Rundgang über die neue Genova Jeans

Ist Genua die nächste Jeans-Hauptstadt?

Genova Jeans
In den Straßen von Genua: Alberto Candiani (links) und Andrea Rosso sind zwei der Initiatoren der Genova Jeans.
In den Straßen von Genua: Alberto Candiani (links) und Andrea Rosso sind zwei der Initiatoren der Genova Jeans.

Genua will die nächste Jeans-Hauptstadt werden. Die italienische Stadt am Ligurischen Meer war kürzlich Gastgeber der ersten Ausgabe von Genova Jeans, einer jährlichen Veranstaltung, die die Geschichte und das Erbe der Jeans feiern soll. Sie bietet aber auch Gelegenheit, ein Kleidungsstück zu zelebrieren, das ein Synonym für Meinungsfreiheit ist, umso mehr jetzt, wo die Taliban sie gerade verboten haben.

Genua gilt als Wiege der Jeans, was durch historische Studien belegt wird, die zeigen, dass seit dem Jahr 1200 ein dem heutigen Denim ähnliches,  indigofarbenes, robustes Gewebe für viele Zwecke verwendet wurde, darunter für Arbeitskleidung und sakrale Ornamente. Und dass der Begriff "Genoese", der "aus Genua" bedeutet, über die Jahre zu "Jeans" geworden sein könnte.

Die Veranstaltung, die vom 2. bis 6. September stattfand, war eine kulturelle Initiative, die unter anderem das Ziel verfolgte, darüber zu informieren, wie Jeans hergestellt werden, wie sie sich entwickeln werden und wie viel verantwortungsvoller sie in Zukunft produziert werden könnten. Außerdem sollte sie den Startschuss für ein Jeansmuseum geben, das zu einer ständigen Attraktion der Stadt werden könnte.

Im Rahmen dieser Initiative und dank der Jeans und der Mode will die Stadt, die für ihre Schönheit, aber auch für ihre Gegensätze bekannt ist, einen neuen Kurs einschlagen. Erst 2018 war Genua schwer getroffen worden vom Einsturz der Autobahnbrücke Ponte Morandi, bei dem 43 Menschen starben.

Genova Jeans: Impressionen von der Veranstaltung


"Alles begann vor einem Jahr, als Alberto Candiani, President von Candiani Denim, Andrea Rosso, Sustainability Ambassador von Diesel, Manuela Arata, die Direktorin von Genova Jeans, und ich uns in Genua trafen", sagte Livia Firth, Gründerin von Eco-Age, einem Beratungsunternehmen für Nachhaltigkeit. "Wir erkannten sofort das große Potenzial dieser Veranstaltung, obwohl eine globale Mission und ein idealer Weg fehlten. Also fingen wir an zu überlegen, was wir tun müssten, wenn wir in Genua eine ähnliche Veranstaltung wie die Mailänder Design-Woche nur zum Thema Jeans schaffen wollten. Das war unser Ausgangspunkt. Dann setzten wir uns zu dritt an einen Tisch und begannen, gemeinsam die Vision dieses Projekts zu entwerfen, das die Stadtverwaltung genehmigte."

Ein multikulturelles Ereignis

Diese erste Ausgabe war ein multikulturelles Ereignis, das vom 2. bis 6. September 2021 an verschiedenen Orten der Stadt stattfand, in den Straßen des mittelalterlichen Viertels in der Nähe des Hafens, in anderen Gebäuden, Museen und prächtigen Palazzi. Sie bot eine Reihe von Veranstaltungen und Erlebnissen wie Kunstausstellungen, Konferenzen, Unterhaltung und Shows in allen Stadtteilen. In den Räumen der Biblioteca Universitaria auf der Piazza Principe wurden im Rahmen der Ausstellung "Jeans. Von den Ursprüngen bis zum Mythos" die Geschichte der genuesischen Jeans-Originale und ihre Entwicklung vorgestellt.

Installation von Candiani: "Behind the seams. Was glauben Sie, wie viel Sie über Ihre Jeans wissen?"
Genova Jeans
Installation von Candiani: "Behind the seams. Was glauben Sie, wie viel Sie über Ihre Jeans wissen?"

Auf einem Weg durch die Stadt erklärte eine spezielle "Info-taining“-Installation von Candiani Denim "Behind the seams. Was glauben Sie, wie viel Sie über Ihre Jeans wissen?", wie hoch die Umweltbelastung durch die Jeansproduktion ist und welche neuen nachhaltigen Lösungen dafür gefunden werden können. "Wir haben uns für diese Installation entschieden, weil wir aufklären wollen, wie eine Jeans hergestellt wird, was ihre Bestandteile und Produktions-Prozesse sind. Aber wir wollten vor allem alle Informationen zur Verfügung stellen, um jedem zu helfen, die richtige Wahl zu treffen, wenn er sein nächstes Paar Jeans kauft", erklärt Alberto Candiani. "Zu viele Leute halten es für selbstverständlich, dass sie wissen, wie eine Jeans hergestellt wird, aber neun von zehn Leuten wissen es tatsächlich nicht", fügte er hinzu.

Straße der Jeans

Die Route der Blue Jeans verlief entlang einer neu getauften Straße, der "Via del Jeans", die die drei Straßen Via di Prè, Via San Luca und Via Del Campo umfasst, die dafür bekannt sind, Teil der Unterwelt zu sein und sich alle in der Nähe des Hafens befinden (der größte Hafen des Mittelmeers, der jährlich vier Millionen Touristen anzieht). Viele Geschäfte und lokale Unternehmen unterstützten die neue, auf Jeans fokussierte Veranstaltung und huldigten dem blauen Stoff mit speziellen Schaufenstern und Installationen in den Geschäften. Diesel besetzte sogar die Schaufenster von drei Straßen und präsentierte einige seiner historischen Werbekampagnen und Lookbooks.

Im Innenhof eines Palastes in der Via Del Campo präsentierte Diesel außerdem den wohl ältesten bekannten Jeansstoff der Welt. In den Jahren 1760-80 wurden in Genua zum ersten Mal Jeans als Teil der Alltagskleidung von Einwohnern und Arbeitern gesehen (und abgebildet). Eine Krippenfigur des Künstlers Pasquale Navone aus dieser Zeit zeigt einen Mann mit Jeanshosen, deren Stoff diagonal gewebt ist, "2 zu 1", mit einem blauen Baumwollschuss und einer weißen Leinenkette, die denen aus der heutigen Zeit verblüffend ähnlich sehen.

Die Via del Jeans in Genua.
Genova Jeans
Die Via del Jeans in Genua.

In der Unterführung des Palazzo Ducale hat die italienische Jeansmarke außerdem die Ausstellung "Diesel's denim heritage. A walk in its archive" mit 16 Outfits (ca. 80 Stück) aus dem Privatarchiv des Unternehmens organisiert. Zu sehen ist auch das erste Diesel-Outfit, das von Renzo Rosso in den 1970er Jahren persönlich entworfen und genäht wurde. "Es ist das erste Mal, dass ein Stück aus unserem 10.000 Teile umfassenden Archiv außerhalb unseres Unternehmens gezeigt wird. Es war, als würde man unsere Jeans im Louvre-Museum sehen", kommentierte Andrea Rosso. "Und es war ein noch tolleres Gefühl, die ersten selbst genähten Kleidungsstücke meines Vaters ausgestellt zu sehen", fügte er hinzu.

Denim meets Art

Auch die Kunst spielte bei dieser Veranstaltung eine wichtige Rolle. Eine bedeutende Station war das Diözesanmuseum, das die "Teli della Passione" beherbergt, indigo-gefärbte Baumwoll-Leinen-Ornamente, die mit weißen, sakralen Szenen aus dem Jahr 1540 bemalt sind und aus einem Material hergestellt wurden, das heute zu den Vorläufern der Jeans zählt.

Im Risorgimento-Museum ist ein großartiges Kunstwerk des Denim-Künstlers Ian Berry zu sehen, der seine Reproduktion eines Gemäldes stiftete, das Giuseppe Garibaldi, den italienischen Patrioten aus Genua, der Italien 1860 einte, zeigt und vollständig aus Denim gefertigt ist. Im Metelino-Gebäude fand die Ausstellung "Arte Jeans" statt, die 36 Werke zeigte, die der Stadt von zeitgenössischen internationalen Künstlern gestiftet und mit nachhaltigen Stoffen von Candiani Denim hergestellt wurden.

Renzo Rosso, Gründer und Eigentümer von Diesel, nahm ebenfalls an der Eröffnung der Veranstaltung teil. "Ich bin sehr glücklich, hier in Genua zu sein. Ich hatte diese Straße noch nie gesehen, und es gefällt mir, wie mein Team die Geschichte von Denim interpretiert hat. Es ist auch sehr schön, diese Straße zu sehen, denn sie ist so global und beherbergt so viele Kulturen, verschiedene Denkweisen und verschiedene Geschichten, die von hier aus weitergegeben wurden", sagte Renzo Rosso. "Ich entdeckte auch einen kleinen Laden, in dem einige Diesel-Produkte angeboten wurden. Das war einer unserer allerersten Läden, und das hat mich wirklich sehr bewegt. Denim hat eine große Geschichte und Diesel hat dieses Produkt verändert und von Arbeitskleidung in Fashion Pieces verwandelt, die auf Laufstegen und roten Teppichen getragen werden", so Rosso weiter.

Gruppenbild mit Jeans: Renzo Rosso, Alberto Candiani und Andrea Rosso mit Renzos erstem Denim-Outfit.
Maria Cristina Pavarini
Gruppenbild mit Jeans: Renzo Rosso, Alberto Candiani und Andrea Rosso mit Renzos erstem Denim-Outfit.
"All diese historischen Veränderungen, die Diesel vorgenommen hat, waren eine großartige Entwicklung, und Candiani bringt Nachhaltigkeit und Modernität in dieses Material. Denn auch wenn wir es nicht wissen, ist Denim schmutzig. Es ist also großartig, dieses Material und seine Geschichte zu betrachten und zu sehen, wie es sich in Zukunft entwickeln wird. Wenn man bedenkt, dass Denim nie alt werden wird, es wird immer getragen werden, da der Stoff sehr bequem ist und man ihn am Wochenende, bei einer Demonstration, zum Entspannen, im Freien, aber auch zu ganz besonderen Anlässen tragen kann. Es ist das einzige Material auf der Welt, das sich verwandeln lässt und aus dem man etwas ganz anderes machen kann..."

Wie sieht die Zukunft aus?

Auf die Frage, wie die nächste Ausgabe der Genova Jeans aussehen könnte, antwortete er: "Ich kann nicht sagen, wie sie aussehen wird, aber mein erster Gedanke wäre, so viel Material wie möglich aus dieser Veranstaltung zu sammeln, um zum Beispiel ein Buch zu machen, das alles zeigt, was hier in diesen Tagen gemacht worden ist, denn es ist wirklich schön und eignet sich gut für eine Art Museumsprojekt. Auf diese Weise könnte man es leicht in anderen Modemetropolen wie Paris, London, New York oder Shanghai zeigen, wo man verrückt danach wäre. Es ist nur schade, dass so wenig Leute hierher reisen und all das sehen konnten, denn sie hätten sicher noch mehr Ideen gehabt, die hier hätten einfließen können."
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