Facebook sperrt Masken-Werbung

"Wir fühlen uns wie Schwerverbrecher"

Phyne
Phyne-Geschäftsführer Andri Stocker „Steht die Sperrung von Anzeigen nicht im Widerspruch zu dem, was öffentlich kommuniziert wird? Als in Deutschland agierendes Unternehmen sollte Facebook auf die Maskenpflicht reagieren und seinen Umgang mit den Anzeigen entsprechend anpassen.“
Phyne-Geschäftsführer Andri Stocker „Steht die Sperrung von Anzeigen nicht im Widerspruch zu dem, was öffentlich kommuniziert wird? Als in Deutschland agierendes Unternehmen sollte Facebook auf die Maskenpflicht reagieren und seinen Umgang mit den Anzeigen entsprechend anpassen.“

"Die Masken sind da, doch der Kommunikationskanal fehlt", sagt Phyne-Geschäftsführer Andri Stocker. Für das reine Online-Label ist die Werbung auf Facebook und Instagram elementar. Doch die sozialen Netzwerke haben Teile des Business-Accounts des Unternehemns gesperrt, nachdem es Werbung für die Behelsmasken geschaltet hat. Eine konkrete Begründung ließ bislang auf sich warten.

Im März kündigte Facebook ein Verbot von Werbung für Produkte an, die einen Schutz vor der Ansteckung mit dem Coronavirus implizieren. Darunter fallen neben Handdesinfektionsmitteln und Covid-19-Test-Kits auch medizinische Schutzmasken sowie privat hergestellte Modelle. "Wir haben diese vorübergehende Richtlinie eingeführt, um Menschen vor Betrug, irreführenden medizinischen Behauptungen sowie überhöhten Preisen zu schützen", äußert sich ein Facebook-Sprecher gegenüber der TextilWirtschaft. Der Ad-Blocker des sozialen Netzwerks scheint allerdings auch vor anderen Masken-Angeboten keinen Halt zu machen.


Das Streetwear-Label Phyne bietet Mund-Nase-Masken aus Bio-Baumwolle mit Statement-Slogans wie "Fearless Future" zu einem VK von je Neun Euro an. Und hat seitdem das Werbebudget für Social Media deutlich erhöht. Die Anzeigen auf Facebook und Instagram wurden allerdings mehrfach ohne Angaben von Gründen seitens der Netzwerke gesperrt. Mittlerweile hat Phyne auch auf Teile des Business-Accounts keinen Zugriff mehr. Nun versucht Geschäftsführer Andri Stocker, Kontakt mit Facebook aufzunehmen. Bislang erfolglos.

"Als in Deutschland agierendes Unternehmen sollte Facebook auf die Maskenpflicht reagieren und seinen Umgang mit den Anzeigen entsprechend anpassen", so Stocker. Facebook kommentiert den konkreten Fall nicht. Allerdings heißt es von dem Sprecher: "Die Anweisungen und Empfehlungen der Gesundheitsbehörden rund um das Thema Schutzmasken sind weltweit von Region zu Region verschieden und ändern sich im Zeitverlauf. Wir wissen, dass es positive Beispiele von Menschen gibt, die einen Bedarf decken möchten und evaluieren unsere Richtlinien weiterhin anhand der sich stetig verändernden Situation." Genau darauf wartet Phyne nun händeringend.

TextilWirtschaft: Herr Stocker, als reiner Online-Anbieter spielen Facebook und Instagram für Ihre Werbeaktivitäten eine wichtige Rolle. Zuletzt ist es allerdings ruhig geworden auf den Kanälen von Phyne. Was ist passiert?
Andri Stocker: Wir haben bereits vor der Maskenpflicht mit der Herstellung von Behelfsmasken begonnen und diese über Facebook und Instagram beworben. Vor knapp drei Wochen wurden die Anzeigen dann das erste Mal von den Netzwerken gesperrt. Wir haben daraufhin eine sogenannte Review beantragt und eine Entschuldigung von Facebook für die Sperrung erhalten. Zwei Tage später wurden die nächsten Anzeigen blockiert, wieder ohne Begründung. Da ein Profil bei dem dritten Verstoß gegen die Policy von Facebook gesperrt werden kann, haben wir uns daraufhin das Regelwerk insbesondere rund um Covid-19 noch einmal ganz genau angeschaut und eine externe Beraterin, die früher im Facebook Support tätig war, hinzugezogen. Auch Sie kam zu dem Schluss, dass kein Verstoß unsererseits vorlag. Also haben wir es gewagt und erneut Anzeigen für unsere Masken geschaltet. Seit Anfang letzter Woche sind unsere Accounts auf Facebook und Instagram nun tatsächlich geblockt.

Sie haben keinerlei Zugriff mehr auf die Firmen-Profile?
Der Business-Account bei Facebook setzt sich aus dem eigentlichen Profil unseres Labels und dem Ad-Account zusammen. Auf unser Profil können wir noch zugreifen, etwa um die Kommentare der Nutzer zu beantworten. Der Anzeigebereich ist allerdings komplett gesperrt. Wir können unsere Kollektion also nicht mehr bewerben und sind handlungsunfähig.
Die Slogans „Fearless Future“ und „Protect what you love“ sind Bestandteil der Streetstyle-Kollektion von Phyne und finden sich nun auch auf den Masken wider.
Phyne
Die Slogans „Fearless Future“ und „Protect what you love“ sind Bestandteil der Streetstyle-Kollektion von Phyne und finden sich nun auch auf den Masken wider.
Haben Sie den Kontakt zu den Plattformen gesucht?
Hier liegt unser großes Problem. Durch die Sperrung ist unser Kontingent an Anfragen aufgebraucht. Daher können wir uns nicht an die Netzwerke richten, um das Problem zu lösen. Einen direkten Ansprechpartner haben wir als kleine Brand nicht. Allerdings ist es der Expertin, die wir mit ins Boot geholt haben, gelungen, einen Kontakt zu Facebook herzustellen. Unsere Anfrage läuft seit letzten vergangenen Freitag. Aber wir fühlen uns gerade jedes Mal, wenn wir uns an Facebook wenden, wie Schwerverbrecher. Das ist doch absurd. Ich bin auch nicht sicher, ob wir eine Rückmeldung erhalten werden.

Und was dann?
Dann haben wir mehrere Möglichkeiten. Entweder eröffnen wir einen zweiten Account und umgehen so die Blockade. Das ist aufwändig und sicher auch nicht im Sinne von Facebook. Oder wir suchen nach alternativen Plattformen. Das dürfte sich allerdings sehr schwierig gestalten, denn gerade für die Mode hängt viel von der Werbung auf Facebook und Instagram ab. Zudem verbietet auch Google aktuell Azeigen für Masken. Die dritte Option wäre zu versuchen, über Kontakte an weitere Facebook-Mitarbeiter zu kommen. Aber ich bezweifle ehrlich gesagt, dass ein Deutschlandchef oder Abteilungsleiter über die Sperrung von Profilen entscheiden kann.

Woran könnte es liegen, dass Ihre Anzeigen und somit auch die Accounts gesperrt wurden, obwohl Sie keine medizinischen Produkte vertreiben?
Wir können aktuell nur spekulieren. Auf einer unserer Masken ist eine EU-Flagge abgebildet, weil wir ein Zeichen für Solidarität in der Krise setzen wollten. Wir verkaufen unsere Produkte in ganz Europa und gerade von britischen Nutzern wurde teils deutliche Kritik an dem EU-Modell geäußert. Womöglich hat Facebook unsere Beiträge daher als politisches Statement gewertet. Aber wir wissen nicht, was das Problem ist und hoffen wirklich, dass Facebook mit uns in einen partnerschaftlichen Dialog tritt. Sollten wir Fehler gemacht haben, werden wir die Konsequenzen tragen oder unsere Inhalte entsprechend anpassen. Doch unseres Wissens haben wir nichts falsch gemacht.

Hat Ihre Produktbeschreibung vielleicht eine nicht bewiesene Schutzfunktion impliziert? Auf Ihrer Homepage werben Sie beispielsweise damit, dass Träger mit der Maske sich selbst und ihrem Umfeld etwas Gutes tun.
Diese Vermutung hatten wir auch schon. Aber wir haben bewusst auf die Begriffe Schutz und sogar Maske verzichtet und in den Anzeigen nur von einer Gesichtsabdeckung gesprochen. Im Vorfeld haben wir uns von einer Anwaltskanzlei beraten lassen und orientieren uns bei der Produktbeschreibung an den Aussagen der Regierung. Entsprechend weisen wir in unserem Shop darauf hin, dass Träger trotz einer Maske alle Sicherheitsvorkehrungen wie etwa Hände waschen und Abstand einhalten weiterhin beachten müssen. Und auf Facebook haben wir ausschließlich damit geworben, dass Verbraucher durch den Kauf unserer Masken die Community und unsere Produzenten in Portugal unterstützen. Denn wir fertigen unsere Masken zum Selbstkostenpreis, um die Produktion unserer Partner in Portugal zu sichern. Sonst hätten sie die Arbeit in den Fabriken vermutlich für mehrere Wochen einstellen müssen.

Spüren Sie die Auswirkungen der Sperrung?
Genau zu der Zeit, als wir auf Facebook und Instagram gesperrt wurden, schoss die Nachfrage aufgrund der Maskenpflicht stark nach oben. Mittlerweile haben sich aber schon einige Kunden eingedeckt, daher flacht der Hype etwas ab. Daher kann ich unsere Verkaufszahlen nicht konkret vergleichen. Soviel kann ich aber sagen: Wenn wir vor den Problemen in den sozialen Netzwerken täglich 3.000 Masken verkauft haben, sind es Stand Heute nur noch etwa 300 bis 400 Stück. Wir sind bei der Produktion ins Risiko gegangen und haben die Masken vorgeordert. Die Ware ist produziert, doch der Kommunikationskanal fehlt. Zudem ist der mittelfristige Effekt nicht zu unterschätzen. Wer heute im Netz unwichtig wird, verliert morgen erst recht. Da wir aktuell an Sichtbarkeit einbüßen, wird Google uns künftig als weniger relevant einstufen.

Welche Werbebudgets stehen Ihnen für Social Media-Werbung zur Verfügung?
Vor der Corona-Krise Betrug unser tägliches Budget für Facebook und Instagram 50 bis 100 Euro. Nachdem wir mit der Produktion der Masken begonnen und festgestellt haben, wie hoch die Nachfrage war, haben wir die Ausgaben schrittweise erhöht. Zwei Wochen später lag das Budget bei 1000 Euro am Tag und als die Maskenpflicht verkündet wurde, haben wir innerhalb von 24 Stunden schriftweise auf 2.000 Euro erhöht. Dieser starke Zuwachs hat wohl dazu geführt, dass der Algorithmus genauer hingeschaut hat. Ich vermute, das war der Auslöser für dieses Dilemma.

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