Mut, Macher

Wie Orangen Imi Mode durch die Krise helfen

Imi Mode
Die Saft-Idee hat sich ausgezahlt: Florian und Imi Taller verkaufen die unbehandelten sizilianischen Orangen längst nicht mehr nur im Laden, sondern beliefern auch Supermärkte und Hofläden.
Die Saft-Idee hat sich ausgezahlt: Florian und Imi Taller verkaufen die unbehandelten sizilianischen Orangen längst nicht mehr nur im Laden, sondern beliefern auch Supermärkte und Hofläden.

Seit mehr als 30 Jahren ist Imi Taller leidenschaftlich gern Modehändler. Vor vier Jahren stieg er zusätzlich ins Geschäft mit Orangen ein. In der Corona-Krise erweise sich das als „Glücksgriff ohne Ende“, sagt Taller. Denn er und sein Team können nun persönlich Kontakt zu den Kunden halten. Auch finanziell lohnt es sich.

Zum Beispiel vergangenen Freitag. Da wurden 90 Kisten Orangen bei Imi Mode in Waldbronn bei Karlsruhe abgeholt – und auf diese Weise trotz Shutdown zu 90 Kunden persönlich Kontakt gehalten. Gerade in diesem zweiten Shutdown zahlt sich die von Imi Taller vor fast vier Jahren gemeinsam mit seinem Sohn Florian getroffene Entscheidung noch einmal mehr aus: Denn damals entschloss er sich, als zweites Standbein neben seinen drei Modeläden – zwei für DOB und eines für HAKA  mit einer Gesamtfläche von 500m² – einen Orangenhandel aufzubauen.

Der Kontakt kam über einen Freund mit italienischen Wurzeln. Er machte Taller auf den sizilianischen Bauern, der in der Nähe von Agrigento, genauer in Ribera, eine Orangenplantage hat, aufmerksam. Zunächst bestellte der Modehändler lediglich Orangen für sich selbst, schließlich achtet er als Marathonläufer ohnehin auf die Ernährung. Auch im Laden plauderte er mit den Kunden über die unbehandelten, ungespritzten Orangen, bot ihnen frisch gepressten Saft an. Der schmeckte so gut, dass aus einer Kiste jeden Freitag schnell 25 wurden, die er zum Selbstkostenpreis an die Kunden weitergab oder ihnen sogar ans Auto trug. Doch was anfangs als Frequenzbringer gedacht war, entwickelte sich schnell zu etwas Größerem. Der Unternehmer witterte seine Chance.

Im Sommer 2017 flog er also das erste Mal zu dem Bauern, um ihn persönlich kennenzulernen. Sie wurden sich einig und Taller gelang es auf Anhieb, 350 Kisten pro Woche zu verkaufen. Neben den eigenen Kunden, also Privatpersonen, beliefern er und sein Sohn mittlerweile auch Hofläden und Supermärkte – und fahren nun „weit über 1000 Kisten pro Woche“ aus, wie Taller sagt.

Jeden Dienstag und Freitag werden die Orangen mittlerweile an Hofmärkte und Supermärkte ausgefahren.
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Jeden Dienstag und Freitag werden die Orangen mittlerweile an Hofmärkte und Supermärkte ausgefahren.
Also ohnehin schon eine Erfolgsgeschichte. Aber eine, die dem Modehändler nun, während des zweiten Shutdown, einen echten Vorteil bringt. Zwar darf er keine Mode in seinen Stores verkaufen, aber er bleibt bei und mit den Kunden im Gespräch – und vereinbart bei dieser Gelegenheit auch schon mal einen Termin für Private Shopping. Dabei packt er eine Auswahl an Outfits für die Kunden zusammen, bringt sie ihnen vorbei oder präsentiert sie ihnen in deren zu Hause. „Bei so einer Gelegenheit mache ich mitunter zwischen 1500 und 2000 Euro Umsatz“, berichtet Taller.

In Zukunft vielleicht Brot und Spargel

Auch im ersten Lockdown hat er Auswahlpakete rausgeschickt, seinen Laden öffnen konnte er damals allerdings nicht. Die Orangensaison geht von November bis Mitte März und war somit gerade vorbei. Grund genug für Taller, die nächsten Weichen zu stellen. Denn die Orangen lohnen sich nicht nur wegen des Kundenkontakts, sondern auch finanziell. Am Ende dieser Saison werden er und sein Sohn, auf den die Firma läuft und der wie der Vater erzählt im eigenen Unternehmen aufgeht, auf diese Weise etwa 250.000 Euro eingenommen haben. In einer Branche, in der die Zahlungsmoral sehr hoch ist, wie Taller über den Lebensmittelhandel sagt. Das Geld sei immer pünktlich auf dem Konto.

Mit Orangen fing es an, mittlerweile können Kunden auch Zitronen und Mandarinen bei Imi Mode kaufen. Das Mode-Sortiment wurde dafür nicht reduziert, denn vor dem Laden ist ausreichend Platz für die Kisten.
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Mit Orangen fing es an, mittlerweile können Kunden auch Zitronen und Mandarinen bei Imi Mode kaufen. Das Mode-Sortiment wurde dafür nicht reduziert, denn vor dem Laden ist ausreichend Platz für die Kisten.
Neben Orangen verkauft er jetzt auch Zitronen und Mandarinen, die vom gleichen Bauern kommen. Aber Taller weiß: „Ich werde mich jetzt auch nach weiteren Lieferanten umschauen müssen, um nicht zu abhängig zu sein. Wenn ich hier einen Kundenstamm aufbaue, brauche ich natürlich auch die Sicherheit, dass immer ausreichend Ware vorhanden ist.“ Und wenn der Shutdown, der gerade erst bis zum 7. März verlängert wurde, noch bis weit ins Frühjahr anhalten sollte? „Gerade bin ich in Gesprächen mit einem Bäcker, bei dem die Kunden Schlange stehen, wenn er freitags auf dem Markt in Waldbronn ist“, berichtet Taller. „Die Menschen brauchen ja häufiger als einmal in der Woche Brot – also könnte ich das doch dienstags einfach bei mir verkaufen.“ Und einer seiner Kunden hat einen Spargelhof. Auch deren Verkauf kann er sich durchaus vorstellen. „Ganz schnell verderbliche Waren wie Erdbeeren oder Himbeeren wären mir zu heikel, aber es gibt ja genug Lebensmittel, mit denen sich das Geschäft auf ganzjährig drehen lässt. Vor zehn Jahren hätten die Kunden so etwas vielleicht noch schräg gefunden, aber heute finden sie es super.“

Zum Bewerben der Orangen wurde ein Schild entwickelt, das auch die Supermärkte und Läden nutzen.
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Zum Bewerben der Orangen wurde ein Schild entwickelt, das auch die Supermärkte und Läden nutzen.
Dabei hat der 60-Jährige die Leidenschaft für Bekleidung nicht im Geringsten verloren. 1988 ist er in das Business mit Mode eingestiegen. Seither war er jede Saison auf dem Pitti sowie auf den Messen in Paris und Kopenhagen, um nach neuen Labels Ausschau zu halten. So zählt er beispielsweise zum zweiten Kunden, den Hannes Roether hierzulande für sich gewinnen konnte, als dritter Kunde schrieb er das Label BOB, wie Taller berichtet. In der DOB führt er unter anderem Mos Mosh, Grace und Repeat, in der HAKA Phil Petter, Le Temps de Cerises und 7 for all mankind.

Gutschein in etwas anderer Optik

„Der jetzige Warenbestand ist natürlich schon bitter“, konstatiert Taller. Auch er wird in der jetzigen Orderrunde etwa ein Drittel weniger schreiben und Lieferanten reduzieren. Dennoch ist er überzeugt: „Uns gibt’s auch noch nach Corona.“ Auch, weil er alles tut, um im Gespräch zu bleiben. Im ersten Shutdown, als der Orangenverkauf nicht möglich war, hat Taller die Imi-Aktie eingeführt. Im Prinzip ein Gutschein, der optisch einer Aktie aus den 80er Jahren ähnelte, und eine Verzinsung von 10% bot: Bei einem Kaufpreis von 200 Euro können die Kunden damit also beispielsweise Bekleidung im Wert von 220 Euro shoppen. Als im Frühjahr die Läden geschlossen waren, kamen so mehr als 30.000 Euro zusammen – hilfreich für die Liquidität.

Die Imi-Aktie hat dem Modehaus während des ersten Lockdown mehr als 30.000 Euro eingebracht.
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Die Imi-Aktie hat dem Modehaus während des ersten Lockdown mehr als 30.000 Euro eingebracht.
Auch den Sommer nutzte der Unternehmer soweit möglich für Events. Zu den Highlights zählte ein Open Air Konzert, zu dem 250 Zuschauer kamen, die auf Stühlen in einem Abstand von 1,50 Meter platziert wurden. „Es kommen jetzt noch Kunden zu mir, die bedauern, dass sie nicht dabei waren – gerade weil jetzt nichts mehr geht“, berichtet Taller. Und dabei kann der Händler durchaus bekannte Namen für sich gewinnen, sowohl Max Giesinger, der aus Waldbronn kommt, als auch die Band Fools Garden traten in der Vergangenheit schon bei ihm auf. Normalerweise gibt es zum Start der Orangensaison ein riesiges Event mit großem Festzelt und Modenschau, zuletzt 2019 auch mit Elvis Presley-Imitator. „Wir investieren da einmal im Jahr richtig.“ Zudem nimmt Taller seit Jahren an der Einkaufs- und Erlebnismesse Offerta teil und lockt so selbst Kunden aus dem 15 Kilometer entfernten Karlsruhe an.

2020 mit Plus abgeschlossen

Obwohl diese Messe im vergangenen Jahr ausfiel und auch sonst bekanntlich weniger möglich war, hat sich das Engagement der vergangenen Jahre scheinbar ausgezahlt: „Trotz sieben Wochen Lockdown und ausgefallener Offerta haben wir 2020 ein Plus mit Mode erwirtschaftet“, resümmiert Taller.

Mit staatlichen Zuschüssen rechnet Taller demnach nicht unbedingt. Seine Devise lautet aber ohnehin: „Für mich ist es von Haus aus der bessere Weg, mich nicht auf Unterstützung zu verlassen, sondern selbst Lösungen zu finden.“ Aus diesem Grund möchte er mit seiner Geschichte auch anderen Händlern Mut machen. „Ich würde mich freuen, wenn auch andere sich ein zweites Standbein aufbauen, vielleicht sogar auch in den Orangenhandel einsteigen.“ Ursprünglich hatte er auch gedacht, dass das ein gutes Business fürs Alter sein könnte, wenn er nicht mehr permanent im Laden stehen kann. Schließlich kommen die Kunden nicht nur wegen der Bekleidung, sondern auch für einen Plausch mit ihm. „Aber eigentlich denke ich noch nicht an Rente. Dafür macht es mir einfach zu viel Spaß.“
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