Neues großes Nachhaltigkeits-Spezial in der TW

Sustainability & Style


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Nachhaltigkeit und Fashion-Trend verschmelzen. Die Frage nach dem Entweder Oder ist vorbei.
Nachhaltigkeit und Fashion-Trend verschmelzen. Die Frage nach dem Entweder Oder ist vorbei.

Macher, Labels, Innovationen – wie Nachhaltigkeit Trend wird. Mit dem Produkt im Mittelpunkt. Von der Premium-Brand bis zum Discounter, von der Faser bis zum Finish. Und zurück. Ein kleiner Auszug aus der großen, 76-seitigen Sustainability-Issue in der TW 37.

Womöglich gibt es bald keine Pailletten und keine Metallnieten mehr bei Primark. Und weniger Glitzer, zumindest wenn die Iren ernst machen mit ihrer ambitionierten Absichtserklärung. Bis 2030 sollen alle Kleidungsstücke aus recycelten oder nachhaltigeren Materialien hergestellt werden. Sie sollen so konzipiert und entworfen werden, dass sie wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können, langlebiger sind. Und trotzdem soll es noch T-Shirts für 2 Euro geben. Primark will zeigen, dass ökologische Mode auch billig sein kann.


Wie das geht? Über Masse, über riesige Volumina, die in selbst auditierten Fabriken in Fernost gefertigt werden. Über langjährige Partnerschaften, wie Deutschlandchefin Christiane Wiggers-Voellm erklärt. Dabei stellt sie das Produkt in den Mittelpunkt und Nachhaltigkeit auf eine Stufe mit der Optik: "Beides ist wichtig. Wir sind natürlich ein Fashion Retailer, aber wir müssen uns bemühen, für jedes Design, wo es möglich ist, nachhaltige Alternativen zu finden." Und das könnte bei Pailletten und Glitzer schwierig werden. Aber das fasst die Lage und die Bemühungen vieler Hersteller zusammen.
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Der irische Discounter stellt eine ehrgeizige Nachhaltigkeitsstrategie vor: Bis 2025 soll die Langlebigkeit der Kleidung verbessert, bis 2027 recyclegerecht designt werden. Bis 2030 sollen die gesamte Kleidung aus recycelten oder nachhaltiger gewonnenen Materialien hergestellt und der CO2-Fußabdruck halbiert werden. Dabei will der Konzern an den günstigen Preisen festhalten.

Produktdesign im Mittelpunkt

Drykorn hat sich von gewaschenem Leder und Mohair verabschiedet. Die schwedische Outdoor-Brand Houdini verzichtet schon seit fast zehn Jahren beim Finish auf perfluorierte Kohlenwasserstoffe. Der Lederdesigner Philipp Bree arbeitet ausschließlich mit Pflanzengerbung, nutzt Rhabarber oder Olivenblätter. Der Wäschehersteller Hanro versucht, Materialmischungen und Elastan-Zusätze zu vermeiden, um Recycling-Fähigkeit zu erreichen. Und das Fair Fashion-Label Lovjoi wird in dieser Saison keine Grobstrick-Serie bringen, weil der Anteil von BCI-zertifizierter Baumwolle im Bouclé nur 50% beträgt und der Rest konventionelles Synthetic-Material ist.

Nachhaltigkeit beginnt beim Produkt. Bei der Faser, beim Material, bei der Ausrüstung und beim Finish, bei der Auswahl der Zutaten. Beim Zuschnitt ohne Verschnitt. Beim Design. Deshalb steht in der aktuellen Sustainability Issue die Ware im Mittelpunkt.

Kreislauffähigkeit als Ziel

Was muss beachtet werden, wenn wirklich nachhaltig designt werden soll? Wie verändert dies den kreativen Prozess? Wo gibt es Einschränkungen? Welche Rolle spielt Recycling? Wie kann Kreislauffähigkeit erreicht werden? Und was macht das Streben nach Sustainability mit dem Preisgefüge? Muss faire Mode teurer sein? Und wie stylisch kann sie sein? Das sind die Fragen, die im neuen Nachhaltigkeits-Spezial in der aktuellen TW auf 76 Seiten beantwortet werden.
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Dabei sprechen die Unternehmenschefs von Coordinates-Anbietern im Markt der Mitte wie Tom Tailor und aus dem Premiumbereich wie Drykorn erstmals über ihre Nachhaltigkeitsstrategien. Die italienische Weberei Manteco, die sich in dritter Generation als einer der führenden Anbieter von Stoffen aus recycelter Wolle, Cashmere, Baumwolle und Leinen etabliert hat, führt uns durch ihre Fabrik in Prato. Und die Kreislaufwirtschafts-Expertin Ina Budde, die 2019 gemeinsam mit dem Produktentwickler Mario Malzacher in einem Berliner Altbau das inzwischen mehrfach preisgekrönte Start-up Circular Fashion gegründet hat, lädt zu einem Workshop. In einem zweistündigen Schnellkurs erklärt sie, worauf es ankommt und welche Rohstoffe kreislauffähig sind. Wie Produkte so gestaltet werden, dass die Materialien zirkulieren können. Wie für Langlebigkeit und Closed Loop-Recycling designt werden kann. Wie Kunden miteingebunden werden, um die Nutzungsdauer zu verlängern und Rückgabekanäle zu schaffen. Und wie essenziell es für all das ist, Partnerschaften zu bilden.

Kooperationen als Notwendigkeit

Kooperationen sind generell ein großes Thema. Interdisziplinär und global. "Nachhaltigkeit funktioniert nur in enger Kollaboration der Designer und Produkt-Manager mit den Technikern, Chemikern, Recyclern", sagt die Nachhaltigkeits-Professorin Friederike Wedel-Parlow. "Allein ist der grundlegende Wandel nicht machbar", sagt auch Sustainabilty-Experte Michael Arretz. "Es ist beeindruckend, wie schnell und konsequent sich hier die gesamte Vorstufe umstellt."

Insgesamt wurde ein Fünftel des weltweiten Fasermarktes im vergangenen Jahr nach nachhaltigeren Kriterien produziert. Das zeigt der Preferred Fiber and Materials Market Report 2021 der gemeinnützigen Organisation Textile Exchange. Dabei liegen recyceltes Polyester mit 8,4 Millionen Tonnen, bevorzugte Baumwolle gemäß anerkannter Standards mit 7,8 Millionen Tonnen und FSC/PEFC-zertifizierte synthetische Zellulosefasern mit etwa 3,9 Millionen Tonnen vorn. Der Marktanteil bevorzugter "reiner" Baumwolle stieg von 24% im Jahr 2019 auf 30% im Jahr 2020. Dabei umfasst dieser Begriff nicht nur Bio-Baumwolle, deren Anteil bei 249.153 Tonnen lag, sondern auch Programme wie die Better Cotton Initiative, Cotton made in Africa und Fairtrade, mit denen auch die großen Brands der Marktmitte arbeiten. Trotzdem reicht es nicht. Die Nachfrage ist enorm, an alternativen Fasern wird mit Hochdruck geforscht.

Alternativen in Arbeit

Budde spricht in ihren Workshops über modulare Designideen und mitwachsende Kindermode, über Papierroben für eine Nacht und digitale Produktpässe für eine intelligente Textilsortierung, über Kleiderbibliotheken und über Reparaturservices. Lovjoi-Gründerin Verena Benz arbeitet mit einem Start-up an der Entwicklung eines virtuellen Zwillings, der Maßfertigung für Massen ermöglichen und Überproduktion vermeiden soll. Und selbst Primark denkt über Rücknahmesysteme, wie sie der Wettbewerber H&M schon länger testet, nach. Auch der konventionelle mittelständische Handel macht sich bereit.

Das Interesse wächst. Heute erwarten 82% der Ladeninhaber laut einer aktuellen TW-Testclub-Befragung von ihren Lieferanten, dass diese sich stärker mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Für jeden Zweiten ist Sustainability inzwischen wichtig, für 14% sogar "sehr wichtig". Ein Viertel sieht das Angebot von Kleidung, die nach sozialen und ökologischen Kriterien gefertigt wurde, noch immer zu gering und würde das Sortiment gern weiter ausbauen. Als "zu unmodisch" wird das Angebot nur noch von einem Zehntel eingeschätzt. Und diese Händler dürften die Green Glam-Looks im Spezial auch vom Gegenteil überzeugen. Dort zeigen Models in coolen Denim-Outfits von Lanius, entspannter Loungewear von Aiayu und urbaner Klassik von Egonlab, was optisch alles möglich ist in Sachen Nachhaltigkeit. Ohne große Abstriche.

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