Corona-Lage in Großbritannien

Fashion-Retailer erwarten Lagerabschreibungen in Milliardenhöhe

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Corona-Lockdown in London.
Corona-Lockdown in London.

Großbritannien geht in die vierte Woche des Corona-Shutdowns und der Höhepunkt der Pandemie-Welle ist noch nicht erreicht. Mit inzwischen 84279 bestätigten Corona-Infizierten und 11.329 Toten dürfte Großbritannien bald der europäische Staat mit der höchsten Sterblichkeitsrate bei Covid-19-Erkrankungen sein.

Das ist die Einschätzung von Jeremy Farrar, Direktor der Wellcome-Stiftung, einer der weltweit größten Stiftungen zur Förderung medizinischer Forschung. Zugleich wächst der Druck, eine Exit-Strategie aus dem Lockdown zu entwickeln. Die britische Regierung muss bis Donnerstag über eine Verlängerung der seit 23. März geltenden Ausgangssperre entscheiden. Laut Außenminister Dominic Raab, der den an Covid-19 erkrankten Premierminister Boris Johnson vertritt, ist mit einer Lockerung der Maßnahmen „zu diesem Zeitpunkt“ nicht zu rechnen, wie er in London sagte. 

Trotz riesiger Schutzschirme und Unterstützungsprogramme, mit denen die Regierung schnell auf die Krise reagiert hat, bedroht die erzwungene Schließung die Existenz tausender Einzelhandelsgeschäfte. Nach Einschätzung von Brancheninsidern und Analysten kommen auf den Modehandel Lagerabschreibungen in Höhe von 15 Mrd. Pfund (17,1 Mrd. Euro) zu. Nicht zum täglichen Leben notwendige Einrichtungen - und dazu gehören auch Modegeschäfte – wurden zu einer Zeit geschlossen, in der sie ihre letzten Lieferungen für die F/S-Saison bekommen. Laut einer Analyse von Retail Economics und Alvarez & Marsal dürften die Umsätze um 70% gefallen sein. Große Modegruppen wie Arcadia, Primark und Next haben ihre Aufträge angehalten oder storniert, um sich vor Bergen von Ware zu schützen, die nicht verkauft werden kann. Marks & Spencer hat Aufträge im Wert von 100 Mio. Pfund zurückgestellt, um eine Flut von Lieferungen zu vermeiden. Dabei soll es sich vor allem um Basics wie T-Shirts handeln, die weniger modischen Trends unterliegen.

Die Modegruppe Next, die am Abend des 26. März neben ihren 493 Stores und 361 Concessions auch ihre Online, Warehousing- und Distributions-Operationen vorübergehend geschlossen hat, startet am heutigen Dienstag in limitierter Form wieder mit dem Online-Shopping. Next-Chef Lord Wolfson hatte zunächst gehofft, das E-Commerce-Geschäft aufrecht erhalten zu können. Wegen der rasant steigenden Infektionsraten mit dem Coronavirus in Großbritannien wurde zum Schutz der Kollegen in Warehousing und Distribution dann auch die Online-Sparte geschlossen.

„Next hat seither sehr umfangreiche zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen implementiert und in Absprache mit unseren Mitarbeitern und unserer Gewerkschaft USDAW die Wiedereröffnung des Online-Betriebs in limitierter Form ab heute beschlossen“, teilt das Unternehmen in einem Statement mit. Zunächst werden die am stärksten von den Kunden benötigten Kategorien angeboten. So z. B. Childrenswear und ausgewählte kleine Produkte rund ums Wohnen. Andere Produktegruppen sollen später folgen. Die Wiederaufnahme des Online-Shoppings starte mit Unterstützung von Kollegen, die wieder zur Arbeit kommen wollen und dazu in der Lage sind, heißt es weiter. Die Idee sei, mit dem Verkauf kleiner Mengen zu beginnen, sodass in jedem Warehouse nur eine kleine Anzahl von Kollegen zur gleichen Zeit benötigt werde. Dadurch soll rigorosem Social Distancing entsprochen werden.



Um die limitierten Mengen zu erreichen, wird Next seinen Kunden nur erlauben, nur eine Anzahl von Teilen zu ordern, die an jedem Tag sicher zusammengestellt werden können. Wenn dieser Punkt überschritten ist, werden keine Online-Aufträge mehr entgegengenommen und die Website wird auf „Browse Only“ umgestellt. Wie zu erfahren ist, haben sich inzwischen 3000 Next-Mitarbeiter freiwillig zurückgemeldet, die sich zu unterschiedlichen Zeiten an diesem Einführungsprogramm beteiligen. Firmenchef Lord Wolfson, 51, hatte bei der Vorlage des Jahresergebnisses Ende März berichtet, dass das Unternehmen in einem Stress-Test die Kosten der Pandemie hochgerechnet hat und sich mit seinen Planungen im schlimmsten Fall auf einen Umsatzrückgang bis zu 1 Mrd. Pfund einstellt. Den könne das Unternehmen bequem aushalten, ohne die gegenwärtigen Bond- und Kreditlinien zu überschreiten, sagte Lord Wolfson derzeit. Da war aber von der temporären Schließung des Online-Geschäfts noch keine Rede. Next ist einer der stärksten Namen im britischen Einzelhandel. Die Online-Sparte trägt inzwischen 2,15 Mrd. Pfund zum Gruppenumsatz von 4,36 Mrd. Pfund bei.

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