Nitty Gritty-CEO Marcus Söderlind im Interview über Retail in Schweden

"Die verrücktesten Wochen meines Lebens"

Nitty Gritty
Nitty Gritty-CEO Marcus Söderlind: "Ich bin schon besorgt, ob die Marken tatsächlich pünktlich werden liefern können."
Nitty Gritty-CEO Marcus Söderlind: "Ich bin schon besorgt, ob die Marken tatsächlich pünktlich werden liefern können."

In Schweden gab es keinen verordneten Shutdown. Dennoch läuft das Leben alles andere als normal. Der Stockholmer Einzelhändler Marcus Söderlind betreibt im angesagten Bezirk Södermalm unter dem Namen Nitty Gritty einen Menswear- und einen Womenswear-Store. Wir haben mit ihm über das Business in Schweden in Zeiten von Corona gesprochen.

TextilWirtschaft: Herr Söderlind, wie fühlt es sich aktuell an, in Schweden Retail zu betreiben? Ihr Store ist trotz der Pandemie geöffnet. Mussten Sie bestimmte bauliche Vorkehrungen treffen?
Marcus Söderlind: Nein, wir haben nichts verändert. Größere Stores wie etwa Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte jedoch schon.


Wie ist die Frequenz? Kommen Kunden nach wie vor in den Laden? Und sind generell Menschen in der Stadt unterwegs?
Ja, bei uns kommen nach wie vor Kunden vorbei. Da wir ohnehin oft gezielt angesteuert werden, waren wir noch nie so sehr von der allgemeine Frequenz abhängig wie die Läden im Stadtzentrum. Und dort ist es tatsächlich ziemlich ausgestorben.

Tragen Ihre Mitarbeiter Masken?
Nein, und auch nur sehr wenige unserer Kunden tun das.

Haben Sie die Mitarbeiterzahl auf der Fläche reduziert?
Ja, wir haben aktuell weniger Leute im Einsatz.

Sie haben auch einen Friseur als Teil des Menswear-Stores. Ist er nach wie vor geöffnet?
Ja, der ist wie der Store offen. Aber auch dahin kommen weniger Kunden als früher.

Nitty Gritty ist auch online aktiv. Kaufen Ihre Online-Kunden seit der Corona-Krise anders?
Wir verkaufen etwas mehr in unterschiedliche Regionen Schwedens als zuvor. Aber davon abgesehen läuft unser Digital-Business kaum anders als vorher. Und die Kunden kaufen online auch nicht weniger als früher.

Wie organisieren Sie die Fotoproduktion für den Online-Shop?
Im Großen und Ganzen machen wir so weiter wie bisher. Aber wir shooten deutlich mehr im Laden als draußen in unterschiedlichen Locations. Außerdem muss man etwas mehr Kreativität an den Tag legen, wenn es darum geht, Fotografen, Models und Stylisten zusammenzubringen.
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Schweden gilt als Sehnsuchtsort der Lockdown-Kritiker. Während in Deutschland alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte und die Gastronomie rigoros geschlossen wurden, hat Schweden – wenn auch mit Restriktionen – weitergemacht. Jonas Arnberg ist Geschäftsführer des zum schwedischen Handelsverband gehörenden Beratungs- und Marktforschungsunternehmens Hui Research. Wir haben ihn in seinem Büro in Stockholm erreicht.

Haben Sie die Inhalte verändert?
Nein, da haben wir eigentlich alles beibehalten.

Die Kommunikation mit Ihren Kunden ist das eine, die mit den Marken, die sie führen, das andere. Wie erleben Sie aktuell die Zusammenarbeit mit Ihren Markenpartnern?
Nun, ich denke, dass wirklich jeder von der Krise betroffen ist und wir ein sehr partnerschaftliches Verhältnis zu unseren Lieferanten haben. Wir versuchen, uns gegenseitig zu helfen. Wir haben den Großteil unserer Frühjahrsware bekommen bevor Corona Europa erreicht hat und stehen deshalb mit Blick auf die Frühjahrs-Saison okay da. Mit Blick auf den Herbst dürfte das aber anders aussehen. Da bin ich mir sicher.

Haben Sie alle bisher georderten Programme und Liefertermine beibehalten? Oder haben Sie versucht, bestimmte Themen zu streichen?
Nein, wir haben alles angenommen und auch nichts storniert oder gecancelt.

Wie stabil sind die Preise aktuell in Schweden? Gibt es schon viele Rabatte?
Wir sind ja im Vergleich zu den großen Ketten ein eher kleiner Store und führen auch andere Brands. Von daher hoffe ich, dass wir verschont bleiben, wenn die große Rabattwelle anrollt. Ich bin mir sicher, dass sie kommen wird.

Haben Sie Ihre Order für Herbst 2020 eigentlich angepasst?
Nein, aber ich bin schon besorgt, ob die Marken tatsächlich pünktlich werden liefern können.

Haben Sie schon ein Gefühl für das Frühjahr 2021?
Nein, noch nicht. Da wir ja noch nicht einmal wissen, wie und wann wir unsere Order für Frühjahr 2021 abgeben können, ist das zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh. Die kommenden Monate werden jedenfalls sehr interessant. Viele Marken werden neue Wege finden müssen, wie sie ihre Kollektionen am besten präsentieren und verkaufen.

Anders als in den meisten europäischen Ländern gibt es in Schweden keinen harten Lockdown. Wie wird der Weg der schwedischen Regierung eigentlich generell aufgenommen?
Generell hoffen wir Schweden, dass die Regierung die richtige Wahl getroffen hat, als sie entschied, die meisten Läden geöffnet zu lassen und eher auf Einschränkungen zu setzen, anstatt alles zu schließen.

Wie fällt Ihr Zwischenfazit der jüngsten Wochen aus?
Lassen Sie es mich so sagen: Es waren die verrücktesten Wochen meines Lebens. Und ich glaube, dass ich da für jeden spreche. Die Menschen sind geschockt und getroffen. Aber da wir stets offen bleiben konnten, war das Geschäft irgendwie doch etwas normal.

Wie ist das Leben aktuell in Stockholm? Gehen die Menschen in Restaurants und Bars?
Ja, die Leute besuchen nach wie vor Restaurants und Bars, aber viel, viel weniger. Wir haben eine Abstandsregel von zwei Metern und so weiter. Einige Stockholmer Schulen waren geschlossen, aber die meisten sind offen geblieben.

Wie ist Ihre Prognose für die kommenden Wochen? Wird sich die Mode ändern?
In dieser verrückten Zeit weiß man nicht einmal, was morgen sein wird. Lösungen reichen manchmal nur von einem Tag zum nächsten. Ich glaube auch, dass es noch zu früh ist, die Frage zu beantworten, inwiefern die Mode langfristig beeinflusst wird. Lasst uns abwarten, wie die Herbst-Saison wird und schauen, ob uns das einen Hinweis auf die weitere Zukunft gibt.

Wie geht es Ihnen persönlich? Sind Sie eher optimistisch gestimmt oder glauben Sie, dass es noch schlimmer wird?
Hm, ich weiß es nicht. Ich versuche, nicht zu optimistisch zu sein, mir aber auch nicht zu viele Sorgen zu machen. Stattdessen versuche ich, mich der Situation, in der wir stecken, immer wieder neu anzupassen. Ich bin sicher, dass auch gute Sachen aus dieser Zeit hervorgehen werden. Lasst und also erst wieder optimistisch oder auch sorgenvoll sein, wenn das Virus besiegt ist − und jetzt einfach das Beste aus der Situation machen!
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Nitty Gritty ist so etwas wie die zentrale Destination des Stockholmer Edel-Hipsters. Der Store liegt im angesagten Stadtteil Södermalm, aber eben nicht da, wo jeder Tourist gleich zum Stöbern kommt. Die Zielgruppe: nicht die jungen, trendsverschlingenden Boys, sondern die Mittdreißiger, die sich gern mal ein Teil mit viel Story gönnen und in absolut zeitgeistiger Atmosphäre shoppen wollen. CEO Marcus Söderlind hat mit dem Store mehr als einen Modeladen geschaffen. Die Mischung aus Klamotte, Sneaker, integriertem Friseurladen, Beauty und Accessoires machen Nitty Gritty zur Marke, die auch wegen des Online-Shops über die Grenzen hinaus bekannt ist. Der Style: Utility und Streetwear treffen auf italienische Smartness. Sport nicht zu vergessen. Die Italiener um Barena, Massimo Alba und The Gigi gehören ebenso zum Sortiment wie die Schals von Begg und Co. sowie die Jacken von Nanamica. Nike, Reebok und New Balance und andere stellen die Sneaker. Der bei weitem wichtigste Part allerdings fällt auf die Sportswear von Stone Island. Und auch ein Womenswear-Store direkt nebenan gehört zu Söderlinds Portfolio. Kleiner, feiner, aber ebenso angesagt.

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