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Young Professionals über Arbeitgeber und Zukunftspläne

So tickt der Nachwuchs

Stefan Durstewitz
Was zieht junge Frauen und Männer heute in die Modebranche? Und was erwarten Sie von ihren künftigen Arbeitgebern? Wir haben sie gefragt.
Was zieht junge Frauen und Männer heute in die Modebranche? Und was erwarten Sie von ihren künftigen Arbeitgebern? Wir haben sie gefragt.

Mitarbeiter fördern, nachhaltig handeln. Damit können Arbeitgeber bei Young Professionals punkten. Gehalt und Image spielen hingegen für viele bei der Berufswahl nur eine untergeordnete Rolle. Beim Jugend-Kongress Summer School in Mönchengladbach, der von der Wilhelm-Lorch-Stiftung und der Hochschule Niederrhein veranstaltet wurde, haben wir Nachwuchskräfte nach ihren Wünschen und Zielen befragt. Sechs Zukunftsvisionen. Sechs (Um-)Wege in die Branche.

Jovana Rademacher

Jovana Rademacher (32) studiert Produktentwicklung
Stefan Durstewitz
Jovana Rademacher (32) studiert Produktentwicklung
Von der Zytologie zur Mode. Jovana Rademacher arbeitete als Assistentin in der gynäkologischen Krebsvorsorge, doch der Job hat ihr „nicht viel gegeben“. So wagte sie einen Neuanfang und begann ihr Studium Produktentwicklung mit Schwerpunkt Bekleidung. Nach dem Bachelor will sie in den Beruf einsteigen. Nicht nur, weil Rademacher den Master für nicht zwingend nötig hält, sondern auch aus finanziellen Gründen.

Um mit Ende 20 noch ein Studium beginnen zu können, musste die heute 32-Jährige einen Kredit aufnehmen. Doch trotz der Geldsorgen spielt für Rademacher die Gehaltsfrage eine untergeordnete Rolle: „Mittlerweile weiß ich, wie wichtig es ist, mich mit meinem Job identifizieren zu können.“ Für sie ist klar: Der Spaß kommt vor den Finanzen.

Über potenzielle Arbeitgeber informiert sich die Studentin aktiv, etwa bei Jobportalen. „Für ein Fast Fashion-Unternehmen will ich auf keinen Fall arbeiten“, antwortet sie auf die Frage nach ihren Anforderungen. Stattdessen für ein Label, das auf Qualität setzt, anstatt „den Markt mit 20 Kollektionen im Jahr zu überschwemmen“. Das Praxissemester verbrachte sie bei Hugo Boss im Pattern-Design. Und würde gerne wiederkommen.

Markus Bünnemeyer

Markus Bünnemeyer (24) studiert Bekleidungstechnik
Stefan Durstewitz
Markus Bünnemeyer (24) studiert Bekleidungstechnik
TextilWirtschaft: Wieso haben Sie sich für die Modebranche entschieden?
Markus Bünnemeyer:
Mein Interesse für die Mode kam relativ spät. Ich habe erst einen Bachelor auf Lehramt gemacht, mich dann aber nicht als Lehrer gesehen. Während meines ersten Studiums habe ich das Buch „Der Fashion-Rath“ von Thomas Rath gelesen. Es hat mir gezeigt, wie viel wir durch Kleidung ausdrücken. So kam der Stein ins Rollen und ich bin letztendlich bei der Hochschule Niederrhein gelandet.

Fühlen Sie sich durch das Studium gut auf die Herausforderungen in der Modebranche vorbereitet?
Die Digitalisierung etwa wird im Studium nur angeschnitten. Da ich mich privat viel mit dem Thema beschäftige und selbst programmiere, fühle ich mich hier aber recht gut vorbereitet. Für Nachhaltigkeit hat mich das Studium definitiv sensibilisiert. Da man Sustainability nicht unabhängig, sondern im jeweiligen Kontext betrachten sollte, fehlt mir hier kein separates Fach im Lehrplan. Allerdings sollte Nachhaltigkeit in allen Vorlesungen noch stärker thematisiert werden.

Was ist ihr Berufswunsch?
Ich habe den Schwerpunkt Bekleidungsmanagement und würde nach dem Studium gerne ins Produktmanagement einsteigen. Allerdings im administrativen Bereich, denn ich bin ein Zahlenmensch. Am meisten reizt mich die klassische Herrenmode. Wenn die Produkte meinem persönlichen Geschmack entsprechen, kann ich mich sicher noch besser einbringen.

Wie wichtig ist Ihnen das Gehalt bei der Jobwahl?
Es gibt für mich schon eine Untergrenze. Aber gerade am Anfang des Berufslebens ist der Lerneffekt viel wertvoller, als am Ende des Monats 200 Euro mehr auf dem Konto zu haben

Alina Schmeller

Alina Schmeller ist 20 Jahre alt und studiert dual BWL
Stefan Durstewitz
Alina Schmeller ist 20 Jahre alt und studiert dual BWL
Von klein auf besuchte Alina Schmeller Modemessen und war bei der Vororder für die Boutique ihrer Mutter stets mit dabei. Nun hat es auch sie in die Mode verschlagen: Die 20-Jährige studiert derzeit dual BWL mit integrierter Ausbildung zur Industriekauffrau bei Frank Walder und Tuzzi.

Bei einem Familienunternehmen, wie sie hervorhebt. Das hat sie bei der Jobsuche besonders angesprochen. Ebenso die Tatsache, dass die Münchberger „als eine der wenigen deutschen Firmen nicht in Drittländern, sondern in Europa produzieren.“ Genauer gesagt: in Rumänien und Bulgarien. Für einen namenhaften Konzern zu arbeiten, ist Schmeller nicht wichtig. Allerdings muss ihr Arbeitgeber ein sauberes Image haben.


Ein No-Go am Arbeitsplatz: Chefs, die nicht voll und ganz hinter ihrem Team stehen. Außerdem erwartet Schmeller, dass Vorgesetzte ihre Mitarbeiter fördern: „Es ist schlimm, wenn Kollegen heute auf dem Stand von vor 40 Jahren sind.“ Viel Luft nach oben sieht die Studentin in puncto Digitalisierung. Bei Frank Walder und Tuzzi kann sie regelmäßig an Workshops zu digitalen Prozessen teilnehmen und wünscht sich, noch genauer über die Strategien des Unternehmens ins Bild gesetzt zu werden. Verständnis für die langsamen Entwicklungsschritte hat sie dabei durchaus: „Firmen dürfen bei all dem Tatendrang das operative Geschäft nicht aus den Augen verlieren.“ Die Digitalisierung müsse mit Bedacht geschehen.

Ein straffes Programm statt typischem Studentenleben. Schmeller wechselt zwischen Uni, Berufsschule und Arbeitsplatz. Gerade hat ihr praktisches Semester begonnen, das sie ausschließlich bei Frank Walder und Tuzzi verbringt. Hier durchläuft sie von der Buchhaltung bis hin zum Einkauf alle Abteilungen. Auf lange Sicht sieht sie sich etwa im Marketing.

In zweieinhalb Jahren ist Schmeller mit dem Studium fertig und würde gerne bei Frank Walder und Tuzzi bleiben, wenn ihr eine gute Stelle angeboten wird. Die Chancen stehen nicht schlecht: „Unsere Übernahmequote ist sehr hoch.“

Die Teilnehmer der Summer School über den gemeinsamen Austausch und die Digitalisierung

Martin Pickartz

Der 28-jährige Martin Pickartz hat sein Chemie-Studium wieder aufgenommen
Stefan Durstewitz
Der 28-jährige Martin Pickartz hat sein Chemie-Studium wieder aufgenommen
Martin Pickartz glaubt nicht an klassische Werdegänge. Entsprechend sieht sein Lebenslauf aus: ein abgebrochener Chemie-Bachelor, eine Ausbildung zum Fachinformatiker, nun hat es ihn in die Mode verschlagen. Sein Interesse für Textilien erwachte, er zur IT-Weihnachtsfeier zum ersten Mal ein Hemd mit Ärmellänge 69 anprobierte und die Bedeutung des richtigen Schnitts erkannte.

Pickartz beginnt, sich einzulesen. Vom Office-Look kommt er schnell zur Funktionsbekleidung. Mittlerweile führt er unter Sewmuchblack einen eigenen Blog und Youtube-Kanal, wo er Produkt-Reviews veröffentlicht. Zudem verkauft er über Etsy selbst gefertigte Gürtel und baut sich Stück für Stück eine Selbstständigkeit auf. Das Ziel: funktionale Bekleidung optimieren. Sein Augenmerk liegt auf personalisierten Schnittmustern.

Aktuell beendet Pickartz sein Chemiestudium und will danach einen Master machen – Fachgebiet unbestimmt. Was danach kommt, ist noch unklar: Vielleicht freier Journalist oder Produktentwickler. Auch eine beratende Tätigkeit ist denkbar. Und zwar für flexible Firmen, die sich Innovation auf die Fahne geschrieben haben.

Amelie Kaletha

Amelie Kaletha ist 23 und macht eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel
Stefan Durstewitz
Amelie Kaletha ist 23 und macht eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel
TextilWirtschaft: Weshalb haben Sie sich für AppelrathCüpper entschieden?
Amelie Kaletha:
Ich habe mich im Vorfeld darüber informiert, welche Firmenbereiche es gibt – gerade mit Hinblick auf künftige Weiterbildungsmöglichkeiten. Man will ja nicht jedes Jahr das Unternehmen wechseln, um sich entwickeln zu können. Am wichtigsten war aber, dass ich mich im Team wohlfühle und gerne zur Arbeit gehe. Ausschlaggebend waren daher meine Probearbeitstage in der Filiale in Münster.

Im Einzelhandel fehlt es zunehmend an Fachkräften. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Das niedrige Gehalt und die Arbeitszeiten spielen da sicherlich eine große Rolle. Hinzu kommt, dass viele Leute auf den Beruf des Verkäufers herabschauen. Um das zu ändern, müssten Unternehmen klarer herausstellen, wie viel Fachwissen zu dieser Tätigkeit gehört und dass die Mitarbeiter nicht nur den ganzen Tag an der Kasse stehen. Beispielsweise steckt hinter jedem Verkaufsgespräch auch viel Psychologie. Allgemein habe ich das Gefühl, dass in meiner Generation eine Ausbildung viel weniger Wert ist als ein Studium. Die praktische Erfahrung spielt oft keine große Rolle und die Weiterbildungsmöglichkeiten werden außer Acht gelassen. Daher müssen nicht nur Unternehmen klarer über Berufe informieren, das sollte bereits in der Schule beginnen.

Haben auch Sie sich im Vorfeld mit der Entscheidung für die Ausbildung im Einzelhandel schwer getan?
Gerade über die Arbeitszeiten habe ich mir viele Gedanken gemacht. Daran musste ich mich auf jeden Fall gewöhnen und ich habe auch bewusst ein Unternehmen gewählt, dessen Läden nur bis 19 Uhr geöffnet haben. Bei Schichten beispielsweise bis 22 Uhr wäre ich nicht glücklich geworden. Die Ausbildungsvergütung im Einzelhandel ist schon in Ordnung, man kann überleben (lacht). Und das ist ja nur temporär mit anschließend vielen Möglichkeiten, aufzusteigen und dementsprechend auch mehr zu verdienen. Mein Weg ist nach der Ausbildung jedenfalls nicht vorbei.

Sehen Sie Ihre berufliche Zukunft also nicht auf der Fläche?
Während der Zeit im Verkauf wurde mir klar, dass mir auch administrative Aufgaben liegen. Daher möchte ich nach meiner Ausbildung ein duales Studium in Richtung Personalmanagement beginnen. Dafür würde ich gerne bei AppelrathCüpper bleiben und in die Zentrale in Köln wechseln. Neben dem Studium weiterzuarbeiten ist mir sehr wichtig. Und ich denke, ich habe gute Übernahmechancen. Unser Unternehmen ist allgemein bemüht, motivierte junge Mitarbeiter zu halten und ihnen verschiedene Optionen aufzuzeigen. Ich habe viele Gespräche über die Zukunft und es gibt immer ein offenes Ohr – sowohl bei meinem Azubi-Paten als auch bei den Vorgesetzten.

Sie kommen aus Düsseldorf, arbeiten in Münster und visieren Köln an. Allesamt überschaubare Entfernungen. Könnten Sie sich auch vorstellen, für einen Job weiter wegzuziehen?
Für mich wäre ein größerer Umzug überhaupt kein Problem. Es wird ja sowieso alles immer unbestimmter, gerade in Bezug auf den Wohnort. Das liegt sicher zum einen am aktuellen Studiensystem, zum anderen aber auch an der Einstellung der jungen Leute. Viele wollen sich nicht festlegen und alle Möglichkeiten nutzen. Man sucht sich nicht mehr erst die Stadt aus, sondern erst den Job.

Franziska Trappe

24 Jahre alt und bereits seit einem Jahr als Designerin tätig: Franziska Trappe
Stefan Durstewitz
24 Jahre alt und bereits seit einem Jahr als Designerin tätig: Franziska Trappe
Im Privatleben ist Franziska Trappe Sustainability sehr wichtig. Und im Beruf? Die Jung-Designerin entwickelt Kollektionen für Discounter bei dem Design-Dienstleister Korn Fashion Concept in Holzwickede. „Da ist Nachhaltigkeit schon ein brisantes, aber anders als öffentlich wahrgenommen durchaus präsentes Thema“, sagt sie. Und spielt bei ihrer Arbeit daher täglich eine Rolle.

Neue Technologien wie 3D-Programme hingegen weniger. Trotzdem ist die Fashion Management-Absolventin überzeugt: „Die 3D-Entwicklung wird den Beruf des Produktdesigners langfristig stark verändern – hin zum Entwickler.“ Ihr Studium in Wiesbaden hat sie auf diese Anforderungen nicht vorbereitet. Daher will sie sich neben dem Beruf weiterbilden.

Ihre Chefin unterstützt ihre Ambitionen. „Wir sind uns einig, dass wir immer wieder über den Tellerrand blicken und uns weiterentwickeln müssen“, so Trappe. Die 24-Jährige will Karriere machen., ihr Berufswunsch ist Head of Design. Viele Überstunden wären für sie kein Kündigungsgrund: „Für ein Projekt, das mir Spaß macht, regelmäßig länger zu bleiben, würde mich nicht weiter stören.“
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