Nachruf Alber Elbaz

Der Traumfabrikant

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"Es muss sich toll anfühlen, Tom Cruise zu sein", sagte Alber Elbaz.
"Es muss sich toll anfühlen, Tom Cruise zu sein", sagte Alber Elbaz.

Alber Elbaz ist im Alter von 59 Jahren verstorben. Der Designer stand für elegante Mode mit einem Twist. Der Perfektionist, der das Perfekte scheute, machte Lanvin zur Top-Adresse. Bei seinem jüngsten Projekt AZ Factory dachte er alles neu. Produkt, Kommunikation und Vertrieb.

Er hat bis zum Schluss die Zukunft im Blick gehabt. AZ Factory taufte Alber Elbaz sein neues Projekt. Mit der Unterstützung des Genfer Luxuskonzerns Richemont entwarf der Designer Mode für das 21. Jahrhundert. Jung, spaßig, dabei trotzdem immer elegant. Sie verkaufte er nicht stationär, sondern direkt über das Internet. Über den Luxushändler Net-a-Porter und den Marktplatz Farfetch.


„Die Welt ändert sich schnell und wir alle gleichen uns den neuen Verhaltensweisen und Emotionen an“, sagte Elbaz. Bei AZ Factory gehe es um Produkt und Kommunikation. Das Projekt lasse „Träume“ wahr werden und entwickle „echte Lösungen“ für die Frauen von heute, sagte Elbaz.

Bloß nicht stehenbleiben. Das war das Lebensmotto von Elbaz, der förmlich einen siebten Sinn für die Strömungen der Zeit hatte. Der Designer analysierte nicht, sondern erspürte Trends und den Wandel. „Ich lasse mich von meiner Intuition leiten. Immer dann, wenn ich zu lange nachdenke und alles rationalisiere, dann klappt es nicht. Intuition ist die Essenz unseres Metiers.“

AZ Factory X Farfetch: Die Sketches

Elbaz, geboren in Casablanca als Sohn eines Israeli und einer Spanierin, war kein Konzeptkünstler, der das Vollkommene durchsetzen wollte, sondern hatte immer das Praktische im Blick. Er stand für einen femininen, tragbaren Look, der französische Eleganz und Finesse miteinander verband. Dabei erzeugte er bewusst Brüche, um der allgegenwärtigen Perfektion entgegenzutreten. „Klassisch, mit einem Twist“, nannte er seinen Stil.

Er verstand die Frauen. „Du musst ihre Bedürfnisse kennen“, sagte Elbaz. „Es geht mir nicht darum, einen Look zu kreieren. Du musst verstehen, was die Frauen brauchen. Darum dreht sich alles in der Mode.“ Um die Männermode machte er einen weiten Bogen. „Wir Designer müssen zuhören, um zu verstehen. Meine ganze Karriere habe ich mit Frauen und für Frauen gearbeitet.“

Elbaz wuchs in Tel Aviv auf. Er besuchte das Shenkar College of Engineering and Design in Ramat Gan. 1989 zog er nach New York, entwarf sieben Jahre für Geoffrey Beene, bevor er 1997 Chefdesigner im Hause G. Laroche wurde.

Gallery: Alber Elbaz 10-Jähriges

Danach war er bis 2000 verantwortlich für die Damenmodelinie von Yves Saint Laurent. Im Gegensatz zu vielen Nachwuchsdesignern, die ihren eigenen Stil durchsetzen, respektierte er die Geschichte des Modehauses und wahrte die Balance zwischen Tradition und Erneuerung.

Untrennbar verbunden ist der Name Elbaz mit Lanvin. Lanvin rühmt sich, das älteste Modehaus in Paris zu sein. Vor der Ära von Elbaz genoss es in der breiten Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit. Das änderte sich mit Elbaz‘ Kollektion für die Herbstsaison 2002/03, die für ihn der Durchbruch war.

Mit eleganten, femininen Entwürfen und Fashion-Shows mit karnevaleskem Unterhaltungswert verwandelte er Lanvin in eine der Top-Adressen in Paris. Der Designer störte sich an dem allzu Glatten, allzu Sterilen, das auf Sozialen Medien wie Instagram um sich griff. Er war bekannt dafür, an seinen Kleidern Fäden abstehen zu lassen. Damit machte er deutlich, dass es in Zeiten der Künstlichen Intelligenz in der Mode immer noch um den Mensch geht.
Im Oktober 2015 musste er Lanvin verlassen. Er lehnte sich nicht ruhig zurück, sondern stürzte sich ins Geschehen. Berührungsängste kannte er keine. Er entwarf im Rahmen der Initiative Tod’s Factory eine Kapsel für die italienische Accessoire-Marke, gestaltete einen Converse-Sneaker und versuchte sich mit einem Duft von Frédéric Malle.

Elbaz war ein unermüdlicher Arbeiter. Klein und rundlich nahm er sich selbst nicht allzu ernst. „Ich wäre gerne schön und schlank. Es muss sich toll anfühlen, Tom Cruise zu sein“, sagte Elbaz, der für Journalisten dank seiner Eloquenz ein wunderbarer Gesprächspartner war.
Am Samstag ist Alber Elbaz in einem Krankenhaus gestorben, wie AZ Factory bestätigt hat. Er wurde 59 Jahre alt. Seine neuen Kollegen bei AZ Factory verabschiedeten ihn mit den Worten: „Du hast uns träumen lassen. Du hast uns zum Denken angeregt. Jetzt fliegst du.“

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