Sneaker-Händler Mischa Krewer von 43einhalb im Interview

„Die Verknappung könnte erst noch kommen“

43einhalb
43einhalb-Macher Mischa Krewer: „Wir sind seit jeher die positive, nahbare Fraktion und wollen nicht einknicken.“
43einhalb-Macher Mischa Krewer: „Wir sind seit jeher die positive, nahbare Fraktion und wollen nicht einknicken.“

Mischa Krewer führt gemeinsam mit Oliver Baumgart drei Läden, dazu zählen der Sneaker-Store 43einhalb in Fulda und Frankfurt sowie das Konzept Meine Jungs in Fulda. Zu beiden Formaten gehören auch eigene Online-Shops. Wie das Team während der Corona-Krise auf Social Media kommuniziert, wie die Gespräche mit Lieferanten und Vermietern laufen und wie sich Händler gegenseitig unterstützen könnten, erläutert Krewer im Interview.

TextilWirtschaft: Sie sind aktuell im Homeoffice. Wie sieht das bei Ihren Mitarbeitern aus?
Mischa Krewer: Alle Mitarbeiter, die nicht zwingend am Standort sein müssen, sind jetzt im Homeoffice. Für uns war das schon eine Challenge. Unser IT-Mitarbeiter und die externe Firma, die uns hier betreut, hatten extrem viel zu tun. Aber nach zwei, drei Tagen hatten wir alles im Griff und jetzt funktioniert das wunderbar. Videokonferenzen hatten wir vorher ohnehin schon häufiger mit den Lieferanten. Jetzt haben wir gelernt, diese Tools auch für uns noch stärker einzusetzen.


Welche Mitarbeiter müssen zwingend am Standort sein und welche Maßnahmen gelten für sie?
Die Versand- und Foto-Teams sowie die Buchhaltung sind vor Ort, aber wir haben sie in Gruppen unterteilt, die sich in einem 14-tägigen Turnus abwechseln. Auf diese Weise haben wir immer ein B-Team am Start.

Sie sprechen von einem 14-tägigen Wechsel. Auf welchen Zeitraum stellen Sie sich ein?
Es ist natürlich eine der größten Fragen, wie lange diese Situation anhält. Aber wir stellen uns auf einen Prozess ein, der länger dauert als bis zum 19. April.

Arbeiten von zu Hause: So sieht's bei Mischa Krewer aus.
Mischa Krewer
Arbeiten von zu Hause: So sieht's bei Mischa Krewer aus.
Der Sneaker-Markt lebt von permanenten Releases neuer Modelle, die oft auch mit Aktionen im Laden verbunden sind. Lässt sich das alles 1:1 online spielen?
Wir haben die Infos von den Herstellern, dass alles auf die digitalen Kanäle umgestellt werden soll.

Kommen denn überhaupt alle Schuhe rechtzeitig?
Aktuell läuft alles noch wie geplant. Aber bei Sneakern ist die Vorlaufzeit ja sowieso sehr lang, zum Teil liegt sie bei bis zu einem Jahr. Die Verknappung könnte also erst noch kommen. Wann das so weit sein wird, ist auch so ein Thema, hinter dem ein riesengroßes Fragezeichen steht.

Zurück zum Digitalen. Wie kommuniziert 43einhalb aktuell auf Social Media?
Wir haben unter anderem die #homealonestories gestartet und damit unsere Follower dazu aufgerufen, ihre Geschichten, etwa aus dem Homeoffice, mit uns zu teilen. Wir setzen also auf Content zur Unterhaltung. Den ganzen anderen Infos entkommt man ja ohnehin nicht. Wir sind seit jeher die positive, nahbare Fraktion und wollen nicht einknicken.


Was ist in diesen Zeiten ein No-Go?
Wir bringen natürlich immer neben all dem Spaß auch Ernstes auf unserem Kanal. Am 22. März hatten wir beispielsweise anlässlich des Tags des Wassers eine Kooperation mit der Initiative Viva con Agua. Eigentlich war ein Bestandteil der gemeinsamen Kampagne, alle an diesem Tag eingehenden Bestellungen in schon einmal verwendeten Kartons zu verschicken. Das haben wir aber abgeblasen.

Viele Online-Player weisen ja jetzt explizit darauf hin, dass im Lager alle Hygieneregeln eingehalten werden.
Ja, wir haben uns auch umfassend informiert, was wir da alles machen müssen,  beispielsweise beim Robert Koch-Institut und dem Gesundheitsministerium. Schließlich müssen unsere Mitarbeiter auch mit Retouren arbeiten. Denn unser Kerngeschäft – unser Herz und unsere Lunge – muss weiter funktionieren. Letzte Woche war uns das Desinfektionsmittel ausgegangen. Wir haben dann hier eine Apotheke ausfindig gemacht, die das nun selbst herstellt. In solchen Momenten zeigt sich, dass ein lokales Netzwerk Gold wert ist.

Apropos lokales Netzwerk, tauschen Sie sich nun verstärkt mit anderen Händlern aus?
Ich rede mit befreundeten Händlern in Frankfurt und Fulda über die Situation. Außerdem haben sich schon sehr früh deutschland- und sogar europaweite Whatsapp-Gruppen gebildet, in denen man sich informiert und berät. Vor Ort überlegen Oli und ich gerade, wie wir Händlern ohne Online-Shop helfen können, die nicht mal einen DHL-Vertrag haben. Die könnten wir vielleicht in infrastrukturellen Fragen unterstützen. Die hätten ja jetzt Zeit, um ihre Produkte in Shopsysteme wie Shopify einzustellen. Aber hinsichtlich Fotos können wir nur Hilfestellung leisten. Wir können ja nicht unser Team extra in A- und B-Gruppe teilen, um es zu schützen, und dann Externe ins Fotostudio lassen.

Wie stark ist denn das Online-Geschäft noch?
Natürlich haben wir auch im Webshop einen Rückgang gespürt – auch keinen zu niedrigen. Aber ich kann auch verstehen, dass die Verunsicherung der Menschen groß ist und ihnen nicht verübeln, dass sie anderes im Kopf haben. Es ist ja eine privilegierte Situation, dass wir überhaupt weiter arbeiten können.

43einhalb: Aufruf zur Aktion #homealonestories


Wie solidarisch sind Ihre Lieferanten?
Unsere Einkaufsabteilung kümmert sich gerade und muss mit jedem einzeln sprechen. Es lassen aber auch alle mit sich sprechen. Die großen Anbieter wie Nike und Adidas müssen sich natürlich erst mal intern über das Vorgehen abstimmen, die kleineren reagieren sehr schnell. Aber es gibt aktuell keinen, der ungefragt Ware reinballert.

Und wie entgegenkommend sind die Vermieter?
Wir haben sehr früh das Gespräch gesucht und werden uns solidarisch einigen.

Wie haben Sie sich über Maßnahmen informiert, die Sie in dieser Krise ergreifen können, um das Geschäft am Laufen zu halten?
Über unseren Verbundpartner Sport2000 haben wir viele Hilfestellungen bekommen. Die haben in kürzester Zeit sehr viel vorbereitet.

Was halten Sie davon, jetzt den Sale zu pushen?
Für uns ist Sale nicht die Lösung, aber das muss jeder individuell entscheiden. Nur wenn Lieferanten aktuell damit rausgehen, finde ich das schwierig.

Sie hatten vorhin die WhatsApp-Gruppen erwähnt. Wie ist die Stimmung darin?
Also anfangs war es zum Teil schon deprimierend. Immerhin ist in einer Woche so viel passiert wie sonst in einem ganzen Jahr nicht. Aber die Ohnmacht weicht nun wieder täglichen Informationen und einem konstruktiven Austausch. Alles andere bringt auch nichts. Wir sind alle Selfmade-Unternehmer, die mit ihrem Fleiß, ihrer Einstellung und ihrem Netzwerk dort hingekommen sind, wo sie sind. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass es mit Vollgas weitergeht, wenn diese Zwangspause überstanden ist.

Meine Jungs: Wenn schon kein Fußball, dann wenigstens Bier-Bundesliga

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