Interview mit Henschel-Chef Kai Brune

„Eine Krise, kein Weltuntergang”

Henschel
Bei der Unternehmensgruppe Henschel in Darmstadt, hier das Haupthaus, sind 477 von 480 Mitarbeiter in Kurzarbeit.
Bei der Unternehmensgruppe Henschel in Darmstadt, hier das Haupthaus, sind 477 von 480 Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Bei der Unternehmensgruppe Henschel in Darmstadt sind nicht nur alle Läden, sondern auch der Online-Shop geschlossen. Geschäftsführer Kai Brune sagt warum und erläutert, wie die Mitarbeiter in der Krise unterstützt werden.

Nach der Zuspitzung der Lage in Deutschland und dem benachbarten Ausland kam die Anordnung, bundesweit die Läden zu schließen, nicht überraschend. Bei nüchterner Betrachtung der Zahlen ist die Schließung für viele Unternehmen auch betriebswirtschaftlich sinnvoll. Darauf weist u.a. Opus-Chef Stefan Leewe in der aktuellen Ausgabe der TextilWirtschaft hin. Die verkürzte Darstellung seiner Sicht der Dinge: Wer den Laden offenlässt, hat riesige Betriebs- und Personalkosten, jedoch keine Einnahmen. Bei geschlossenen Läden besteht die Möglichkeit, diese Kosten zu senken und auch Gespräche mit den Vermietern zu führen.


Wie stark Umsatz und Frequenz bereits ab Mitte der 9. KW zurückgegangen sind, hat Kai Brune öffentlich gemacht, Geschäftsführer der Henschel-Gruppe in Darmstadt. In den 15 Verkaufstagen vom 27. Februar bis einschließlich 14. März ist die Kundenfrequenz an 14 Tagen zweistellig gesunken. Am 13. März sogar um 66%. Gleichzeitig legte die Transaktionsquote an allen Tagen zweistellig zu.

Die Kunden kamen also vor allem für Zielkäufe ins Haus. Der Umsatz ging daher nicht ganz so stark zurück, im genannten Zeitraum aber dennoch um 20%. Aufgelaufen per 16. März liegt der Monat in der Unternehmensgruppe Henschel (Darmstadt, Michelstadt, Heidelberg, Gegenüber Darmstadt, Heick & Schmaltz, Lübeck) um 23% unter dem Vorjahr.

Das Unternehmen hat inzwischen für 477 der 480 Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet. Die Läden einschließlich des Restaurants Obendrüber im Darmstädter Haupthaus sind geschlossen. Brune geht davon aus, dass der Shutdown mindestens bis zum 18. April dauern wird. Heizung, Lüftung, Beleuchtung – energetisch wird alles runtergefahren.

Während andere Händler versuchen, online zumindest etwas zu verkaufen, hat Henschel den Online-Shop ebenfalls geschlossen. „Ich kenne kaum ein Unternehmen, das mit dem Versand Geld verdient. Allenfalls wird kein Geld verbrannt. Ausgerechnet jetzt in diesem Kanal aktiv zu sein und auch noch Retouren bearbeiten zu müssen, halte ich nicht für sinnvoll.“

Geschäftsführer Kai Brune: "Ausgerechnet jetzt online aktiv zu sein und auch noch Retouren bearbeiten zu müssen, halte ich nicht für sinnvoll."
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Geschäftsführer Kai Brune: "Ausgerechnet jetzt online aktiv zu sein und auch noch Retouren bearbeiten zu müssen, halte ich nicht für sinnvoll."
Mit Rücksicht auf die Lieferanten haben Brune und sein Geschäftsführer-Kollege Moritz Koch darauf verzichtet, Gespräch mit den Lieferanten aufzunehmen über Lieferstopp, Teillieferungen und Verlängerung der Zahlungsziele. „Das hat übergreifend für die Branche Katag-Chef Daniel Terberger schon gemacht. Die Lieferanten werden jetzt überrannt von Anfragen und sind vermutlich nicht in der Lage, mit jedem Unternehmen individuelle Absprachen zu treffen.“

Aus Solidarität mit ihren Mitarbeitern arbeiten die beiden Henschel-Geschäftsführer jetzt offiziell auch nicht. Anders als Angestellte erhalten sie jedoch keine Leistungen vom Arbeitsamt, sondern verzichten auf ihre Gehälter.

Trotz aller Herausforderungen ist Brune zuversichtlich, die schwierige Situation bewältigen zu können: „Wir bereiten und auf eine Krise, aber nicht auf den Weltuntergang vor. Wir werden weder kündigen noch auslaufende Verträge mit guten Mitarbeitern nicht verlängern. Sondern reagieren flexibel mit Stundenkonten, Urlaub, freiwilligem unbezahltem Urlaub für die, die ihn sich leisten können und wollen. Viele Maßnahmen sparen zunächst nichts. Wenn man davon ausgeht, dass die Krise nicht über Monate geht, werden wir mit astreinen Konten sowie einem motiviertem Team an den Start gehen, das sicher nicht vergessen wird, was wir freiwillig geleistet haben.“

Das gut finanzierte Unternehmen hat sich zur Abfederung der finanziellen Einbußen der Mitarbeiter außerdem ein besonderes Modell ausgedacht. Die Hälfte der Nettoeinbußen beim Gehalt zahlt Henschel jedem Mitarbeiter als zinsloses Darlehen, das im Dezember zurückgezahlt werden kann. Sollte es gelingen, nach der Krise wieder gute Umsätze und Erträge zu erzielen, werde Henschel auf die Rückzahlungen verzichten. Falls das Finanzamt die nicht erhobenen Zinsen als geldwerten Vorteil werten sollte, wolle Brune den Streit mit der Behörde ausfechten. Außerdem hat die Geschäftsführung allen Mitarbeitern erlaubt, einen 450 Euro-Job auszuüben. Wer mag, kann also einen Teil seiner fehlenden Einkünfte mit einer Nebentätigkeit ausgleichen.

Brune befürchtet durch die Krise zahlreiche Pleiten in der Branche und eine nie dagewesene Rabattschlacht, wenn die Läden wieder öffnen dürfen. „Um dann bestehen zu können und nicht nur Erlöse, sondern auch Erträge zu erwirtschaften, brauchen wir ein gutes und hoch motiviertes Team.“

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