Modeaktien-Analyse: 1. Quartal 2020

Corona-Pandemie beendet Börsen-Party

Die Corona-Pandemie hat an den Börsen für einen Kurs-Crash gesorgt. Davon sind auch Modeaktien betroffen. Nach dem starken Jahr 2019 für Modeaktien, haben die Papiere jetzt stark verloren. Einzig Amazon kommt mit einem Kursplus aus dem ersten Quartal.

„On est dans la merde“ (Wir sitzen in der Scheiße). So begannen die Nachrichten am Morgen des 16. März eines öffentlich rechtlichen Rundfunksenders in Frankreich. Auch wenn der Ausspruch salopp ist, trifft er doch den Kern. Mit rund 640 Millionen bestätigter Corona-Virus-Fälle weltweit (Stand: 30. März 2020) – mehr als 30.000 Menschen sind nachweislich schon daran gestorben – erleben wir gerade nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern steuern geradewegs in eine Krise, deren realwirtschaftliche Auswirkungen gravierend sind.


Durch den Shutdown kommen weite Teile der Wirtschaft zum Erliegen. Beschäftigte werden in Kurzarbeit geschickt oder gar entlassen. Die Konjunkturindikatoren brechen ein. Konzerne kippen ihre Jahresprognosen, streichen die Dividende, stoppen Aktienrückkaufprogramme. Das vielbeschworene Ende der über eine Dekade währenden Börsenparty ist damit besiegelt.

Dass ausgerechnet eine Seuche der Auslöser ist, konnte keiner ahnen. Wohl deshalb – der Pandemie-Verlauf ist kaum prognostizierbar – war der Crash von einer Wucht wie man sie bisher nicht kannte. Ob DAX, Dow Jones oder der von der Textilwirtschaft aufgelegte Modeaktienindex MAI – die Differenz zwischen 52-Wochenhoch und 52-Wochentief beträgt bei allen drei Indizes rund 40%.

Zwar haben sich die Kurseinbrüche nach der jüngsten Gegenbewegung im Moment relativiert. Dass die Notenbanken die Geldschleusen öffnen und sich die Regierungen mit massiven Hilfspaketen gegen die Krise stemmen, beruhigte die Finanzmärkte zumindest temporär. Trotzdem – erneute Rückschläge sind wahrscheinlich. Hedgefonds haben bereits das Wettcasino (auf fallende Kurse) eröffnet.

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Einzig Amazon bleibt im Plus

Der MAI ist im ersten Quartal 2020 (Stichtag 30.3.) um 30,5% eingebrochen. Die Kursverluste der fünf schwächsten Titel waren mit mindestens 50% besonders ausgeprägt. Die Vorzeichen sämtlicher Index-Mitglieder stehen auf Rot – mit einer Ausnahme: Amazon (plus 3%). Dass der US-Konzern von der Krise profitiert und sich die Aktie besser schlägt als der Markt, überrascht nicht. Verschlossene Läden und Warteschlangen vor Supermärkten pushen den ohnehin starken Online-Handel zusätzlich. Amazon ist der Starting Point im Online-Handel und besetzt fast jede Nische des Einzelhandels (darunter auch Lebensmittel). Das spielt dem Branchen-Leader in die Hände.



Aber auch Namen, die an der Börse eher eine untergeordnete Rolle spielen, finden sich unter den Top 5 im Mai. So hat die Kaufhausaktie Ludwig Beck im Berichtszeitraum gerade mal 4% eingebüßt. Das liegt wohl weniger daran, dass das Unternehmen unlängst Jahreszahlen mit (immerhin) stabilem Umsatz publiziert hat, als vielmehr an der Aktionärsstruktur: Nur 17,1% der Aktien sind dem Streubesitz zuzurechnen. Auf Platz 3: Brunello Cucinelli (minus 13%). Der italienische Luxusmode-Hersteller brillierte im Geschäftsjahr 2019 erneut mit starken Wachstumsraten bei Umsatz und Ergebnis, betrachtet 2020 wegen der Corona-Krise als Ausnahmejahr und hält an den langfristigen Zielen fest.




Zeigten sich Luxusgüteraktien in früheren Schwächephasen an der Börse relativ resistent, gilt das in der gegenwärtigen Situation nicht durchweg. Die beiden Big Player LVMH und Kering (je minus 18%) schlagen sich noch wacker. LVMH rechnet im ersten Quartal mit Umsatzeinbußen von bis zu 20%, Kering mit einem Rückgang der bereinigten Umsätze von rund 15% – Größenordnungen, die der eine wie der andere wegstecken kann. Indes trifft es andere Branchenvertreter ungleich härter wie der Kurs-Chart bereits indiziert. Capri Holdings (Michael Kors, Jimmy Choo, Versace) ist mit minus 69% Schlusslicht im MAI. Abgesehen von der stark auf den US-Markt ausgerichteten Umsatzverteilung steckt Capri noch immer inmitten der Restrukturierung und hat einen hohen Verschuldungsgrad, auch wenn die Kreditlinien gerade erst verlängert wurden. Auch bei Prada (minus 29%) und Burberry (minus 40%) sind Rückschläge auf dem Weg zur Neuausrichtung wahrscheinlich.

Die Sorge, dass die Sportartikelhersteller besonders schwer von der Corona-Krise betroffen sind – die für 2020 geplanten Sportgroßereignisse wurden abgesagt – hat sich nach überraschend guten Quartalszahlen (per 29.2.) von Nike (minus 17%) etwas gelegt. Mit nur 5% fiel das Umsatzminus in China (trotz Ladenschließungen) unfassbar gelinde aus. Insgesamt betrug das Umsatzplus im E-Commerce, der bereits ein Fünftel des Geschäfts stemmt, 36%. Das zeigt wie gut Nike dank der starken digitalen Implementierung (Apps spielen hier eine zentrale Rolle) mit ökonomischen Verwerfungen umgehen kann. Nach dem steilen Absturz im März machte die Aktie merklich Boden gut und zog auch Adidas (minus 28%) und Puma (minus 18%) mit nach oben. Dass ausgerechnet der vor Kraft strotzende Adidas-Konzern Mietzahlungen aussetzen wollte, befeuerte einen Shitstorm. Ob ein Imageschaden zurückbleibt, wird sich zeigen.

Dauer des Shutdowns ist entscheidend

Wie geht es weiter? In der aktuellen Angstphase – neben der unmittelbaren Furcht, an Covid-19 zu erkranken, vor allem Existenzängste – ist der Sinn nach Mode wohl wenig ausgeprägt, selbst wenn die Läden geöffnet wären. Jüngste Konjunkturindikatoren lassen darauf schließen. So ist der Geschäftsklima-Index in der Euro-Zone im März rasant eingebrochen – und zwar unter den Verbrauchern wie in allen Sektoren der Wirtschaft. In den USA fiel das von der Universität Michigan ermittelte Konsumklima so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr.

Gleichwohl hängt das Ausmaß der Folgen für die Modebranche entscheidend davon ab, wie lange der Shutdown anhält. Obschon Bekleidung prinzipiell zum Basiskonsum zählt, sind Modeaktien dem zyklischen Konsum zuzuordnen. Allein schon, weil wegen voller Kleiderschränke der Kauf von Mode (im Gegensatz zu Lebensmitteln) nicht zwingend notwendig ist. In einer Rezession, in der sich die Weltwirtschaft nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds bereits befindet, sind Zykliker an der Börse nicht die erste Wahl. Trotzdem, Angst ist selten ein guter Ratgeber und im MAI finden sich durchaus Unternehmen, die die aktuellen Turbulenzen relativ schadlos überstehen dürften.

Unternehmen mit guten Aussichten

Für den Subsektor Sportartikel spricht sein gewissermaßen defensiver Charakter. Sport hat einen gesundheitlichen Nutzen, erstreckt sich über sämtliche Altersgruppen und ist aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Branchenprimus Nike hat gute Chancen, die in China angewandte Strategie auch auf die USA und Europa zu übertragen und die Krise so relativ unbeschadet zu bewältigen.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten profitieren zumeist auch Modeanbieter, woran für preisbewusste Konsumenten kaum ein Weg vorbeiführt. Dazu zählt zweifellos TJX (minus 23%), wobei angesichts des vergleichbar niedrigen Online- und hohen US-Umsatzanteils (77%) der kurzfristige Schaden durch die Ausbreitung der Pandemie schwer prognostizierbar ist. Auch beim Kleiderhändler Primark dürften die Umsätze – sofern die Läden wieder öffnen – anziehen. Zudem sollte die Lebensmittelsparte des Mutterkonzerns ABF (minus 31%) derzeit stützen.

Unabhängig vom Subsektor sind Aktien von Unternehmen zu bevorzugen, die eine gesunde Bilanz mit stattlichem Finanzpolster haben. Wenn stetiges Wachstum, ein gut funktionierender Onlinekanal, eine breite regionale Umsatzverteilung und womöglich eine marktführende Stellung dazukommen, umso besser. LVMH aber auch Inditex (minus 29%) sind unter anderem solche Kandidaten.

Die Aktienmärkte dürften noch einige Male den Boden testen, bevor wieder an einen langfristigen Aufwärtstrend zu denken ist. Die bevorstehende Berichtssaison zum ersten Quartal wird nur einen Vorgeschmack geben. Weit stärkere Umsatz- und Gewinnrückgänge sind im zweiten Quartal zu erwarten. Für Investoren mit langem Anlagehorizont bietet es sich an, sukzessiv Positionen in mehreren Tranchen aufzubauen.

In der 13. Woche haben sich die Aktienmärkte wieder deutlich erholt. Zum Teil legten die Kurse der Modeaktien um 30% und mehr zu.
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In der 13. Woche haben sich die Aktienmärkte wieder deutlich erholt. Zum Teil legten die Kurse der Modeaktien um 30% und mehr zu.

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