Reference Studios-Macher Mumi Haiati im Interview

"Was hält uns wach in der Nacht?"

Timothy Schaumburg
Mumi Haiati, Gründer von Reference Studios, bringt die Fashion-Szene in Berlin zusammen.
Mumi Haiati, Gründer von Reference Studios, bringt die Fashion-Szene in Berlin zusammen.

Mumi Haiati ist als Inhaber der Berliner Agentur Reference Studios eng vernetzt im Kosmos aus Fashion, Kunst und Kultur. Regelmäßig lädt er zum Reference Festival und zieht damit die In Crowd in der Hauptstadt an. Wir haben mit ihm über Events, Trends und Line-ups zwischen Sports und Resell gesprochen.


TextilWirtschaft: Nach langer Zeit mal wieder ein Event vor Ort – wie war's?

Mumi Haiati: Wir waren ja bereits in der letzten Saison im Bierpinsel und haben auch dort wieder einen großen Fokus aufs Physische gelegt, weiterhin mit digitaler Komponente. Es war schön, zu sehen, wie die Maßnahmen nach- und die Besucher sich darauf einlassen. Wenn die Situation auch noch immer befremdlich ist. Neue Ansätze, neue Erwartungen. Das Publikum hat sich riesig gefreut.

Was war der konzeptionelle Ansatz des Line-ups?
Allem zugrunde gelegen hat diesmal das Überthema Insomnia, das, wie wir finden, universell anwendbar ist auf den Zustand der Welt und zugleich viel Raum bietet für Interpretation. Was hält uns wach in der Nacht und wie können wir überhaupt noch schlafen? Publisher StyleNotCom hat das Thema in zwei Installationen aufgegriffen und sich auseinandergesetzt mit der gesteigerten Kreativität, die Schlaflosigkeit auslösen kann. Unser Musikprogramm war auch ein Zeichen für die schlaflosen Nächte, für die Berlin so berüchtigt ist. Schlaflosigkeit kann ja auch mit Freude verbunden sein, was sehr deutlich geworden ist bei Highsnobiety, welche die legendäre Mailänder Bar Basso zu uns gebracht haben. Experimentell wurde es bei Ons frühmorgendlichen Gallery Run am Samstag. In Ausstellungen aufgegriffen haben wir wiederum den Aspekt der Rastlosigkeit, wie etwa in unserem kuratierten Auszug aus dem Slam Jam Archiv. Entwickelt haben wir das Thema gemeinsam mit Hans Ulrich Obrist.

Wo war das Feedback am stärksten? 
Ein großes Experiment war die Brutally Early Conversation zwischen Hans Ulrich Obrist und der Künstlerin Luki von der Gracht, welche On ermöglicht hat. Um 7 Uhr am Samstagmorgen hatten wir tatsächlich ein beachtliches Publikum, das die Unterhaltung gespannt aufgenommen hat. Im Anschluss haben wir für On dann einen Gallery Run veranstaltet, bei welchem auf fünf Kilometern die besten Galerien angelaufen wurden. Ein tolles Experiment, das noch besser aufgenommen wurde.


Hat Corona verändert, wie Festivals jetzt stattfinden oder sind wir wieder back to normal?
Corona hat vielleicht gezeigt, dass es dieses Normal nicht gibt. Einem Festival zugrunde liegt das Spektakel und das ist per Definition nicht normal. Unsere Mission war es immer, neue Herangehensweisen aufzuzeigen und erlebbar zu machen. Ob jetzt wieder alles ist wie schon immer, möchte ich also gar nicht beurteilen. Ich freue mich, festzustellen, dass sich Besucher intensiver auseinandersetzen mit Inhalten.

Zu Kunst, Musik und Fashion gesellt sich jetzt auch Sport dazu - ist das auch ein Thema, das bei Reference stärker im Fokus steht?
Gefühlt hinzugekommen ist das Thema Sport nicht zuletzt durch unseren Kunden On, welcher sämtliche Panels des Festivals ermöglicht hat. Mental Health ist für uns immer ein Thema gewesen, im holistischen Ansatz zählt dazu auch Sport. Die Pandemie hat sicher auch ihren Teil getan, um den Sport wieder präsenter zu machen.

Welche Rolle spielt Sport in dem Gefüge? Hier sind ja viele progressive Player unterwegs, teilweise hat man das Gefühl, dass Themen wie Diversity und Inklusion schon länger besprochen werden als z.B. in der Mode. Auf der anderen Seite ist gerade hier der Leistungsgedanke oft auch extrem, ebenso hierarchische Strukturen und Top-Down-Mentalität. Was bringt der Sport ein, was muss sich noch ändern?
Sport bringt Menschen zusammen, er ist ein Allheilmittel. Der Community-Gedanke spielt in unserer Arbeit eine übergeordnete Rolle, genau so im Sport! Ganz abgesehen vom enormen kulturellen Wert. Themen wie Diversity sind für uns ganz natürlich und grundlegend – das wird wohl klar, wenn man nur einmal mich anschaut. Mir geht es darum, Zugang zu schaffen und Sport ist von Natur aus inklusiv. Wie Sie schon sagen, ist aber auch der Leistungsgedanke und der Wettbewerb sehr präsent. Ich denke, wie in allem ist eine Balance sehr wichtig. Sport sollte in erster Linie zur Gesundheit beitragen, Wellbeing im Vordergrund stehen. Ich finde, das könnte noch weit präsenter sein.

Thema Sustainability & Resale: Woher kommen hier die jüngsten Innovationen? Für welche Kundengruppen und Brands ist es besonders interessant?
Unser Kunde Vestiaire Collective ist da auf jeden Fall einer der Vorreiter. Auf dem Festival vertreten waren sie nun zum ersten Mal in Form einer Ausstellung ikonischer Zusammenarbeiten zwischen Künstlern und Marken. Uns war es wichtig, diese Verbindung, die es in der Mode so lange schon gibt, zu illustrieren und mit der Ausstellung wert zu schöpfen. Besonders, da diese Ausgabe zum Gallery Weekend stattfinden konnte. Bei Vestiaire Collective kommt auch der Gedanke des Sammelns ins Spiel, da sind Kleidungsstücke Kunstwerken gar nicht so unähnlich und genau so haben wir sie bei uns inszeniert.

Es freut mich grundsätzlich zu sehen, wie das Thema einen wachsenden Stellenwert einnimmt und der Markt wächst. Es hat doch sehr lange gedauert, dass Vintage sich dermaßen etablieren konnte. Ein großer Teil der Zielgruppe ist noch immer jung, sie setzen sich ein für gewisse Werte wie Nachhaltigkeit. Inzwischen ist aber auch das generationenübergreifend.

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