Warenmanagement nach Schließung der Stores

Das sagt die Industrie

Die meisten Unternehmen haben die Lieferungen an ihre Kunden im Einzelhandel gestoppt.
Die meisten Unternehmen haben die Lieferungen an ihre Kunden im Einzelhandel gestoppt.

Die Läden sind zu. Der Handel rotiert. Kurzarbeit, Kreditgespräche, Krisenmodus. Der Austausch mit den Lieferanten bestimmt ebenso die Agenda. Die Ware ist geordert. Die Kosten drücken. Was ist jetzt drin? Valuta, Skonto, Zurückhalten der Ware – alles wird angefragt, diskutiert, vereinbart. Die Industrie reagiert, bündelt im Hauruck-Verfahren Maßnahmenpakete und kommuniziert sie meist via Massen-Mail an die Partner im Handel.

Die vorliegenden Inhalte resultieren aus Statements auf Anfrage der TextilWirtschaft, aber auch aus Schreiben, die Bekleidungshersteller in den vergangenen Tagen an den Handel verschickt haben und die der TW vorliegen. Zu beachten ist, dass sich die Situation extrem dynamisch entwickelt. Tag für Tag ändern sich die Bedingungen. Was gestern von der Industrie kommuniziert wurde, könnte schon wieder überdacht und neu definiert sein. Die Stellungsnahmen und Mitteilungen im Einzelnen:


Die Oui-Gruppe geht mit folgenden Worten auf die Händler zu: „Zur Unterstützung unserer Partnerschaft in dieser schwierigen Zeit möchten wir Sie über folgende Maßnahmen informieren: Wir haben die Auslieferung der aktuellen Vororderware seit Dienstag den 17. März gestoppt. Sobald die Auslieferung wieder gestartet werden kann, werden die dann erzeugten Rechnungen mit einem Zahlungsziel von neu 60 Tagen, anstatt bisher 30 Tagen, versehen. Die ausstehenden Verbindlichkeiten ab Rechnungsdatum 15. März 2020 werden wir mit einem Zahlungsziel von neu 60 Tagen, anstatt bisher 30 Tagen, ausstatten. Zu jeder Zeit können Sie natürlich Ihre Warenbestellungen abrufen. Bitte informieren Sie uns, wenn eine Auslieferung oder Nachbestellung gewünscht ist. Für Ihre weitere mittelfristige Planung können wir Ihnen versichern, dass wir derzeit davon ausgehen, dass die Auslieferung der folgenden Monate gesichert ist und fristgerecht erfolgen wird“, lassen Daniel Gottesdiener sowie Maya und Alon Junger die Kunden wissen.

Mit einem Schreiben vom 16. März 2020 hat Cinque sich an seine Handelspartner gewandt: Aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Lage sind wir gezwungen, unsere Maßnahmen immer wieder neu zu definieren. Als Unternehmen, Lieferant und Arbeitgeber haben wir eine Verantwortung all unseren Partnern gegenüber. Da auch wir in den entsprechenden Verpflichtungen stehen, können wir Stand heute noch keine konkrete Bestätigung zu Ihren Anfragen nach Valutierungen und Stornierungen aussprechen. Wir befinden uns aktuell in intensiver Prüfung unserer Möglichkeiten und kommen zu gegebener Zeit auf Sie zu. Darüber hinaus möchten wir Sie heute darüber informieren, dass wir bis auf weiteres mit einem allgemeinen Lieferstopp für den stationären Handel für unsere gesamte Kollektion per sofort auf die zugespitzte Marktsituation reagieren“, äußert sich Geschäftsführer Tristan Bolwin.

Thorsten Link, Managing Director Centrul Hub bei Hugo Boss, geht mit folgenden Worten auf die Wholesale-Partner zu: „Sehr geehrte Damen und Herren, vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse hat sich die Hugo Boss AG dazu entschlossen sämtliche Vororder-Auslieferungen bis auf Weiteres zu stoppen. Sollten Sie dennoch eine Vororder-Auslieferung wünschen, wenden Sie sich bitte in schriftlicher Form an Ihre bekannten Ansprechpartner. Warenbestellungen über das Lagerprogramm können weiterhin getätigt werden. Im Sinne unserer partnerschaftlichen Zusammenarbeit werden wir Sie im Laufe der nächsten Tage über weitere Maßnahmen und Entscheidungen informieren.“

Frieda & Freddies kommuniziert ebenfalls Maßnahmen: „Wir stoppen ab sofort die Auslieferung der aktuellen Vororder bis einschließlich 21.4.2020. Dies betrifft primär unseren Hochsommer-Liefertermin. Die Auslieferung der Hochsommer-Kapsel wird am 22.4.2020 gestartet. Die Rechnungsstellung dieser Ware erfolgt mit einer Valuta von 30 Tagen. Für die ausstehenden Verbindlichkeiten ab Rechnungsdatum 1.3.2020 (F/S Ware 2020) stellen wir eine Valuta von 60 Tagen bereit. In jedem Fall bleiben wir lieferbereit. Sie können ihre Warenbestellungen jederzeit abrufen.“

Der Bodelshausener Wäscheanbieter Speidel ist dem Wunsch seiner Handelskunden, alle Warenlieferungen zu stoppen, nachgekommen, spricht aber von einem stabilen Onlinegeschäft. „Aussagen zur Entwicklung für die kommende Herbstsaison können wir aktuell noch nicht machen“, sagt Brand- und Produktmanagerin Swenja Speidel. 

Beim Frankfurter Fast Fashion-Lieferanten Funky Staff gehen dieser Tage viele Anfragen von Händlern ein, was offene Aufträge und Lieferungen betrifft. Geschäftsführer Uwe Bernecker stoppt zunächst alle Lieferungen der bereits produzierten April-Kollektion. „Sobald die Regierung es erlaubt, die Geschäfte wieder zu öffnen, werden wir Ihre vorbestellte Ware Kollektion April an Sie ausliefern“, so Bernecker. Die Kundenaufträge für die Kollektion Mai/Juni sollen nicht produziert werden. „Wir bieten Ihnen allerdings bereits jetzt an, bei einer Änderung der Situation erneut auch für Mai und Juni Ware zu bestellen“, betont Bernecker.

Zum Corona-Maßnahmenpaket des Schweizer Spezialisten für Laufschuhe und -bekleidung On gehört die Verschiebung der Vorbestellungen „auf einen für den Handel günstigen Zeitpunkt“, sagt On-Mitbegründer Caspar Coppetti. Hier werde die Produktverfügbarkeit hoch gehalten. Auch die Flexibilität für die Planung der Saisons Herbst/Winter 2020 sowie Frühling/Sommer 2021 werde On die Produktverfügbarkeit sicherstellen und räumt den Händlern außerdem flexiblere und maßgeschneiderte Zahlungsziele ein. 

Pierre Cardin äußert sich in einem Schreiben, das der TW vorliegt, gegenüber seinen Händler wie folgt: „Wir sind im Rahmen der von Ihnen erfolgten Order lieferfähig. Um Sie in der aktuellen Situation zu unterstützen, werden wir die Aufträge für die Frühjahr-Sommersaison-Ware 2020 ab sofort nicht mehr ausliefern und übergangsweise bei uns einlagern. Das bedeutet für uns eine sehr hohe Kapitalbindung, da wir die Ware bereits frühzeitig bezahlt haben. Sobald die Geschäfte wieder geöffnet sind, werden wir die Ware, inklusive NOS, zeitnah ausliefern. Für 'Ab-Werk'-Lieferungen müssen wir Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Ware für Sie zur Abholung bereit steht.“

Auch Calida nimmt aufgrund der Schließung der Läden Stellung: „Wir können uns vorstellen, dass Sie aktuell froh sind, keine weiteren Lieferungen zu erhalten. Deshalb werden wir vorsorglich bis auf Weiteres Ihre offenen Bestellungen für die aktuelle Saison nicht ausliefern. Damit kann es passieren, dass Ihre Bestellungen außerhalb der vereinbarten Liefertermine geliefert werden.“

Justus Lebek, Geschäftsführer von Lebek, schreibt: „Wir stoppen ab sofort die Auslieferungen der aktuellen Vororder bis einschließlich 17.04.2020.“ Lebek will die Auslieferung am 20.4. wieder aufnehmen, ist dem Schreiben an die Händler zu entnehmen. Auf die Rechnungen soll eine Valuta von sechs zusätzlichen Wochen gewährleistet werden. „Diese Maßnahme ist in dieser anspruchsvollen Zeit sicher ein wertvoller Beitrag, um Ihr Unternehmen zu entlasten“, so Lebek weiter.

Brax kommuniziert seinen Handelspartnern: „Wir bieten Ihnen an, die von Ihnen bestellte Ware bei uns einzulagern. Sobald die Ware wieder freigegeben werden kann, werden wir die Rechnungen bis zum 30.6. 2020 mit einer Gesamtvaluta von 30 Tagen versehen“, schreiben Geschäftsführer Michael Horst und Director National Sales Isabel Beckmann.

PME Legend kommt ebenso zügig mit einem Schreiben auf die Kunden zu: „Wir haben mit vielen Partnern das Gespräch gesucht und Lösungsansätze diskutiert, woraufhin wir nun beschlossen haben, als größte Maßnahme die Auslieferung von PME Legend Block 3 (ursprünglich ab dem 1. April 2020) auszusetzen und auf April 2021 zu verschieben.“ Das detaillierte Vorgehen werde man zeitnah mitteilen. Leider werde man nicht auf alle Wünsche der Handelspartner eingehen können. „Generell haben wir jedoch ab sofort die automatische Nachorder sowohl bei saisonalen als auch bei NOS-Artikeln gestoppt. Bitte berücksichtigen Sie, dass für bereits gelieferte Waren und offene Rechnungen weiterhin die vertraglich vereinbarten Zahlungsbedingungen gelten“, so das Team von PME Legend.

Seitens Esprit heißt es: „Seien Sie versichert, dass wir dabei insbesondere auch die Belange von Ihnen als unserem Kunden äußerst ernst nehmen und bei allen Entscheidungen berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund möchten wir zum einen klarstellen, dass wir nach wie vor bereit und in der Lage sind, die Lieferungen wie vereinbart auszuführen und termingerechte Lieferung vorzunehmen. Wir müssen Sie zudem daraufhin hinweisen, dass die generelle Weigerung, Lieferungen anzunehmen, eine Verletzung unserer vertraglichen Vereinbarungen darstellt und Sie in Annahmeverzug setzt. Um Ihnen in dieser für alle sehr herausfordernden Zeit entgegen zukommen und Sie zu unterstützen bieten wir Ihnen Folgendes an: Wir verzichten vorübergehend auf die Auslieferung der aktuell geplanten Warenlieferungen und bieten Ihnen an, diese Ware bis zum Ende der jeweils behördlich angeordneten Betriebsuntersagung des/der Stores in unserem eigenen Warenlager in Mönchengladbach auf unsere Kosten aufzubewahren. Danach werden wir Sie kontaktieren, um neue Liefertermine für die Auslieferung der zwischenzeitlich eingelagerten Ware zu vereinbaren. Die von Ihnen bereits verbindlich georderte Ware der Pre Season 6 wird aus Kulanz von uns storniert und somit nicht zur Auslieferung gebracht.“

Beim niederländischen Schuh-Hersteller Floris van Bommel heißt es: „Wir haben uns größte Mühe gegeben, um Ihnen in diesen schwierigen und unsicheren Zeiten eine gewisse Erleichterung zu bieten. Alle ausstehende Rechnungen und alle Bestellungen bis zum 1. Mai haben ab sofort eine längere Zahlungsfrist und einen erhöhten Skonto. Trotz der Tatsache, dass viele von uns derzeit von Stunde zu Stunde oder von Tag zu Tag leben und handeln, ist es immer noch gut, ein wenig weiter nach vorne zu schauen. Wir bemühen uns, die Winterkollektion 2020 termingerecht zu liefern. Unsere Liefer- und Produktionslinien sind derzeit noch in Betrieb. Die Sommerkollektion 2021, die vollständig in Moergestel entwickelt wurde, ist jetzt zu 90% vollständig und wird rechtzeitig für die nächste Einkaufssaison fertig sein“, schreibt CEO Reynier van Bommel den Händlern.

Dstrezzed kommuniziert: „Bezüglich der Restriktionen oder der Partner, die entschieden haben, ihre Geschäfte für unbestimmte Zeit zu schließen, haben wir uns entschieden, folgende Unterstützung anzubieten: Alle SS20-Vororder-Auslieferungen werden bis auf Weiteres zurückgehalten. Die Auslieferung geht weiter sobald die Restriktionen vorüber sind. Dstrezzed unterstützt mit folgenden Konditionen: Das 1. Zahlungsziel der SS20-Vororder wird um 30 Tage verlängert. Der 2. Zahlungs-Rabattzeitraum der SS20-Vororder wird um 30 Tage verlängert. Dstrezzed versteht die Wichtigkeit der ausstehenden High-Summer-Auslieferungen, um Ihren Sommerumsatz zu sichern und wir geben unser Bestes Sie zu unterstützen. Da sich die Umstände kontinuierlich ändern, ist es schwierig, vorausschauend zu handeln.“

Ulrike Germann, COO der Rofa Fashion Group, sagt: „Wir setzen unsere Lieferungen aktuell vollständig und auf unbegrenzte Zeit aus und verschicken dementsprechend auch keine Rechnungen. Zudem erhöhen wir wenn möglich die Valuta auf 30 Tage. Wir sitzen alle in einem Boot und müssen partnerschaftlich handeln. Wir alle tragen ein Risiko, die Industrie das der Beschaffung und der Handel das des Absatzes. Nun müssen alle Seiten nachgeben und aufeinander zukommen, anstatt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Wenn die Läden wieder öffnen, wird der Handel wohl zunächst versuchen, die angestaute Ware aus den Lieferungen von Januar und Februar mit Rabatten zu verkaufen. Ob das die richtige Strategie ist, kann ich nicht sagen. Schließlich ist das für uns alle eine völlig neue Situation.“

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