, aber keinesfalls mehr um eine Verkaufsfläche. Demnach ist der Mietpreis entsprechend einer Lagerfläche anzupassen.“ Die Mieten für den März würde das Unternehmen ebenfalls nachverhandeln.

Ernsting's family

Ernsting's family führt über 1.865 Filialen in Deutschland und Österreich. Das Unternehmen aus Coesfeld-Lette hat die Mieten für März vollständig bezahlt, die Zahlungen für April temporär ausgesetzt. „Wohlwissend, dass wir nicht von der Verpflichtung der Zahlung entbunden sind“, sagt Pressesprecher Marcello Concilio. „Die existenziellen Risiken für den gesamten Einzelhandel, vor allem Non Food, müssen aber auch von den Vermietern und Immobilieninvestoren mitgeschultert werden, um ein Überleben an den gemeinsamen Standorten zu sichern. Es geht jetzt nicht darum, dass jeder für sich selbst das Beste herausholt, sondern dass wir alle gemeinsam durch diese Zeit hindurch kommen." Solidarität sei in der derzeitigen Krise elementar.

Die Gespräche mit Vertragspartnern verliefen bislang größtenteils verständnisvoll. „Wir stehen derzeit mit jedem einzelnen unserer Vermieter und Vermieterinnen in persönlichen Verhandlungen, um eine individuelle und partnerschaftliche Lösung zu finden, die unseren oftmals langfristigen Mietpartnerschaften gerecht wird und zugleich unseren derzeitigen Nullumsatz berücksichtigt“, so Concilio.

C&A

„Die Auswirkungen dieser für alle schwierigen Situation kann nicht nur von den Einzelhändlern alleine getragen werden, sondern bedarf der Anstrengung aller Beteiligten. Dazu gehört auch die Immobilienwirtschaft“, äußert sich Jens Völmicke Head of Corporate Communications Europe bei C&A gegenüber der TextilWirtschaft. Die Vermieter des Düsseldorfer Filialisten seien größtenteils institutionelle Anleger, etwa Investmentgesellschaften und Versicherungen. Aktuell betreibt C&A in Deutschland 445 Filialen.

„Wir treten derzeit mit unseren Vermietern in Kontakt, um individuelle Lösungen zu finden. Dabei setzen wir auf Einsicht und die Bereitschaft, gemeinsam ein für alle Seiten akzeptables Ergebnis zu erzielen." Verschiedenen Medienberichten zufolge hat auch C&A die Mietzahlungen aktuell eingestellt.

Tom Tailor

Das Hamburger Modeunternehmen gibt sich bedeckt, was die Verhandlungen mit den Vermietern betrifft: „Wir stehen in engem, individuellem Austausch mit unseren Vermietern, um für beide Seiten einen passenden Weg zu finden. Wir bedanken uns für die Gesprächsbereitschaft und Solidarität unserer Vertragspartner“, verkündet eine Sprecherin der Tom Tailor Group, zu der auch die verlustreiche DOB-Kette Bonita gehört. Auf die Solidarität ist der Konzern derzeit besonders angewiesen.

Erst vor wenigen Tagen musste in einer Finanzmitteilung eingestanden werden, dass „aufgrund der Unsicherheit über die weitere Entwicklung in den Absatzmärkten der Vorstand in der kurz- und mittelfristigen Liquiditätsplanung derzeit deutliche Planungsrisiken sieht“. Bei einigen Vermietern wird die Solidarität offensichtlich gelebt. Vor wenigen Tagen kontaktierte eine Privatvermieterin aus Norddeutschland die TW. „Mit Bonita habe ich mich auf einen Mietnachlass von 50% während des Shutdowns geeinigt. Eine faire Lösung, wie ich finde.“

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