Warenhauskonzern im Schutzschirmverfahren

"Gehen davon aus, dass Galeria erhalten bleibt"

TW
Das "Strategische Partner-Meeting – Galeria 2025" im Februar in Essen. Damals schien die Hoffnung noch groß.
Das "Strategische Partner-Meeting – Galeria 2025" im Februar in Essen. Damals schien die Hoffnung noch groß.

Am Tag danach herrscht in der Branche große Unsicherheit: Was bedeutet das Schutzschirmverfahren bei Galeria Karstadt Kaufhof für Lieferanten, Vermieter oder Mitarbeiter? Im Markt rechnet mancher mit deutlichen Einschnitten, einschließlich der Schließung zahlreicher Häuser.

Unternehmensleitung und Eigentümer Signa hatten derartige Pläne bisher immer von sich gewiesen. Im neuen Haustarifvertrag ist sogar eine Bestandsgarantie für Standorte und Jobs bis 2024 festgeschrieben.

Bei der Lieferantenkonferenz im Februar in Essen hatte das Führungsteam einschließlich Signa-Gründer Rene Benko und auch noch CEO Stephan Fanderl die Lage positiv dargestellt, man komme gut voran mit Integration und Sanierung. "Sich jetzt unter den Schutzschirm zu retten, überrascht schon nach der sehr positiven Meldung in Essen, wo der Konzern dicke Gewinne aufgezeigt hat“, sagt Enrico Tomassini von Angels.

Ähnlich sieht es Frank Brüggemann, CEO von Camel active: "Vor der Corona-Krise hatte man auf der Lieferantenkonferenz in Essen den Eindruck, da gibt es einen klaren Plan und eine klare Strategie. Und wir hatten gehofft, dass es nun nach einer Durststrecke mit dem Unternehmen weiter bergauf gehen wird."


Doch zwischen dem optimistischen Partnertreffen in der Grugahalle und dem Antrag auf das Schutzschirmverfahren lag die rasante Ausbreitung von Corona: Jetzt sind die Häuser an 170 Standorten geschlossen, nach eigenen Angaben verliert Galeria jede Woche 80 Mio. Euro Umsatz. 100 Mio. Euro Ebitda hätte das Unternehmen in diesem Jahr geschafft, erklärte man in Essen - wenn denn Corona nicht gekommen wäre.

Verhandlungen um staatliche Unterstützung führten bisher zu keinem Ergebnis, auch wenn Signa nach eigenen Angaben in dieser Woche 140 Mio. Euro zur Rettung beitragen wollte. Die kolportierten Summen von 700 bis 800 Mio. Euro, die Signa indes im Gegenzug vom Staat garantiert haben wollte, lösen vor allem Kopfschütteln aus: "Wie kommt diese Riesensumme denn zustande?", fragt mancher. Die gesellschaftliche und sortimentspolitische Relevanz des Unternehmens sei allerdings unbestritten, ist die vorherrschende Meinung.



"Wahrscheinlich ist dieses Verfahren auch ein Versuch, mehr Druck auf Berlin zu machen, um Unternehmen wie Galeria doch noch zu helfen", vermutet der Geschäftsführer eines HAKA-Lieferanten. Ob das nun realistisch ist oder nicht: Das Problem, dass Privatbanken in dieser Krise nicht für Modefirmen haften wollen und damit die KfW-Kredite außer Reichweite sind, haben viele Unternehmen der Branche. Ein Industrievertreter nennt diesen Punkt gar die "Totengräberaxt" für viele Unternehmen.



An Appellen, komplett auf Staatshaftung umzustellen, fehlt es nicht. Doch dagegen steht bisher auch noch das EU-Recht. "Wir blicken nervös auf die Situation von GKK und fiebern mit, inwiefern die Signa-Gruppe oder nun auch der Staat dem Unternehmen beistehen wird", sagt Brüggemann.

Der Start des Schutzschirmverfahrens sei zwar keine gute Nachricht, heißt es bei einem Wäschehersteller. "Wir gehen aber davon aus, dass Galeria Karstadt Kaufhof durch das Schutzschirmverfahren dem Markt und den Innenstädten erhalten bleibt." Wie andere Unternehmen auch warte man derzeit noch "auf die Kommunikation seitens des Managements und des Sachwalters über den weiteren Fortgang des Verfahrens und zur weiteren Belieferung."

Mit Blick auf die noch nicht vollendete Fusion von Karstadt und Kaufhof sagt Martina Bandte, Geschäftsführerin von Nina von C: "Die Corona-Krise trifft ein Unternehmen in dieser herausfordernden Lage natürlich in einem sehr kritischen Moment." Sie, die auch Präsidentin des Verbandes Gesamtmasche ist, sieht bei Galeria ein "Quasimonopol" für die Produkte ihrer Branche.

Viele ihrer Unternehmen befürchten, "dass mit dem durch die Insolvenz in Eigenverantwortung einhergehenden Sanierungskonzept weitere Forderung in punkto Konditionen und anderen Zugeständnissen auf die Industrie zukommen", so Bandte. Erneute Forderungen bei Konditionen und Preisen, egal von welcher Seite, könnten jedoch "existenzbedrohend sein".

Mehrere Lieferanten anderer Produkte zeigten sich auf TW-Anfrage relativ gelassen, was ihre derzeitige Position gegenüber dem Kunden Galeria betrifft: "Die Kreditversicherung deckt alle unsere bisher erfolgten Lieferungen ab", hört man. Ebenso: "Wir haben Eigentumsvorbehalt, wir sind da safe. Notfalls holen wir halt die Ware aus den Häusern." Nur wird sie nicht gerade aktueller mit jeder Woche, die vergeht.

Auch hier allerdings ist der Wille, weitere Konzessionen bei den Konditionen zu machen, überschaubar. Man wolle zwar grundsätzlich helfen, das Unternehmen zu erhalten, "aber irgendwo ist auch mal Schluss mit den Zugeständnissen."

Galerias Schutzschirmverfahren starte "zu einem Zeitpunkt, der für alle Lieferanten ungünstiger nicht sein könnte“, sagt ein anderer Industrievertreter. Vielleicht sei das Verfahren immerhin ein Anlass, "mal der Wahrheit ins Auge zu sehen. Die Verschmelzung ist immer noch nicht abgeschlossen. Es fehlt das glasklare Konzept." Das spüre man auch bei der Zusammenarbeit. Weitere offene Fragen: "Welches Sortiment will ich zeigen? Welchen Kunden will ich ansprechen?".

Noch kritischer ist ein Vertreter der Schuhbranche. Das Schutzschirmverfahren wundere ihn nicht: "Bei denen war alles auf Kante genäht, das Unternehmen war schlecht aufgestellt. Interessant ist das Konstrukt insofern, als dass die Galeria Karstadt Kaufhof Hauptmieter bei ihrem Eigentümer ist und ich denke, dass das Hauptaugenmerk der Benko-Gruppe auf dem Immobilien-Business liegt.“ Tatsächlich gehört gut ein Drittel der Immobilien der Signa-Gruppe von Gründer Benko, der übrige Teil ist angemietet. Derzeit zahlt Galeria keine Miete.

Ein Hersteller erwartet, dass unter den neu ins Unternehmen gekommenen Sanierern Arndt Geiwitz und Frank Kebekus – im Hauptberuf Insolvenzverwalter – kaum ein Stein auf dem anderen bleiben wird: "Das sind harte Brocken, die mit Sicherheit einiges kaputtschlagen werden." Er erwarte, dass die Führung den Großteil der angemieteten Häsuer schließen wolle. Unter dem Schutzschirm ist das rechtlich durchaus möglich, Verträge können in dieser Sondersituation gekündigt werden – auch die von Mitarbeitern.

Lieferanten und Vermieter würden wohl zunächst um finanzielle Zugeständnisse angegangen werden. Der Lieferant: "Sie nehmen alles Geld, das sie irgendwoher kriegen können."
stats