Momox-CEO Heiner Kroke gewährt Einblicke ins Secondhand-Business

"Wir verlassen uns nie auf menschliche Intelligenz"

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Momox-Ched Heiner Kroke: "Wir haben im März einen Corona-Effekt gesehen. Allerdings einen negativen."
Momox-Ched Heiner Kroke: "Wir haben im März einen Corona-Effekt gesehen. Allerdings einen negativen."

Momox-Chef Heiner Kroke erklärt im TextilWirtschaft-Interview, warum die Plattform seiner Ansicht nach im verschärften Wettbewerb bestehen wird, welche Modemarken sich im Secondhand-Business am besten verkaufen und warum Algorithmen die besseren Modeeinkäufer sind.

Der Handel mit gebrauchter Kleidung im Netz gehörte 2020 zu den absoluten Top-Trendthemen des deutschen E-Commerce. Mit Zalando, About You, und H&M sind innerhalb weniger Monate drei milliardenschwere Modehändler hierzulande in den Wachstumsmarkt eingestiegen. Zudem starteten Markenhersteller wie Gucci, Levi’s und Anita Hass eigene Preloved-Fashion-Konzepte.

Und: Die europaweit aktive Secondhand-Plattform Vinted schluckte erst den niederländischen Mitbewerber United Wardrobe. Dann fusionierten die Litauer, die 2019 einen Transaktionsumsatz von 1,3 Mrd. Euro erzielt hatten, ihre deutschen Töchter Kleiderkreisel und Mamikreisel, die anschließend unter dem Dachmarken-Namen Vinted neu gestartet wurden.


Mittelständische Spezialisten für den Online-Handel mit Secondhand-Mode müssen somit um ihre schwer erkämpften Marktanteile kämpfen. Zumal sich schon viele Player auf dem Markt tummeln. Das dürfte ein Grund dafür gewesen sein, warum der Berliner Recommerce-Anbieter Momox vorige Woche seine Modesparte neu aufgestellt hat.

Im Mittelpunkt des Relaunches steht ein komplett überarbeiteter Markenauftritt mit neuem Namen und Logo sowie neuer Bildsprache. Um die breite Öffentlichkeit über all diese Neuerungen zu informieren, hat Momox an diesem Montag eine große TV-Kampagne gestartet.

Momox-CEO Heiner Kroke erklärt im TextilWirtschaft-Interview, wie die Plattform im verschärften Wettbewerb bestehen will, warum Algorithmen die besseren Modeeinkäufer sind und welche Modemarken sich im Secondhand-Business am besten verkaufen.

TextilWirtschaft: Seit Ausbruch der Pandemie verbringen viele deutsche ihre Freizeit lieber zu Hause und haben so viel Zeit, ihre Kleiderschränke aufzuräumen, Modeartikel auszusortieren, die sie nicht mehr brauchen. Dadurch wächst das Angebot an Secondhand-Mode deutlich. Gleichzeitig müssen viele Arbeitnehmer wegen Kurzarbeit, Jobverlust mehr aufs Geld achten. Das erhöhte Nachfrage nach gebrauchter Kleidung im Netz. Leben die Secondhand-Anbieter jetzt in goldenen Zeiten?
Heiner Kroke:
Wir sind im vergangenen Jahr so gewachsen, wie wir es uns vorgenommen hatten. Goldene Zeiten ist wahrscheinlich eine Frage der Betrachtungsweise. Der Bekleidungsmarkt ist 2020 eingebrochen. Wenn man das betrachtet, scheint Secondhand tatsächlich besser zu performen. Aber wir sehen auch nicht, dass wir das Doppelte an Wachstum gehabt hätten.

Aber es waren schon ein paar Prozentpunkte mehr, oder?
Nein, wir haben ungefähr das erreicht, was wir die Jahre davor auch hatten.

Wie hoch ist jetzt der Modeanteil am Gesamtumsatz?
Für das vergangene Jahr kann ich Ihnen das noch nicht sagen. 2019 machte die Fashion-Kategorie 13% des Jahresumsatzes aus.

Lässt sich der Corona-Effekt in Ihrer Modesparte beziffern?
Das ist schwer zu sagen. Wir wissen ja nicht, wie das Geschäft gelaufen wäre, wenn es Corona nicht gegeben hätte. Wir sehen aber nicht, dass sich alles im Jahr 2020 verdoppelt hätte. Wir haben im März durchaus einen Corona-Effekt gesehen. Allerdings einen negativen. Damals ist das Geschäft von einem Tag auf den anderen um 50% eingebrochen, und zwar auf beiden Seiten: Verkäufer und Käufer. Das hat sich dann aber wieder in den nächsten Wochen erholt.

Und wie sah es nach dem Start des zweiten Shutdowns aus?
Da war der Effekt schwächer. Wir haben keine außergewöhnlichen Bewegungen gesehen. Weder nach oben noch nach unten.

Bei den Mitbewerbern Vinted und Mädchenflohmarkt hat die Corona-Krise zu einem deutlichen Anstieg der Angebote gesorgt. Vinted, berichtet, dass die Verkäufer von Februar bis Juni vergangenen Jahres 17% mehr Produkte auf die Plattformen des Konzerns hochgeladen haben als im Vorjahreszeitraum. Bei der Plattform Mädchenflohmarkt fiel das Wachstum seit April vergangenen Jahres noch höher aus: Die Verkäufer haben im Vorjahresvergleich fast ein Viertel (23%) mehr Artikel auf dem Secondhand-Marktplatz eingestellt als im Vorjahreszeitraum.

Der neue Momox-Spot


Welche Modekategorien waren 2020 besonders stark?
Da unterscheiden wir uns nicht besonders vom übrigen Modemarkt. Freizeitkleidung ist bei uns auch stärker geworden. Anzüge und Abendbekleidung sind eh nicht besonders stark im Secondhand-Bereich. So gab es auch keine deutlichen Einbrüche. Die Top Ten der meistgekauften Modemarken war ziemlich ähnlich wie im Vorjahr. Esprit ist immer noch dabei.

Was waren die Topseller?
Da kann ich Ihnen nur Marken nennen, da es im Second Hand immer nur Einzelstücke gibt. Zu den meistverkauften Marken gehören u.a. Esprit, Marc O'Polo, Tommy Hilfiger, S. Oliver und Zara.

Bei Secondhand ist Esprit noch vorn

Diese Modemarken wurden bei Momox 2020 am häufigsten gekauft:
 1. Esprit
 2. Marc O’ Polo
 3. Tommy Hilfiger
 4. S. Oliver
 5. Zara
 6. Nike
 7. Hollister
 8. Polo Ralph Lauren
 9. Comma
10. Desigual

Im Fokus der Neuaufstellung der Modesparte standen ein neuer Name und ein neuer Markenauftritt. Was hat sich beim Modesortiment verändert? Wurden stark nachgefragte Kategorien ausgebaut bzw. wenig genutzte Bereiche verkleinert?
Beim Rebranding stand unsere Modemarke im Vordergrund und nicht das Angebot. Das Angebot ist exakt das Gleiche geblieben. Sowohl, was den Service als auch das, was das Sortiment anbelangt. Da haben wir keine Veränderungen vorgenommen, sondern wir haben uns auf die Marke fokussiert.
„Wir kaufen nie Restposten an. Wir kaufen nie Überproduktionen an. Wir lassen nicht selbst irgendwo günstig produzieren.“
Was machen Sie, wenn in den Trendbereichen wie aktuell bequeme Freizeitmode die Nachfrage das Angebot übersteigt? Kaufen Sie dann selbst größere Bestände bei Händlern auf? Ähnlich wie Outlets, die bestimmte Produkte extra produzieren lassen, um die gesamte Produktpalette anbieten zu können.
Woanders einkaufen heißt bei uns immer: bei unseren Verkäufern. Und das sind immer Privatkunden. Da folgen wir nicht dem, was im Outlet-Bereich passiert. Wir kaufen nie bei professionellen Verkäufern ein. Wir kaufen nie Restposten an. Wir kaufen nie Überproduktionen an. Wir lassen nicht selbst irgendwo günstig produzieren. Wir kaufen ausschließlich bei privaten Verkäufern und Endkunden an.

Momox hat seine Modekategorie umbenannt und komplett neu gestaltet.
Momox
Momox hat seine Modekategorie umbenannt und komplett neu gestaltet.
Zurück zum Relaunch: Sie haben bei einer Umfrage unter 50.000 Kunden den neuen Markennamen Momox Fashion ermittelt, der ehrlich gesagt nicht besonders originell oder überraschend ist. Welchen Namen waren noch im Rennen?
Dass der Name nicht originell wäre, haben Sie jetzt gesagt. Wir haben in der Tat eine hohe Anzahl an Markennamen mit unseren Kunden getestet. Wir haben erst einmal Attribute getestet, die der Marke zugeordnet werden. Dann haben wir in verschiedenen Bereichen Markennamen getestet. Also Markennamen, die sehr stark für Fashion stehen. Außerdem Markennamen, die sehr weit weg vom Namen Momox sind, aber positive Assoziationen generieren, die für uns wichtig sind. Und auch Namen, die näher an unserer Dachmarke Momox stehen. Momox Fashion war von Anfang an im Rennen − und hat sich dann als Sieger in den Umfragen herausgestellt, vor allem bei unseren potentiellen Kunden und Neukunden.

Und welchen Namen lagen auf den Plätzen zwei und drei?
Das bleibt unser Geheimnis. Aber das Ergebnis war am Ende doch sehr eindeutig. Der Name Momox Fashion ist zwar vielleicht nicht besonders originell, aber passt optimal zur bekannten Dachmarke Momox und spiegelt das wider, was dahintersteckt.

Man hätte ja auch den etwas griffigeren Namen Momox Mode wählen können, zumindest nur für den deutschen Markt.
Durchaus. Es gab auch andere Variationen. Es gab ein Suchfeld, bei dem wir gesagt haben: das sind Markennamen, die nahe an unserer Unternehmensmarke dran sind. Da haben wir nicht nur Momox Fashion getestet, sondern auch viele andere Namen. Am Ende kam Momox Fashion als die Marke heraus, die Neukunden am besten annehmen würden.


Sie sagten selbst, dass der vorherige Markenname Ubup bei „potenziellen Kunden weniger gut ankam, da die Schreibweise und Aussprache nicht eindeutig waren”. War der Name im Nachhinein eine Fehlentscheidung? Oder hätte die Bedeutung der Abkürzung besser kommuniziert werden müssen, zum Beispiel in Form eines Claims, der die Botschaft used but precious transportiert?
Das haben wir in der Tat auch gemacht. Ganz am Anfang, als wir Used but precious (Ubup) genutzt haben, haben wir genau diese Aussage als Claim benutzt. Wir haben auch damals immer wieder gefragt, wie die Kunden das wahrnehmen und was man verbessern könnte. Es war eine natürliche Entwicklung, dass dann der Claim „Your Second Hand“ folgte. Man kann sich hinterher immer fragen: Hätte man vielleicht von vornherein den Namen Momox Fashion nutzen sollen? Das kann ich so nicht beantworten, weil vor sieben Jahren, als wir mit unserem Online-Shop für Second Hand Mode gestartet sind, die Situation noch eine andere war.

Was war damals anders?
Wir haben deutlich stärker zwischen An- und Verkauf unterschieden. Wir haben daher auch noch nicht den direkten Link zwischen den beiden Plattformen hergestellt. Das tun wir jetzt über Tabs. Ich denke, der Weg, den wir jetzt beschritten haben, zeigt, dass wir uns sehr gut entwickelt haben. Ich würde nicht sagen, dass das damals ein Fehler war. Aber ich denke, dass heute der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um beide Marken näher zueinander zu bringen. Und dementsprechend auch die Markensynergien zu nutzen.

Über Heiner Kroke

Heiner Kroke ist seit 2013 CEO des Re-Commerce-Anbieters Momox. Davor hat der heute 51-Jährige fünf Jahre lang in gleicher Position beim Online-Auktionshaus Ricardo gearbeitet. Dort verantwortete er die Geschäfte aller Marken und Online-Portale in der Schweiz und in zahlreichen westeuropäischen Ländern. Von 2003 bis 2008 arbeitete der studierte Wirtschaftsingenieur in leitenden Positionen beim Online-Marktplatzbetreiber Ebay, unter anderem als Direktor für Corporate Development, Product Marketing und Ad Sales. Darüber hinaus war Kroke bei dem E-Commerce-Konzern für strategische Partnerschaften zuständig. Als CEO des Ebay-Kleinanzeigen-Vorläufer Kijiji etablierte er lokale Consumer-to-Consumer-orientierte Netzwerke.

Weitere Stationen seiner Karriere waren der Medienkonzern Bertelsmann, die Boston Consulting Group und der Konsumgüterhersteller Procter &  Gamble. Bei Bertelsmann arbeitete Kroke zwei Jahre lang als Vice President Business Development, bei BCG als Projekt Leader und bei P&G als Group Manager.

Heiner Kroke ist 2013 als CEO vom Online-Aktionshaus Ricardo zu Momox gekommen.
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Heiner Kroke ist 2013 als CEO vom Online-Aktionshaus Ricardo zu Momox gekommen.
Ebay verknüpft seine An- und Verkaufskanäle, indem die Kunden mit Gutscheinen zum Verkaufen animiert werden. Und Verkäufer zum Kaufen. Sind ähnliche Initiativen bei Momox geplant?
Das machen wir tatsächlich auch schon lange. Kund:innen, die Kleidung an Momox verkaufen, haben bei der Auszahlung die Wahl: Sie können sich den Erlös voll auszahlen lasen. Oder sie erhalten den Erlös plus 20% des Erlöses on top in Form eines Gutscheins für Momoxfashion.com. Gleiches bieten wir auch beim Ankauf von Büchern & Medien und einem entsprechenden Gutschein für Medimops.de an.

Was lassen Sie sich die neue Werbekampagne kosten?
Den genauen Betrag kann ich nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass er siebenstellig ist. Wir werden in viele Kanäle gehen. Natürlich haben wir einen teuren Kanal, in den wie viel Energie investieren: Fernsehen. Wir haben einen Spot für den Verkauf und zwei Spots für unseren Ankauf, wo wir noch stärker auf die Modekategorie hinweisen. Wir gehen in eine große Breite an Kanälen: RTL, Vox, Sixxt und ProSieben sowie verschiedene Performance-Kanäle. Wir bewerben sowohl unsere Einkauf- als auch unserer Verkaufsseite. Wir haben den Medienmix natürlich um andere Medien erweitert. Wir gehen zum Beispiel in Influencer-Werbung und Social Media sowie auf YouTube und Spotify. Das machen wir sowieso sehr stark. In diesen Bereichen erhöhen wir unser Investment, sodass ein starker Push auf der Markenseite entsteht, aber auch auf der Performance-Seite für An- und Verkauf.
Die neue TV-Kampagne von Momox

Momox startet am 1. Februar eine nationale TV-Kampagne mit zwei TV-Spots, die den überarbeiteten und umbenannten Modebereich Momox Fashion bewerben. Die 10 und 20 Sekünder zeigen mehrere Twens, die tanzend, springend, auf dem Kopf stehend, per Salto und seitwärts fliegend ihre Secondhand-Produkte vorführen. Dazu sagt eine Sprecherin: „Entdecke alle deine Lieblings-Brands in handgeprüfter Qualität. Günstiger und nachhaltiger als neu. Mit kostenlosem Versand und Rückversand.“ Der Claim lautet “Your Style, Second Hand”. Die Commercials laufen auf den Sendern RTL, Vox, ProSieben, RTL 2, Sixx, TLX, in den Streaming-Diensten TV Now und Joyn sowie weiteren Performance Channel. Hinzu kommt ein Audio-Spot auf Spotify.

Bereits auf Sendung sind drei TV-Spots: Ein 20-Sekünder für den Ankauf von gebrauchten Büchern, Medienartikeln und Fashion über Momox. Und zusätzliche jeweils ein 10-Sekünder für den Ankauf von Secondhand-Mode sowie für den Ankauf von Büchern und Medien. Die Werbefilmchen laufen noch bis Ende Februar, dann immer wieder über das Jahr verteilt in mehreren Flights.

Für die Rebranding-Kampagne ist - inklusive Media-Buchungen und Konzeption der TV-Spots - die Hamburger Agentur Brandtouch verantwortlich. Die filmische Umsetzung der Commercials erfolgte in Zusammenarbeit mit Sirensrock Film Production. Regie führte Mike Beims.

Die Kampagne wird sicherlich dabei helfen, aus der inzwischen großen Masse an Secondhand-Plattformen herauszuragen. Was machen Sie sonst noch, um im verschärften Wettbewerb bestehen zu können? Schließlich sind im vergangenen Jahr mit Zalando, H&M und About You drei ganz große Online-Händler in das Geschäft eingestiegen. Wie wollen Sie sich in diesem Wettbewerbsumfeld behaupten?
Erst einmal freuen wir uns darüber, dass endlich auch größere Player in den Recommerce einsteigen. Fashion-Recommerce ist schließlich immer noch ein eher unbekanntes Phänomen. Ich schätze, die meisten Kunden werfen weiterhin ihre gebrauchte Kleidung in einen Altkleider-Container. Damit wird die Kleidung häufig zu Putzlappen oder Ähnlichem. Wenn man Nachhaltigkeit als ein wichtiges Thema versteht – und das tun wir – dann ist es auf jeden Fall sinnvoll, dass man hochwertiger Kleidung ein zweites oder drittes Leben schenkt. Und das wirklich auch als Kleidung und nicht als Putzlappen. Allerdings sind wir als noch kleinerer Spieler in unseren Möglichkeiten beschränkt. Zalando oder H&M, also Sellpy, oder About You haben sicherlich mehr Möglichkeiten. Der Einstieg der großen Player in den Second Hand Fashion Markt freut uns dennoch, weil dadurch das Geschäftsmodell deutlich prominenter wird. Und wir als Spezialist glauben, dass wir am Ende im Wettbewerb extrem gut, wenn nicht sogar führend dastehen werden.

Warum sind Sie da so zuversichtlich?
Nicht nur, weil wir überzeugt von uns selbst sind, sondern weil wir die gleiche Erfahrung schon einmal gemacht haben. Wir hatten in unserem Buchgeschäft die Situation, dass mit Amazon ein großer Player genau das Gleiche machte wie wir. Der Konzern hat selbst Bücher angekauft und verkauft. Trotzdem hat es nicht dazu geführt, dass uns Amazon geschluckt hat oder das Geschäft so dominiert hat, dass wir aus dem Markt gedrängt wurden. Genau das Umgekehrte ist passiert: Amazon hat das Geschäft wieder aufgegeben. Und für uns ist das immer noch ein sehr gutes Geschäft. Ich denke an diesen Punkt werden wir auch im Secondhand-Modegeschäft kommen.

Das heißt: die Bücher, die jetzt auf Amazon angeboten werden, kommen nur von Endkunden und nicht von Amazon selbst.
Genau. Amazon hat das eigene B-to-C-Recommerce-Geschäft wieder aufgegeben. Und wir sind jetzt der größte Verkäufer von gebrauchter Ware auf Amazon weltweit. Second Hand-Mode verkaufen wir nicht über den Amazon Marketplace, sondern Ebay.

Bei den neuen großen Wettbewerbern ist die Modekompetenz unumstritten. Bei Momox sieht das anders aus. Schließlich ist Ihr Unternehmen eher für den Handel mit DVDs und Büchern bekannt. Könnte das zum Problem werden?
Dass unsere Modekompetenz umstritten ist, sagen Sie jetzt. Ich denke, wir haben uns in den vergangenen sieben Jahre im Secondhand-Modebereich sehr gut entwickelt. Und wir haben dabei weitaus größere Kompetenz bewiesen als die anderen Player, die Sie angesprochen haben. Im Recommerce gibt es ganz andere Kriterien als im Neuwarenbereich. Wir haben zum Beispiel nicht die Möglichkeit, einen einzelnen Artikel zehntausendfach zu verkaufen. Wir arbeiten eben nicht mit Herstellern im Einkauf zusammen. Es gibt keine Einkaufsabteilung, die die besten Konditionen verhandelt, um danach dann die Artikel entsprechend verkaufen zu können. Wir müssen in der Logistik ganz anders aufgestellt sein. Wir denken, dass wir eine sehr gute Position innehaben. Und diese Position sehr viel besser ist als bei den erwähnten Mitbewerbern.

„Wir verlassen uns nie auf menschliche Intelligenz, sondern wir entwickeln mit menschlicher Intelligenz Algorithmen, die das abdecken.“
Haben Sie ein Team von Modeexperten, das bewertet, ob die Ware nicht zu alt für den Verkauf ist, weil sie aus der Mode ist?
Das machen wir nie. Wir verlassen uns nie auf menschliche Intelligenz, sondern wir entwickeln mit menschlicher Intelligenz Algorithmen, die das abdecken. Wir haben in der Tat Experten, die sich um den Modebereich kümmern. Diese bewerten aber nicht mit einem geschulten Auge jeden Artikel, um danach zu sagen, ob sich der Artikel verkaufen wird oder nicht. Sondern sie entwickeln mit dem geschulten Auge Algorithmen, um dann genau diesen Prozess von der Ankaufseite bis zur Verkaufsseite begleiten zu können.

Der Algorithmus kann also erkennen, ob die Produkte noch en vogue sind und weiterverkauft werden können?
Da müssen sie in der Tat Wege finden, mit denen das am Ende abgebildet werden kann. Im Ankauf fragen wir unsere Kunden nicht: Ist das ein modischer Artikel oder nicht? Sondern wir fragen unseren Kunden: Ist das für Mann oder Frau? Junge oder Mädchen? Welche Marke ist das? Und welche Art von Artikel? Also zum Beispiel: Mann, Marc O'Polo, Pullover. Wir bieten dann einen Preis an. Im Warenlager kontrollieren unsere geschulten Mitarbeiter in der Qualitätskontrolle, ob die Kleidungsstücke und Accessoires unseren Ankaufsbedingungen entsprechen. Ob ein Artikel en vogue ist oder nicht, ist Geschmackssache. Das entscheiden dann die Kunden auf der Verkaufsseite. Ihnen stehen auf Momoxfashion.com viele Funktionen zur Verfügung, um sich entscheiden zu können, ob sie den Artikel kaufen wollen. Zum Beispiel Informationen zu Größe, Schnitt, Farbe. Und natürlich gibt es auch Bilder.



Und wie viel Prozent der angekauften Ware können Sie wiederverkaufen?
Die Erfahrung zeigt, dass wir fast alle Artikel erfolgreich an die Frau oder den Mann bringen. Wir haben also nicht die Herausforderung, dass am Ende einer Saison noch 30 bis 40% der Artikel im Lager liegen. Aber wir kaufen auch nicht für eine Saison ein. Sondern wir kaufen heute von Ihnen die Artikel aus dem Kleiderschrank, die Sie loswerden wollen. Und verkaufen die dann über einen Zeitraum, der wahrscheinlich deutlich länger ist als das, was sonst im Modehandel üblich ist. Wir haben also nicht festlegte drei bis vier Monate für den Abverkauf einer Saison, sondern vielleicht ein Jahr oder anderthalb Jahre.

Wie viel Prozent der Ware muss am Ende vernichtet werden?
Das ist ganz wenig. Unter 2%.

Und was ist mit den Rückläufern? Lohnt sich eine Wiederaufbereitung überhaupt noch, wenn der Gewinn eh nur im Cent-Bereich liegt?
Natürlich gibt es bei uns auch Retouren. So wie überall im Modegeschäft. Unsere Retourenquote ist aber etwas niedriger als im sonstigen Online-Modehandel. Dafür gibt es zwei Treiber: Der erste Grund ist, dass es bei uns keine klassische Auswahlbestellungen gibt. Die Kunden bestellen nicht die gleiche Hose in drei Größen, um am Ende nur eine Hose zu kaufen. Wir haben den Artikel schließlich nur einmal auf Lager. Der zweite Grund besteht in den günstigeren Preisen. Die günstigen Preise führen manchmal dazu, dass man den Artikel eben doch behält. Selbst dann, wenn die Hose nicht ganz perfekt sitzt. Weil man sich sagt: „Geht vielleicht nicht für jeden Anlass, aber mal für den Garten“. Oder: „Die Hose ist so schön. Da wachse ich noch rein. “ Oder: „Ich gebe sie meiner Schwester. War ja so günstig.”

Ein zweiter Versuch: Wie teuer muss ein Secondhand-Modeprodukt sein, damit sich dessen Verkauf auch noch nach einer Retoure lohnt?
Diese Frage kann ich leider nicht beantworten.

Sie könnten die Retourenquote noch weiter senken, wenn Sie den Kunden Passformtipps geben würden? Ist das zu aufwändig? Oder nicht nötig, weil die Kunden nur Marken kaufen, deren Passformen sie bestens kennen?
Wenn alle Kunden so wären wie ich, dann wäre das so. Ich kaufe immer das Gleiche und stelle dann manchmal fest, dass auch die Hersteller oft die Größen nicht unter Kontrolle haben. Es ist mir schon passiert, dass ich drei Paar Timberland-Schuhe nebeneinander stehen hatte. In den Größen 44, 45 und 46. Und komischerweise passten mir alle drei Paare. Wahrscheinlich merkt sich mein Fuß, welche Schuhe ich gerade anziehe und sagt dann: „Passt trotzdem“. Spaß beiseite: Ein gutes Tool, mit dem Sie die richtige Größe ermitteln können, finden Sie auf Momox Fashion noch nicht. Das ist bei uns sicherlich aufwändiger und komplizierter als im Neuwarenbereich, weil wir nur Einzelstücke haben und wir somit nicht die Kundenerfahrungen der letzten 20 Käufer auswerten können. So können wir dem Kunden nicht sagen, dass der Artikel eher größer oder kleiner ausfällt. Das sind technische Herausforderungen, an denen wir arbeiten. Denn ja: Natürlich könnte man die Retourenquote positiv beeinflussen, ohne den Service schlechter zu machen. Und zwar, indem man dem Kunden noch mehr hilft, die richtige Größe zu finden.

Retouren gehören traditionell zu den größten Renditekillern im Online-Handel mit Mode. Grund sind die hohen Kosten für Rücksendung und Bearbeitung der Rückläufer. Laut Forschungsgruppe Retourenmanagement der Uni Bamberg verursacht ein retournierter Artikel im Mittel Kosten in Höhe von 11,24 Euro. Davon entfallen im Schnitt 5,67 Euro auf die Transportkosten und 5,57 Euro auf die Bearbeitungskosten. Nach Branchenschätzungen liegt die Retourenquote im Online-Modehandel bei 50%. Bei Damenmode würden teilweise auch Werte von bis zu 70% erreicht. Möglicherweise hat die Corona-Krise eine Trendwende beim Retourenverhalten eingeläutet: Einer Online-Händler-Umfrage der Uni Uni Bamberg zufolge ist die Retourenquote von März bis August 2020 im Vorjahresvergleich von 17,8 auf 15,9% gesunken. Eine "signifikant niedrigere Retourenquote" ermittelten die Retourenforscher bei Mode und Einrichtungsgegenständen wie Möbeln und Heimtextilien.


Was für technische Neuerungen planen Sie sonst noch für dieses Jahr?
Nichts, worüber ich jetzt schon sprechen könnte. Aber es werden Sachen sein, die jetzt schon offensichtlich sind. Sie haben wahrscheinlich noch keine App von Momox Fashion gefunden. Das sollten und können wir noch machen.

Können Sie sich vorstellen, in das boomende Geschäft mit gebrauchter Luxusmode einzusteigen?
Nein, das planen wir nicht.

Und wie sieht es mit den Umsatzzielen aus? 2021 wird immer noch von Corona geprägt sein. Wie wirkt sich das auf das Geschäft aus?
Wir haben 2020 ein ähnliches Wachstum erzielt wie 2019, als wir um 25% zugelegt haben. Wir gehen davon aus, dass sich das Geschäft in diesem Jahr genauso wieder entwickeln wird, sodass wir wieder ein hohes zweistelliges Wachstum erreichen werden. 2020 haben wir über alle Bereiche hinweg schätzungsweise 310 Mio. Euro erwirtschaftet. Das waren 60 Mio. Euro mehr als im Vorjahr. Der Modebereich ist aber deutlich überproportional gewachsen.

2019 lag das Plus im Modebereich bei 61%. 2020 auch?
Das kann ich noch nicht kommentieren.

Der Boom im Secondhand-Markt wird voraussichtlich 2021 weiter anhalten. Wie das Hamburger Marktforschungsinstitut Appinio in einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Verbrauchern zwischen 16 und 65 Jahren ermittelte, will mehr als jeder fünfte Deutsche (rund 21%) in diesem Jahr mehr Secondhand-Mode kaufen will als in den Vorjahren. Von denen, die bereits Secondhand kaufen, gaben 28% an, mehr Secondhand als zuvor shoppen zu wollen. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar fast 41%. Mehr als 43% der Befragten möchten ungefähr gleich viel Modeprodukte aus zweiter Hand zu kaufen wie im Vorjahr. Lediglich rund 11% beabsichtigen, künftig weniger gebrauchte Bekleidung, Schuhe und Accessoires zu erwerben.

Momox in Zahlen und Fakten
  • Gründung: 2004 durch Christian Wegner
  • Märkte: Fashion nur in Deutschland. Ankauf gebrauchter Bücher und Medienartikel auch in Österreich, Frankreich, Belgien und Großbritannien. Weltweit auch auf Online-Marktplätzen wie Ebay.
  • Sortiment: Über eine Million Artikel (Kleidung, Schuhe und Accessoires für Damen, Herren, Mädchen und Jungen) von mehr als 2.000 Marken.
  • Umsatz: 310 Mio. Euro. Euro (plus 25% im Vergleich zum Vorjahr). Fashion: plus 61% im Jahr 2019 (zehn Prozentpunkte mehr als 2018). 2019 wurden auf dem Momox Fashion-Vorläufer Ubup 59% mehr Bestellungen getätigt als im Vorjahr.
  • Gewinn: Operative Rentabilität im mittleren einstelligen Millionen-Euro-Bereich.
  • Registrierte Nutzer: mehr als 750.000 aktive Verkäufer in allen Kategorien. Mehr als 8,3 Millionen aktive Kunden.
  • Mitarbeiter: Über 1.900 an sechs Standorten. Zum Modeteam macht Momox keine Angaben.
  • Gesellschafter: Mehrheitsgesellschafter ist Verdane Capital X (85%). Hinzu kommen kleinere Anteilseigner wie Momox-CEO Heiner Kroke.
  • Alleinstellungsmerkmale:
    • Schneller Verkaufsprozess: Barcode mit der Momox-App scannen oder Artikel auf Momox.de eingeben, sofort Festpreis erfahren, Artikel kostenfrei an Momox versenden und Geld erhalten. Den Weiterverkauf der Artikel und das damit verbundene Risiko übernimmt Momox.
    • Qualitätskontrolle: Mitarbeiter prüfen die Artikel auf Grundlage einheitlicher Standards und Ausschlusskriterien wie Artikelzustand und Markenechtheit. So werden etwa ungewaschene oder löchrige Kleidungsstücke abgelehnt.
    • Kunden verkaufen zum Festpreis: Für die Preisermittlung wurde ein eigener Algorithmus entwickelt. Der Preis richtet sich vor allem nach Angebot und Nachfrage. Für Kleidung gelten Kriterien wie Saisonalität und Marke ausgewertet.

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