Messechefin Anita Tillmann im Gespräch

"Eine bittere Pille"

Premium Group
"Es wäre für alle Beteiligten kein Erfolg", sagt Anita Tillmann, Geschäftsführerin der Premium Group zur Absage ihrer Messen.
"Es wäre für alle Beteiligten kein Erfolg", sagt Anita Tillmann, Geschäftsführerin der Premium Group zur Absage ihrer Messen.

Lieber keine Messe als eine schlechte, so die Entscheidung von Anita Tillmann. Angesichts der Auswirkungen der Corona-Krise hat die Geschäftsführerin der Premium-Group beschlossen, ihre Berliner Fashion-Messen erst 2021 wieder zu eröffnen. In der Zwischenzeit pusht die Managerin ihre Idee von einer allumfassenden digitalen Orderplattform.


TextilWirtschaft: Frau Tillmann, wie geht es Ihnen nach der Absage der diesjährigen Seek und Premium?
Anita Tillmann: Es war ein sehr emotionaler Prozess. Und nicht nur das. Für uns bedeutet die Absage auch einen großen finanziellen Verlust. Wir müssen in sechs Tagen den geplanten Jahresumsatz erwirtschaftet haben. Wir sind froh, dass wir mit der Herbst/Winter-Messe im Januar so gut abgeschnitten haben. Die Wintersaison macht etwa 60% unseres Jahresgeschäfts aus. Einen Teil unserer Mitarbeiter werden wir aufgrund der Absage in Kurzarbeit schicken müssen. Wir stocken auf und das Kernteam arbeitet weiter. Insgesamt sind wir gut aufgestellt und blicken mit Zuversicht auf neue Messen im nächsten Jahr. Viele Aussteller wollten sich schon jetzt dazu bekennen, dass sie beim nächsten Mal mit dabei sind.

Was bedeutet Ihre Entscheidung für Ihr Umfeld?
Für Berlin und alle beteiligten Unternehmen ist das eine bittere Pille. Denn ein riesiger Wirtschaftsbereich wird über unsere Messen und Veranstaltungen aktiviert. Wir haben etwa 140.000 Fachbesucher pro Jahr und bringen rund 200.000 Übernachtungen nach Berlin. Unsere Veranstaltungen bringen ca. 66 Mio. Euro direkte Einnahmen für die Hauptstadtregion und erzeugen etwa 240 Mio. Euro an Umwegrentabilität pro Jahr für die Stadt Berlin.

Der Beschluss der Bundesregierung und der Behörden, bis zum 31. August keine Großveranstaltungen zu genehmigen, haben Ihren Termin für eine Sommer-Messe im Juli obsolet gemacht. War ein späterer Zeitpunkt keine Alternativen Sie?
Klar, wir haben alle Szenarien und Optionen durchdacht und uns gefragt, ob und wie wir unter den gegebenen Umständen Umsatz generieren können und aber auch, welche Relevanz eine solche Messe für die Branche hätte. Wir haben uns bewusst gegen spätere Termine entschieden – denn die Situation wird sich nicht grundlegend ändern, auch wenn nun Maßnahmen gelockert werden. Auch im September wird es noch keinen Impfstoff geben und die Umsätze der Branche werden auch Ende dieses Sommers nicht da sein, wo sie sonst gewesen wären

Wäre eine kleine, andere Art von Veranstaltung möglich gewesen?
Dazu gab es Diskussionen mit Einkäufern, Ausstellern und den Behörden – vor und nach unserer Absage. Natürlich wurden wir auch danach gefragt und haben überlegt, ob wir nicht eine Veranstaltung machen können, die den gegebenen Sicherheits-, Hygiene- und Flächen-Auflagen entsprechen könnte. Aber letzten Endes haben wir uns dagegen entschieden. Und ein Stück weit bin ich erleichtert, dass wir uns zu einer Absage durchgerungen haben. Denn wir wollen keine schlechtere Veranstaltung machen müssen. Das würde unserem eigenen Anspruch nicht gerecht werden.

Was meinen Sie damit?
Ich glaube, wir können zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Bedingungen unsere Arbeit nicht mit der gleichen Haltung und dem gleichen Anspruch ausführen, wie wir es wollen. Wir hätten damit zwar unseren Verlust für dieses Jahr verringert. Aber es wäre für alle Beteiligten kein Erfolg – nicht für Einkäufer und nicht für Aussteller. Und das wäre nicht fair.

Welche Stimmen haben Sie nach Ihrer Absage aus der Branche erreicht?
Die Reaktionen haben mich sehr überrascht. Es gab eine Welle an Solidarität, Verständnis und Ermutigungen, das hätten wir so nicht erwartet. Wir haben auch positives, freundschaftliches Feedback von ehemaligen Wegbegleitern bekommen, die schon lange nicht mehr Aussteller bei uns sind. Auch andere Messe-Veranstalter, die Macher der Tranoï, Who's Next, Première Classe und Pitti Uomo haben sich bei uns gemeldet. Das war alles sehr bewegend. Natürlich gab es auch viel Enttäuschung über die Situation, aber es gab keine Vorwürfe, eher ängstliche Reaktionen. Viele Unternehmen fragen sich nun, wie sie agieren sollen und wie sie sich darstellen und für die Order aufstellen sollen.

Haben Sie eine Antwort darauf?
Wir glauben, dass es hilfreich sein kann, Teilbereiche digital zu lösen und sich den Kunden digital zu präsentieren. Keiner wird in den nächsten Monaten wie gewohnt reisen und ordern können und auch die Einkaufsvolumina werden reduzierter sein, allein aufgrund des Warendrucks.

Was bieten Sie diesbezüglich an?
Seit über einem Jahr haben wir mit unserem strategischen Partner, der Online-B2B-Order-Plattform Joor, neue Produkte und Segmente entwickelt, mit denen wir auch jetzt sicherstellen wollen, dass Brands und Einkäufer handlungsfähig sind und darüber einen Teil ihres Ordergeschäfts digitalisieren können. Dieses Engagement werden wir jetzt weiter verstärken. Digitalisierung löst zwar nicht alle unsere Probleme, aber es ist ein richtiger Zeitpunkt, die Komfort-Zone zu verlassen und Prozesse neu zu definieren.

In Düsseldorf wird es trotz der Beschränkungen in diesem Jahr eine Showroom-Messe geben, haben Sie auch an ein ähnliches Format gedacht?
Nein, denn wir machen etwas ganz anderes und bewegen uns in einer anderen Größenordnung.

Auf was kommt es Ihrer Ansicht nach in den kommenden Monaten für die Branche an?
Wir haben eine weltweite Pandemie und steuern auf eine Rezession zu. Die Konsumenten sind sehr verunsichert. Jetzt brauchen wir Entscheidungsfähigkeit und Selbstorganisation. Nach und nach wird sich zeigen, welche Marken und Unternehmen widerstandsfähig sind und überleben werden. Auf Seiten der Hersteller und der Retailer. Die Lösungen für die Krise sind vielseitig. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg, jetzt und nach der Krise, wird die eigene Anpassungsfähigkeit sein.

Bei der Digitalisierung gibt es noch große Unterschiede. Welche Vision haben Sie?
Die Pandemie zwingt allen Unternehmen eine Innovationsagenda auf. In meiner Vision sehe ich eine digitale Plattform, auf die alle Marken und Einkäufer zugreifen können. Es geht mir darum, Orderprozesse zu vereinfachen, um so einen Mehrwert für alle zu generieren. Niemand will mit unzähligen Tools und Plattformen arbeiten, das ist nicht zielführend. Ich weiß, dass es nicht leicht umsetzbar ist, aber technologisch ist es machbar.

Welchen Vorteil hätte eine solche digitale Plattform für die Order im Vergleich zum physischen Showroom-Besuch?
Ich meine damit nicht ein Entweder-oder, sondern das Sowohl-als-auch. Ich sehe digitalen Einkauf als Ergänzung. Ähnlich läuft es doch auch in einer Bank. Für besondere Entscheidungen und Projekte benötigt man eine persönliche Beratung, den direkten Austausch, andere Dinge erledigt man unkompliziert via Online-Banking. Es geht einfach darum, über die digitale Order Kapazitäten zu gewinnen für andere Dinge. Das schließt Messen und Showrooms überhaupt nicht aus. Im Gegenteil.

Was heißt das konkret?
Einkäufern fällt es nicht leicht, hunderte E-Mails, mit riesigen Anhängen und Lookbooks abzuarbeiten. Vielen läuft jetzt schon das Postfach über. Auf einer einzigen Plattform wäre es aus meiner Sicht leichter, um sich vorab zu informieren – über Lagerware, Zwischenprogramme, Nachbestellungen. Für solche Dinge muss man heutzutage nicht zwingend verreisen. Im besten Fall hat jede Brand eine Geschichte zu erzählen und es gibt Trends, die kann man nicht digital erfühlen, sondern in Showrooms, auf Messen und Schauen erleben muss. Aber muss ich für jede Zwischenkollektion nach Mailand fliegen? Oder kann ich, wenn ich mein Einkaufsbudget kenne, das auch digital erledigen?

Wie sieht Ihr Fahrplan mit Blick auf das Messejahr 2021 aus?
Wir brauchen jetzt noch etwa eine Woche für die Abwicklung der abgesagten Sommerausgabe. Knapp 1000 Brands und Aussteller sind da involviert, die wir nun benachrichtigen. Parallel arbeiten wir natürlich an der neuen Ausgabe, die auf jeden Fall anders sein wird.

Was schwebt Ihnen vor?
Ich kann mir vorstellen Premium und Seek an einem gemeinsamen Ort abzuhalten und alles noch konzentrierter und fokussierter darzustellen. Derzeit analysieren wir den Markt und versuchen Prognosen abzusehen: Was wird konsolidiert und was nicht. Was braucht die Branche? Erste Reaktionen zeigen, es besteht ein Bedürfnis nach Solidarität und Zukunftsfähigkeit, aber auch nach einem „Wir-Gefühl“ als Post-Corona-Narrativ. Dazu werden wir ein Konzept entwickeln.

Neben dem Bedürfnis nach Solidarität wächst auch ein Gefühl der Angst. Es gab erste Krisen-Insolvenzen.
Was Corona macht: Es legt ein Brennglas auf alle Systeme, Konzepte und Beziehungen, im Guten wie im Schlechten. Und ich glaube, viele Unternehmen, die jetzt sterben, hatten bereits Vorerkrankungen. Der Wettbewerb wird natürlich größer werden oder zumindest gleich bleiben, wir leben in einer Marktwirtschaft. Ich glaube, dass es zwischen Wettbewerbern auch zukünftig wenig Solidarität geben, jeder wird versuchen sich der neuen Situation anzupassen und sich im Markt zu positionieren. Aber eine grundsätzliche Bereitschaft zur Solidarität und Fairness ist gefühlt vorhanden und zusammen kann man vielleicht doch mehr erreichen als alleine.

Wann wird es News zur Ihrem neuen Messe-Konzept geben?
Ich denke spätestens im Juli werden wir soweit sein der Branche ein Grobkonzept zu präsentieren.

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