Sarah Knoll von Hice Ladies im Interview

"Die Soforthilfe ist fast zur Hälfte schon wieder weg"

Sarah Knoll
Sarah Knoll, Inhaberin von Hice Ladies in Kempten im Allgäu: "Für kommendes Frühjahr plane ich aktuell, die Vororder um 30% bis 40% zu kürzen."
Sarah Knoll, Inhaberin von Hice Ladies in Kempten im Allgäu: "Für kommendes Frühjahr plane ich aktuell, die Vororder um 30% bis 40% zu kürzen."

Seit 14 Jahren führt Sarah Knoll ihren rund 200 m² großen Store Hice Ladies in Kempten im Allgäu. Kommenden Montag dürfen auch in Bayern Verkaufsflächen unter 800 m² wieder öffnen. Dennoch werden ihr die Touristen fehlen. Sie tragen normalerweise zwischen 30 und 40% zum Umsatz bei.

Durch die Nähe zu Österreich hat Knoll früh geahnt, was auf die hiesige Handelslandschaft zukommt und ihren Laden bereits am 16. März, also vor der offiziellen Anordnung, geschlossen. Schon in den ersten beiden Märzwochen war der Umsatz verglichen mit dem Vorjahr um 50% eingebrochen. Sämtliche Hilfen hat sie zwei Tage nach der Schließung beantragt. Davon ist bisher jedoch kaum etwas bei ihr angekommen. Dabei sorgen die jetzigen Hygienevorschriften erneut für hohe Ausgaben.

TextilWirtschaft: Frau Knoll, blicken wir kurz zurück. Vor mehr als vier Wochen haben Sie Ihren Store geschlossen. Was waren die ersten Schritte, die Sie dann unternommen haben?
Sarah Knoll: Ich habe sofort alle Lieferanten angeschrieben, dass der Laden zu ist und wir auch nicht vor Ort sind und deswegen bitte keine Ware geliefert werden soll. Das hat leider nicht bei allen geklappt. Am selben Tag habe ich E-Mails mit Rechnungen erhalten und die Lieferung wurde im Laufe der Woche einfach im Hausflur abgestellt. Aber dadurch sortiert sich immerhin auch, mit welchen Lieferanten ich in Zukunft noch zusammenarbeiten werde.

Über wen haben Sie sich geärgert?
Namen möchte ich in diesem Zusammenhang nicht nennen.

Könnten Sie stattdessen sagen, mit wem die Kommunikation besonders gut lief?
Tatsächlich sind vor allem die deutschen Lieferanten positiv zu erwähnen. Iriedaily, Herrlicher, Blutsgeschwister, Buena Vista... Die kamen von sich aus mit Lieferstopps und Valuta auf uns zu. Von anderen hört man tatsächlich gar nichts. Ich verstehe natürlich, dass die Lieferanten auch schauen müssen, was sie mit ihrer Ware machen, allerdings bringt uns Valuta auch nur bedingt etwas. Dann verschiebt sich das Problem eben in den Herbst.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit den staatlichen Hilfen?
Ich habe direkt am 18. März den Sofortantrag an Bayern gestellt, das Geld war auch eine Woche später da. Vor drei Wochen habe ich dann auch den Antrag an den Bund zur Aufstockung auf 9000 Euro gestellt. Da kam bisher noch nichts. Auch das Kurzarbeitergeld für meine Mitarbeiterinnen, das ich ebenfalls am 18. März beantragt habe, ist noch nicht angekommen. In der letzten Woche habe ich erst die mir zugeteilte Betriebsnummer erhalten. Zum Glück habe ich einen sehr guten Geschäftskundenbetreuer bei meiner Bank und heute wurde mir das KFW-Darlehen ausgezahlt. Aber auch wenn die KFW zwar den Banken Sicherheit gibt, muss ich ja mit allem, was ich habe, gegenüber der KFW bürgen. Wir brauchen keine Darlehen, die wir jetzt lange Zeit zurückzahlen müssen, sondern Hilfen, die wir nicht zurückzahlen müssen und die sich aus dem Umsatzausfall berechnen. Für andere Bereiche werden ja jetzt auch Steuersenkungen diskutiert.



Kommende Woche zieht Bayern nach und die Läden dürfen wieder öffnen. Wie fühlen Sie sich darauf vorbereitet?
Nach jeder Pressekonferenz weiß kaum einer, was zu tun ist, weil die Bundesländer dann ja wieder unterschiedliche Regelungen haben. Ich musste ganz zu Beginn etwa einen Tag im Internet recherchieren, welche Schutzmaßnahmen jetzt genau für mich gelten. Diese ganze Verwirrung ist schon ein großes Problem. Aber jetzt sind wir gut auf die Eröffnung vorbereitet.

Was heißt das konkret?
Wir haben ausreichend Desinfektionsmittel, das übrigens auch nicht so leicht zu kriegen war. Die Schutzmasken habe ich schon vor drei Wochen bestellt. Die Plexiglasscheiben sind in Auftrag gegeben. Alles in allem habe ich für diese Vorbereitungen auch schon wieder 4000 Euro ausgegeben. Die Soforthilfe ist also fast zur Hälfte schon wieder weg. Und mir fehlen im März und April 180.000 Euro Bruttoumsatz.

Wie gehen Sie jetzt mit dem Warendruck um? Setzen Sie auf Rabatte?
Nicht wirklich. Wir machen nur eine gezielte Aktion. Im Mai hätten wir unseren vierzehnten Geburtstag mit einer großen Party gefeiert. Da das nun nicht stattfinden kann, haben wir unsere Stammkunden angeschrieben, dass sie beim Kauf eines Outfits einen Rabatt von 14% von uns erhalten. Mich ärgert es, wenn ich Lieferanten sehe, die aktuelle Ware über ihre eigenen Kanäle schon reduzieren. Ich finde, man könnte jetzt wieder einen gesetzlichen Schlussverkauf einführen. Schließlich lassen sich derzeit doch einige Gesetze kippen.



Sie sind Mutter eines 8-jährigen Sohnes. Haben Sie bereits eine Betreuung für ihn?
Auch das ist kompliziert. Mein Mann hat zwar einen systemrelevanten Beruf, aber die Notbetreuung könnten wir nur nutzen, wenn wir beide solche Berufe hätten. Ich hoffe nun, dass es da noch mal neue Entscheidungen gibt. Verglichen mit anderen bin ich aber in der glücklichen Lage, dass meine Mitarbeiterinnen keine Kinder haben.

Werfen wir einen Blick in die kommenden Saisons. Konnten Sie an der Order für den Herbst noch etwas drehen? Und wie gehen Sie ins Frühjahr 2021?
Herbstware konnte ich nicht mehr stornieren. Für kommendes Frühjahr plane ich aktuell, die Vororder um 30% bis 40% zu kürzen. Aber das kommt natürlich auch darauf an, welche Lieferanten es dann noch gibt.

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