Schuhindustrie empört über den Online-Giganten

Zwingt Amazon Lieferanten zu Lieferstopps?

Amazon hat die Schuhindustrie brüskiert. Der Online-Gigant fordert offensichtlich Mitglieder des Bundesverbands der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L) auf, bereits bestellte Sommerware nicht auszuliefern. Wer nicht reagiert, laufe Gefahr, dass Amazon die Order postwendend retourniert – auf Kosten der Hersteller.


"In der vielleicht größten Wirtschaftskrise weltweit zählen Online-Händler wie Amazon zweifellos zu den Gewinnern. Umso mehr befremdet ein aktuelles Schreiben, in dem Amazon.de seine deutschen Schuhlieferanten ausdrücklich dazu auffordert, bereits bestellte Ware nicht auszuliefern", heißt es in dem Schreiben, das uns vom Bundesverband erreicht. "Dieses Vorgehen, das eine Reihe von HDS/L Mitgliedern betrifft, können wir nicht akzeptieren", sagt HDS/L-Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert. Gerade von den globalen Konzernen fordere der HDS/L gesellschaftliche Verantwortung und Einhaltung der vertraglichen Verpflichtungen.

Die TextilWirtschaft hat Amazon um Stellungnahme gebeten. "Wir konzentrieren unsere verfügbaren Kapazitäten auf die Produkte mit der höchsten Priorität, die unsere Kunden derzeit am dringendsten benötigen und sich am meisten wünschen, während wir uns gleichzeitig für die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter an die Richtlinien zur sozialen Distanzierung in unseren Logistikzentren halten. Vor diesem Hintergrund haben wir vorübergehend den Eingang von Waren für den täglichen Bedarf, von medizinischen Verbrauchsgütern und von anderen Produkten mit hoher Nachfrage in unseren Logistikzentren priorisiert. Dadurch können wir diese Produkte schneller annehmen, Bestände auffüllen und die Produkte an Kunden versenden", sagt ein Unternehmenssprecher. "Uns ist bewusst, dass dies eine Veränderung für unsere Verkaufspartner bedeutet und wir bedanken uns für ihr Verständnis, dass wir diesen Produkten im Sinne unserer Kunden vorübergehend Vorrang geben. Wir werden weiterhin Bestellungen bei unseren Lieferanten aufgeben, wenn wir den regulären Betrieb fortsetzen." Ob und in welchem Umfang es zu geforderten Lieferstopps oder Stornierungen kam, darüber schweigt sich das Unternehmen aus.

Der HDS/L hatte erst Mitte März zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit aufgerufen. Es verstehe sich von selbst, dass Stornierungen bestellter Ware nicht möglich seien. Dennoch versuche man, die Interessen des Handels zu berücksichtigen. Die unterstützenden Maßnahmen der Schuh- und Lederwarenhersteller sehen vor, dass auf Wunsch Lieferungen der aktuellen Sommerware zu einem späteren Zeitpunkt versendet und damit auch später in Rechnung gestellt werden. Die daraus entstehende Verlängerung der Zahlungsfristen sollen dem Handel in der aktuell schwierigen Lage mehr Planungssicherheit erlauben und dem Handel dabei helfen, Engpässe bei Logistik und Lagerhaltung zu vermeiden.

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