Einzelhandel in Zeiten von Corona

"Die Flutwelle an Ware, die auf uns zurollt, ist meine größte Sorge"

Kraus am Eck

Wolfgang Kraus führt in Erding das Modehaus Kraus am Eck in 8. Generation. Seit dem ersten Schließtag führt er auf der Facebook-Seite seines Modehauses ein Corona-Tagebuch. Dort postete er am 2. April 2020: „Tag XVI: nach exakt 378 Jahren ausschließlich stationären Modehandels ist es nun soweit: wir eröffnen hiermit feierlich unsere Online-Filiale! Ok, noch ist das Angebot recht überschaubar, aber es bleibt ja noch etwas Zeit... Schauts vorbei!“

TextilWirtschaft: Hätten Sie sich noch vor vier Wochen träumen lassen, dass Sie jetzt einen Online-Shop haben?
Wolfgang Kraus: Über einen Online-Shop habe ich natürlich auch schon mal nachgedacht. Dass es interessant wäre, das mal auszuprobieren. Ich habe mich dann aber bewusst dagegen entschieden, weil es nicht zu unserer Marke passt. Ich kann das, was uns ausmacht, den Service, die Beratung, unseren Laden als Treffpunkt im Ort, nicht in eine Schachtel packen.

Was hat Sie umgestimmt? 
In Woche zwei des Shutdowns habe ich mit einem Kollegen telefoniert, der sich bei Shopify seinen Shop eingerichtet hat und begeistert war. Die Plattform macht es einem sehr einfach. Man fügt noch das eigene Logo und eigene Texte ein und schon steht der Shop. Das hat maximal einen Tag gedauert und dann hat alles gestanden. Es gibt Schwierigeres. Meine Grundbedenken sind allerdings geblieben. Ich frage mich, wie ich mich dort von den anderen Anbietern abheben soll. Deswegen biete ich gerade auch nur ein Produkt online an. Das Erding-T-Shirt, das es nur bei uns gibt.

Wie ist die Resonanz bisher?
Sehr gut, was mich auch gewundert hat. Es war eigentlich mehr ein Zeitvertreib. Der Facebook-Post, in dem ich den Launch ankündige, war der zweitbeliebteste bei uns. Mehr Likes hat nur der Post vom Tag IV des Corona-Lockdowns bekommen. Das war ein Foto von mir mit drei Schaufensterfiguren und dem Text „Wir holen uns legale Verstärkung dazu und feiern ein bisschen. Macht's euch auch ein bisschen nett!“ Verkauft haben wir eine Handvoll Shirts bisher, da muss man nicht euphorisch werden. In jedem Fall ist das aber der Beginn einer Online-Lernkurve für mich.

Bieten Sie in der jetzigen Situation auch einen Lieferservice an?
Damit war ich zunächst zurückhaltend, aber dann uns hat eine Kundin angeschrieben. Sie mag uns so gerne und würde gerne Ware für 500 Euro bestellen. Wir sollten ihr etwas zusammenstellen. Das habe ich ihr dann persönlich vorbeigebracht. Alle Teile haben ihr gefalle und gepasst. Daraus ist jetzt ein Mailing entstanden. In diesen Tagen geht eine Postkarte an unsere Premiumkundinnen mit dem Angebot, dass sie uns anrufen und sich von ihrer Lieblingsberaterin ein Outfit zusammenstellen lassen können.

Und Sie bringen die Pakete dann alle persönlich vorbei?
Ich hoffe ja, dass es so viele werden, dass das nicht mehr geht. Die T-Shirt-Bestellungen habe ich tatsächlich auf meiner Joggingrunde ausgeliefert. Beides ist für mich vor allem ein Instrument der Kundenbindung und Werbung.

Ihr Geschäft liegt direkt am Marktplatz in Erding, Sie wohnen über dem Laden. Wie empfinden Sie die Stadt derzeit?
Fast ein bisschen unheimlich. Man sieht die blühenden Bäume, hört die Vögel singen, sieht aber kaum einen Menschen auf der Straße. Mir blutet jeden Tag das Herz. Ich möchte morgens die Tür aufreißen, Luft und Licht reinlassen, meine Mitarbeiter und auch endlich wieder Kunden begrüßen können.

Sind alle Ihre Mitarbeiter derzeit Zuhause?
Ja, es ist ja nichts zu tun. Ware kommt ja zum Glück seit Mitte März keine mehr. Für April haben wir jetzt Kurzarbeit beantragt, im März haben wir uns noch mit Überstunden und Urlaub beholfen. Sie sitzen alle daheim und sind traurig. Wir haben eine Whatsapp-Gruppe, in der wir uns auf dem Laufenden halten, über Schönes und auch Trauriges und uns gegenseitig Trost spenden. Letzte Woche ist eine unserer Kundinnen an Covid-19 gestorben, da tat es besonders gut, sich in der Gruppe austauschen zu können.

Sie haben gesagt „zum Glück“ kommt keine Ware mehr. Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit der Industrie in dieser Situation?
In den ersten beiden Wochen haben uns fast alle Lieferanten informiert, dass nichts geliefert wird.  Wir haben gerade eh keinen Bügel frei, der Laden ist knallvoll mit Ware. Dieser Lieferstopp war sicher der richtige Schritt. Die größere Sorge habe ich vor dem Tag, wenn es wieder weiter geht.

Warum?
Was mache ich, wenn dann alle Lieferungen gleichzeitig kommen? Dann habe ich genauso wenig Bügel frei wie jetzt. Und eigentlich nur Mai und Juni Zeit, um die Ware abzuverkaufen. Und ich muss die Ware ja dann auch bald bezahlen. Da müssen uns die Lieferanten schon entgegenkommen. Zwar stehen wir wirtschaftlich gesehen recht solide da, der Laden ist im eigenen Haus, durch die Kurzarbeit haben wir im April keine größeren finanziellen Belastungen. Aber trotzdem wird das Polster auf dem Konto jeden Tag schmäler.

„Ich glaube, es wird dauern, bis die Konsumenten wieder in einen anderen Kaufmodus kommen.“
Wolfgang Kraus

Denken Sie die Kunden werden in den Laden strömen, wenn endlich wieder aufgesperrt werden darf?

Das ist die große Frage. Am Anfang des Lockdowns haben wir auch gedacht, dass jetzt alle im Netz kaufen. Aber das scheint ja gar nicht so zu sein, die Kunden scheinen sich insgesamt für Mode oder Schuhe gerade nicht so zu interessieren. Schon in den Tagen vor der Schließung waren die Leute nicht in Kauflaune, von daher rechne ich nicht damit, dass die Leute in einen Shoppingrausch verfallen. Es kauft ja keiner zum Ausgleich auf einen Schlag sechs, sieben Hosen. Wenn es gut geht, wird es normal weiterlaufen, aber ich glaube, es wird dauern, bis die Konsumenten wieder in einen anderen Kaufmodus kommen.

Was meinen Sie damit?
Die Leute haben jetzt wochenlang ein ganz anderes Einkaufsverhalten gelernt und praktiziert. Alleine einkaufen gehen, möglichst schnell aus dem Laden wieder rauskommen, möglichst wenig anfassen und wenig Kontakt zu Verkäufern haben. Spaß am Shopping zu haben, auch mal gemeinsam durch die Läden ziehen, bis das wieder normal ist, wird es dauern. Man kann nur hoffen, dass der Wunsch wieder rauszugehen, groß ist. Ich gehe nicht davon aus, dass wir im April öffnen werden. Wir haben jetzt noch mindestens drei Wochen rumsitzen vor uns, wenn ich das jetzt so sage, wird mir ganz anders. Jede Woche mehr, geht an die Substanz und da geht es dann auch darum, wie viel Substanz da war. Da stirbt viel weg - an Vielfalt und Kultur. Es wird Vieles verschwunden sein, was man vorher geschätzt hat. 

Wie gehen Sie jetzt weiter vor?
Wir haben bisher nur Soforthilfe beantragt. Unser großer Vorteil ist die eigene Immobilie. Langsam müssen wir entscheiden, wie wir mit der Vororder Herbst/Winter umgehen. Und auch wie wir mit den Lieferanten nach dieser Situation umgehen. Von manchen fand ich es schon sehr befremdlich, dass sie am ersten Tag der Schließzeit gleich eine Email geschickt haben, in dem noch mal auf den Vertrag, die anstehenden Warenlieferungen und die zu zahlenden Rechnungen hingewiesen wurde.


Hat Sie das überrascht?
Ja. Mit so etwas habe ich nicht gerechnet. Gleichzeitig gibt es auch total positive Überraschungen. Ich hätte nie gedacht, dass es auch von Seiten der Kunden eine solche Solidarität herrscht. Wie viele sich bemühen, den lokalen Einzelhandel zu unterstützen. Das ist wirklich toll, und vielleicht bleibt ja da eine neue Wertschätzung am Ende übrig. Gerade kann sich ja jeder live anschauen wie es sein wird, wenn es den Einzelhandel in den Innenstädten nicht mehr gibt. Ich möchte aber nicht, dass die Leute aus purem Mitleid bei uns einkaufen. Darum bin ich auch vorsichtig damit, jetzt Gutscheine nach dem Motto „Rettet unsere Existenz“ zu verkaufen. Wir haben jahrelang dahingehend investiert, dass die Marke Kraus als verlässlich und solide wahrgenommen wird und jetzt muss man uns nach drei Wochen retten. Das passt nicht.
„Das Konzept des stationären Handels ist nicht tot, man muss es nur wieder anpassen.“
Wolfgang Kraus

Ihr Unternehmen gibt es schon fast 400 Jahre. Gab es in der Unternehmensgeschichte schon einmal eine solche Situation?
In der Chronik, die mein Vater dazu verfasst hat, gibt es leider wenige Infos und Aufzeichnungen zu solchen Themen. Aber sie haben es geschafft. Wenn es eine schon lange gibt, und die Vorfahren schon so viele Krisen überstanden haben, muss man auch mal die positiven Aspekte sehen. Jetzt ist Zeit, Dinge auszuprobieren, das eigene Konzept weiter zu entwickeln. Über Themen wie nachlassende Frequenzen oder weniger Umsatz im Modebereich kann man jetzt mal in Ruhe nachdenken. Das Konzept des stationären Handels ist nicht tot, man muss es nur wieder anpassen.

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