Protokoll in Zeiten der Corona-Krise

Erlebe Wigner: "Die Rabattschlachten werden kommen"

Ellen Wigner muss Veranstaltungen verschieben oder absagen.
Ellen Wigner muss Veranstaltungen verschieben oder absagen.

Erlebe Wigner. Wie der Name vermuten lässt, geht es in diesem Store um mehr als Mode für die ganze Familie. Es geht um Erlebnisse, um gemeinsame Aktivitäten: Hier, in Zirndorf vor den Toren Nürnbergs, zelebriert die Familie Wigner seit Jahren das Konzept des Dritten Raums.

Großzügig auf 2500m² mit eigener Gastronomie, mit ausgewählten Kosmetik-, Papeterie- und  Interior-Produkten, mit Workshops unterschiedlichster Art und richtig großen Veranstaltungen, zu denen bis zu 500 Menschen kommen können. Ein Ort der Begegnung - und jetzt? In Zeiten von Corona? Die TW begleitet das Unternehmen in diesen ungewissen Zeiten und wird kontinuierlich berichten, mit welchen Fragen, Themen, Szenarien sich die Wigners auseinandersetzen.

23. März 2020

Seit dem letzten Gespräch mit Ellen Wigner sind zehn Tage vergangen. Eine halbe Ewigkeit in Zeiten von Corona. Zusammen mit ihrem Ehemann, ihrem Sohn und zwei Auszubildenden halte sie "die Moral der Truppe hoch", wie sie es nennt. Man besetzt die Warenannahme, kümmert sich um Social Media, hält Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden.

Inhaberin Ellen Wigner berichtet: Der Laden ist geschlossen. Wir sind komplett in Kurzarbeit. Von einer wirklich tollen Entwicklung, die wir dieses Jahr bis jetzt gemacht haben – auch nachdem die Kassiererin weg war, die uns über 100.000 Euro gestohlen hatte – sind wir auf praktisch Null heruntergebremst. Unsere Workshops und Fashionabende waren ausverkauft. Unsere Kunden hatten endlich mal wieder Lust auf Fashion und haben gekauft. Auf den Versand unseres Kundenmagazins haben wir verzichtet. Für die Zeit danach verkaufen wir Gutscheine.

Sie haben sich von Mitarbeitern trennen müssen?
Ja, wir haben 10 unserer 60 MitarbeiterInnen entlassen. Alles gute, fleißige Menschen. Die meisten aus dem Servicebereich. Wir bedauern das sehr. Bei einigen hätten wir den Vertrag verlängern müssen, andere waren in der Probezeit. Aber auch da gibt es schon kleine Lichtblicke. Wir konnten zwei junge Mitarbeiter als Aushilfen an die Hofladen-Box vermitteln, ein Anbieter für regionale Lebensmittel, für die Wigner schon seit längerem Abholstation war. Diese Geschäfte laufen nun gut, so haben wir eine neue Kooperation beschlossen und packen Pakete mit Weinen und Schokoladen aus unserem Angebot, die über die Hofladen-Box vertrieben werden. Eine Idee wäre es, unser Kundenmagazin den Paketen beizulegen.

Bereuen Sie, dass sie keinen Online-Store haben?
Nein, das tun wir nicht. Jetzt werden Dinge des täglichen Lebens gekauft. Und auch der Versand von Büchern hat sich noch nie gerechnet. Wir sind außerdem damit beschäftigt, neue Termine für unsere Veranstaltungen zu finden.

Glauben Sie, dass sich der Saisonrhythmus durch die Krise verändern wird?
Nein, wir glauben nicht daran. Die Branche wird sich nicht einig sein. Es wird nicht lange dauern und die Rabattschlachten beginnen. Ein Monatsumsatz fällt aus, dann ist es eine Frage der Liquidität und die Rabattschlachten beginnen. Realistisch gesehen Ende April. Und auch nach der Krise wird sich das Konsumverhalten ändern. Aber: Falls wir durchkommen, haben wir keine Angst, den veränderten Marktbedingungen nicht gewachsen zu sein. Die Leute werden hungrig sein nach Events und Workshops. Das spielt Erlebe Wigner in die Karten.

13. März 2020

Bis Ende der Woche war die Frequenz im Store noch sehr gut, doch jetzt spitzt sich die Lage auch in Zirndorf zu.

Ellen Wigner: Unsere Abendveranstaltungen müssen abgesagt werden, die Stornierungen im Restaurant nehmen zu und die Kauflust im Haus ist inzwischen auch sehr verhalten. Mein Team und ich waren den ganzen Tag damit beschäftigt, die Veranstaltungen abzusagen, weil entweder die Autoren nicht kommen und nun auch beschlossen werden wird, dass Veranstaltungen nicht mehr als 100 Personen haben dürfen (Anm. d.Red: In einer Allgemeinverfügung hat die Kommune in Nürnberg alle Veranstaltungen ab einer Teilnehmerzahl von 100 Personen untersagt). Den ganzen Tag werden wir mit mehr oder weniger angenehmen Mails und Telefonaten von Kunden betrommelt, die ihre gekauften Karten auch für Workshops usw. zurückgeben möchten.

11. März 2020

TextilWirschaft: Herr Wigner, spüren Sie bereits bei Ihren Mitarbeitern oder Kunden Nervosität? Registrieren Sie Frequenzrückgänge?
Eberhard Wigner: Das nimmt ja jetzt erst richtig Fahrt auf. Am Dienstag habe ich an einem IHK-Gremium in Nürnberg teilgenommen und gehört, dass die Rückgänge in Hotellerie und Gastronomie bei rund 50% liegen. Zum Glück spüren wir das in unserem Restaurant noch nicht. Wir sind auch für die nächsten Tage gut ausgebucht, Richtung Wochenende sogar komplett dicht.

Derzeit werden täglich weitere Konzerte, Messen, Events abgesagt. Merken Sie, dass Ihre Gäste Angst haben vor Menschenansammlungen? Gehen Ihre Besucherzahlen bei Veranstaltungen zurück?
Am vergangenen Samstag haben wir eine Fashion Night durchgeführt. Wir hatten 470 Zusagen, gut 374 Gäste sind tatsächlich gekommen − schon einige weniger als üblicherweise, wo wir von rund 10% Nichterscheinen ausgehen. Doch alle hatten sehr viel Spaß, wir haben super Umsätze gemacht. Gestern Abend kamen zu einer moderierten Lesung von Daniel Keita-Ruel sogar mehr Gäste als angemeldet. Andererseits sind übers Wochenende weniger Online-Kartenreservierungen eingetroffen als sonst - wir wissen nicht, ob das Zufall ist.

Sicher haben Sie jetzt überall Desinfektionsgeräte aufgebaut?
Desinfektionsmittel gab es schon immer bei uns im Haus, allein wegen der Küche. Doch selbst dieses Mittel bekommen wir im Moment nicht nach, genauso wie weitere Geräte zum Aufstellen. Die Mitarbeiter sind aber auch sehr entspannt, genauso wie unsere Kunden. Allerdings gehen wir bei der Bestuhlung etwas großzügiger vor, so dass mehr Platz ist zwischen den einzelnen Stühlen.

Registrieren Sie generell weniger Kunden im Haus?
Nein, bis jetzt noch nicht signifikant. Allerdings sieht das in der Nürnberger Innenstadt ganz anders aus. Wir haben gehört, dass es dort am Samstag sehr ruhig war, schmerzhaft ruhig. Es scheint, als meiden die Menschen eher die kompakten Einkaufszentren. Wir sind hier auf dem Land, da sind wir vielleicht auch noch etwas außen vor.

Haben sich schon Lieferverzögerungen bemerkbar gemacht?
Bei Geschenkartikeln und Wohnaccessoires wurden uns mögliche Verzögerungen angekündigt, aber bislang sind sie noch nicht eingetreten. Allerdings ist bei Schuhen noch nicht alle bestellte Ware da.

Sind Sie grundsätzlich beunruhigt?
Ach, wir haben uns über die Jahre daran gewöhnt, dass immer wieder irgendein Hammer kommt. Vielleicht ist es unser Glück, dass wir nicht so ganz im Zentrum des Geschehens liegen. Es könnte sein, dass der wirkliche Schaden erst in einem viertel oder halben Jahr spürbar wird, wenn die Menschen durch Kurzarbeit oder Insolvenzen weniger Geld zur Verfügung haben und zurückhaltender konsumieren.

Haben Sie Ihre Planungen rund um die Veranstaltungen geändert? Streichen Sie Events?
Nein. Wir haben ja keine Großveranstaltungen mit 1000 Menschen. Das Frühjahr ist durchgetaktet, die rund 60 Workshops bis zum Sommer sind durchweg voll. Die vier größeren Veranstaltungen veranschlagen wir jetzt mit jeweils rund 200 Gästen - mit 300 Besuchern rechnen wir eher mal nicht. Aber im Moment sind wir noch safe.

In den kommenden Tagen werden wir kontinuierlich über die Lage in Zirndorf und bei weiteren Branchen-Playern berichten.
stats