Schutzschirm-Insolvenz gestartet

Sinn-Chef Göbel: "Die Politik lässt uns keine andere Wahl"

Seidel
Sinn-Chef Friedrich-Wilhelm Göbel: "Lieber zur Existenzsicherung entschlossen und gut vorbereitet in eine Insolvenz gehen, als ewig teure Unternehmensberater zu beschäftigen, die am Ende doch keine Lösung finden."
Sinn-Chef Friedrich-Wilhelm Göbel: "Lieber zur Existenzsicherung entschlossen und gut vorbereitet in eine Insolvenz gehen, als ewig teure Unternehmensberater zu beschäftigen, die am Ende doch keine Lösung finden."

Die Hagener Modekette Sinn befindet sich seit Montag im Schutzschirmverfahren. Firmenchef Friedrich-Wilhelm Göbel nennt als Grund die Weigerung privater Banken, einen Teil des Risikos der erwünschten KfW-Kredite zu übernehmen. Göbel, dessen Familie am Unternehmen beteiligt ist, kritisiert die Bundesregierung heftig für ihrem Ungang mit der Corona-Krise und lässt rechtliche Schritte prüfen. "Fakt ist, dass man wochenlang und bis heute kopflos und unstrukturiert Maßnahmen ergreift, von denen man überhaupt nicht weiß, ob sie sinnvoll sind", sagt er - und meint etwa die 800-Quadratmeter-Regel.

TextilWirtschaft: Herr Göbel, warum haben Sie das Schutzschirmverfahren beantragt?
Friedrich-Wilhelm Göbel: Weil wir keine Hilfe durch KfW-Kredite, Bürgschaften oder ähnliches bekommen haben. Sinn erfüllt die Minimum-Kriterien der KfW dafür. Aber die drei Banken, die wir kontaktiert haben, konnten alle die Mithaftung in der aktuellen Situation nicht übernehmen. Dies ist ärgerlich, aber aus Sicht der Banken verständlich. Das zeigt, dass das KfW-Programm zumindest für Mittelständler unserer Größe in vielen Fällen nicht realitätsnah ist. Der Gesetzgeber hat hier sicher nicht alle Aspekte verarbeitet beziehungsweise die komplexe Situation nicht komplett durchdacht.

Wieviel KfW-Geld hätten Sie denn haben wollen?
Haben wollen? Wollen ist leider nicht das richtige Wort. Welchen zusätzlichen Liquiditätsbedarf haben wir auf Basis von realistischen Annahmen für die nächste drei Jahre kalkuliert - in Abhängigkeit des Datums der Wiedereröffnung? Dies kann ich Ihnen sagen: Bis Ende der Frühjahr-/Sommer-Saison 2023 ca. 40 Mio. Euro.


Und jetzt geht Ihnen die Liquidität aus?
Wir sehen jetzt ein zu großes Risiko, Anfang Mai nicht mehr zahlungsfähig zu sein: Die Zahlung des Kurzarbeitergeldes für April steht an, weitere fällige Zahlungen am Monatsende ebenfalls, dazu die Ungewissheit über das Wiedereröffnungsdatum. Noch sind wir zahlungsfähig, deshalb haben wir jetzt den Antrag auf das Schutzschirmverfahren gestellt. Wären wir das nicht mehr, würde das Gericht das Schutzschirmverfahren nicht mehr genehmigen, dann bliebe nur ein Regelinsolvenzverfahren mit weniger Möglichkeiten. Man kann sagen, erst hatte Sinn kein Glück – damit meine ich das Coronavirus-, dann kam Pech hinzu – also keine sinnvolle Hilfe des Staates. Bitter, aber leider wahr.

Wieviel Umsatz ist Sinn wegen des Shutdown entgangen?
März und April zusammengenommen haben wir 33 Mio. Euro zum Plan verloren. Ohne Corona wäre der März super geworden, der Monat hatte sehr gut begonnen. Sinn arbeitete vor der Corona-Krise profitabel und baut seit einiger Zeit auch cash auf, das heißt:  ist Cashflow positiv. Wir haben auch keine Finanzschulden, weder kurz- noch langfristig. Alles war gut. Nun ist die Arbeit der vier Jahre seit Ende der letzten Insolvenz leider in wenigen Wochen zerstört worden.

Werden Sie in Ihren Häusern abgesperrte Flächen unter 800 öffnen?
Sehr widerwillig. Erstens halte ich die willkürliche Grenze von 800 für schwachsinnig. Große Läden könne die Abstands- und Hygieneregeln wesentlich besser umsetzen als kleine Läden. Zweitens können wir auf 800 nicht ansatzweise ein anregendes und spannendes Angebot aufbauen, das dem Sinn-Markenbild gerecht wird. Drittens ist dies wirtschaftlich Nonsens.

Wie ist jetzt Ihr Zeitplan?
Wir glauben daran, dass wir in drei Monaten am Ziel sind und die Abstimmung über einen Insolvenzplan kurz nach Eröffnung der Insolvenz durchzuführen. Deshalb brauchen wir auch kein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Das wäre sinnvoll, wenn das Unternehmen großen Restrukturierungsaufwand in der Zentrale oder den Filialen hätte. Den haben wir aber nicht. Auch von Altlasten müssen wir uns nicht befreien.

Sinn-Filiale in Dresden.
imago images / Max Stein
Sinn-Filiale in Dresden.
Sicher gibt uns das aktuelle Verfahren die Möglichkeit, den einen oder anderen Vertrag an die aktuelle Situation anzupassen. Im Großen und Ganzen sind wir aber gut aufgestellt.

Drei Monate - das klingt ehrgeizig.
Wir sind gut vorbereitet. Das Team mit Thomas Kluth als CRO und Rolf Weidmann als Sachwalter war schon in der Insolvenz 2016/17 in exakt diesen Positionen und genießt bundesweit höchste Anerkennung.

Stimmt es, dass Einkaufschefin Susanne Straus den Vorstand verlassen hat?
Sie hat darum gebeten, sich in den kommenden Monaten ausschließlich mit ihren Aufgaben als Einkaufschefin zu beschäftigen. Frau Straus hat keinerlei Erfahrung in den juristischen Fragen, die es jetzt zu beachten gibt, und hat sich deshalb nicht wohlgefühlt. Diesem Wunsch sind wir nachgekommen, weil sie einer der Erfolgsfaktoren für unser Unternehmen ist. Das ändert aber überhaupt nichts an ihrer Bedeutung für unser Unternehmen oder ihrer Akzeptanz als Chefin des Einkaufes von Sinn.
„Lieber zur Existenzsicherung entschlossen und gut vorbereitet in eine Insolvenz gehen, als ewig teure Unternehmensberater zu beschäftigen, die am Ende doch keine Lösung finden.“
Friedrich-Wilhelm Göbel
Wie fühlen Sie sich eigentlich angesichts Ihrer zweiten Sinn-Insolvenz in nicht einmal vier Jahren?
Ich fühle mich dabei nicht unwohl, falls Sie das meinen. Für mich hat eine Insolvenz kein Stigma, schon gar nicht, wenn sie Gründe hat wie die aktuelle. Lieber zur Existenzsicherung entschlossen und gut vorbereitet in eine Insolvenz gehen, als ewig teure Unternehmensberater zu beschäftigen, die am Ende doch keine Lösung finden.

Wie in jeder Insolvenz werden Sie sich jetzt sicherlich um das Insolvenzausfallgeld für Ihre Mitarbeiter kümmern, verhandeln vermutlich mit Vermietern, Dienstleistern und Lieferanten über deren Beiträge zum Insolvenzplan. Was ungewöhnlich ist unmittelbar nach einer Insolvenz: Eine neue Warenkreditversicherung muss nicht gefunden werden.
Die Absicherung unserer Lieferanten ist wichtig, damit wir weiterhin mit Ware versorgt werden. Wir sind sehr glücklich, dass alle Lieferanten, die bis zur Insolvenz versichert waren, mit dem Kündigungsschreiben der alten Versicherung auch den Hinweis auf ein Angebot zur Neuversicherung erhalten werden. Dies hat es unseres Wissens noch nie gegeben, dass ein Unternehmen in Insolvenz am ersten Tag in der Insolvenz ankündigen kann, dass eine neue Versicherung möglich ist. Alle bis dato nicht versicherten Lieferanten können auch ohne Ausnahme versichert werden. Hierauf sind wir stolz und danken unserem Warenkreditversicherer, der Eurodelkredere.

Was ist mit offenen Rechnungen, die Sinn vor der Anmeldung nicht bezahlt hat?
Auch die können sehr schnell reguliert werden können, da Sinn bereits alle Informationen an den Versicherer geliefert hat. Somit erhalten alle Versicherten schnellstmöglich die aktuell dringend benötigte Liquidität.

Kein Problem mit der Kreditversicherung, keine Schulden, kein Restrukturierungsbedarf – da kann man sich fast schon fragen, warum Sinn abermals den Weg durch die Insolvenz antritt.
Die Politik lässt uns keine andere Wahl. Ich würde im Zusammenhang mit der Corona-Krise auch ungern von politisch Verantwortlichen sprechen, sondern von politisch Unverantwortlichen. Selbstverständlich erfordert die Corona-Krise besondere Maßnahmen. Aber für das Lahmlegen eines großen Teils einer ganzen Volkswirtschaft, wie wir sie jetzt sehen, braucht es meiner Meinung nach doch eine größere Bedrohung als Corona.

Was ärgert Sie?
Fakt ist, dass man wochenlang und bis heute kopflos und unstrukturiert Maßnahmen ergreift, von denen man überhaupt nicht weiß, ob sie sinnvoll sind. Etwa die 800m²-Regel oder die Mundschutzregel. Es kann nicht sein, dass über viele Jahrzehnte aufgebaute gesellschaftliche und wirtschaftliche Erfolge leichtfertig durch nicht ausgewogenes Handeln von oftmals wenig kompetenten Entscheidern vernichtet werden. Hier wurde deutlich überreagiert. Ich frage mich, was diese Politiker tun, falls sie mal auf eine wirklich große Krise reagieren müssen.

Sie hatten angedeutet, dass Sie rechtliche Schritte gegen die Schließungsregeln prüfen. Kommt da noch etwas?
Wir lassen weiterhin prüfen, ob der Shutdown willkürlich und wettbewerbsverzerrend, wie zum Beispiel die 800m²-Regelung, war beziehungsweise ist. Wenn dies der Fall war, sind dies Entscheidungsfehler, für die der Staat eventuell aufkommen muss.

Noch mal zurück in die Niederungen des Modehandels: Sollte Ihr Zeitplan funktionieren – was erwarten Sie dann noch vom Geschäft des restlichen Corona-Jahres 2020?
Wir sind in dieser Hinsicht sehr konservativ. Die Umsätze von der Wiedereröffnung bis zum Beginn der Herbst-Winter-Saison sehen wir deutlich unter den ursprünglichen Plänen: bei etwa 60%. Und dies mit sehr schlechten Roherträgen. Denn wir glauben, es kommt eine Rabattschlacht nie gesehenen Ausmaßes auf uns zu. Jeder wird seinen Bestand verkaufen wollen. Herbst/Winter 2020 und Frühjahr/Sommer 2021 sehen wir rund 25% unter den ursprünglichen Plänen, die beiden folgenden Jahre etwa 10 bis 15% niedriger.

Wann sind Sie zurück auf dem Vor-Corona-Niveau?
Das Umsatzniveau von 2019 werden wir wahrscheinlich erst im Jahr 2024 wieder erreichen. Wir haben sehr schlanke Strukturen, ein Geschäftsmodell, das sehr gut von den Kundinnen und Kunden angenommen wurde. Ich gehe davon aus, dass sich in den nächsten Jahren außergewöhnliche Wachstumschancen bieten, die wir sicher, wenn es für uns sinnvoll erscheint, auch wahrnehmen werden. Aber dafür müssen wir erst einmal die nächste Prüfung, ein erfolgreiches Management des Schutzschirmverfahrens, absolvieren.

Was erwarten Sie für die Gesamt-Branche?
Die kommende Wirtschaftskrise mit vielen Millionen Arbeitslosen und Konsumverzicht wird uns alle hart treffen. Wie alle anderen Händler werden wir über eine lange Zeit mit Konsumzurückhaltung leben müssen.
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