Sondergutachten des Sachverständigenrats zur Corona-Pandemie

Wirtschaftsweise: Nachfragerückgang für Bekleidung von 30%

In einem Sondergutachten prognostitziert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung durch die Corona-Pandemie einen massiven Wirtschaftseinbruch in Deutschland. Die Wirtschaftsleistung könnte auf Jahressicht um mehr als 5% einbrechen. Auch den Nachfragerückgang für Bekleidung beziffern die Wirtschaftsweisen in ihrem Gutachten.

Demnach geht der Sachverständigenrat im derzeit wahrscheinlichsten Basisszenario davon aus, dass die Nachfrage nach Bekleidung um 30% sinken wird. Diese Zahl bezieht sich auf den Zeitraum Mitte März bis Mitte Mai. Wie ELektronik sei Bekleidung eine Kategorie, "die einen nicht unerheblichen  Onlinehandelsanteil" aufweise und deswegen mit einem weniger starken Nachfragerückgang zu rechnen sein. Am stärksten getroffen sei die Reisebranche, hier erwarten die Wirtschaftsweisen einen Nachfragerückgang von 90%, bei Verpflegungs-, Freizeit- und Kulturdienstleistungen gehen sie von 75% aus. Die Berechnungen beziehen sich auf den Zeitraum bis Mitte Mai, obwohl viele Verbote seitens des Staates derzeit aber bis Mitte April gelten. Es sei aber denkbar, so der Sachverständigenrat, dass es darüber hinaus zumindest teilweise noch Einschränkungen geben wird. Viele Aktivitäten dürften zudem nicht sofort wieder in demselben Ausmaß stattfinden wie vor dem Corona-Ausbruch, sondern es dürfte zu gewissen Verzögerungen kommen. "Daher wird zur Abschätzung der Folgen für das BIP-Wachstum unterstellt, dass die Einschränkungen von Mitte März bis Mitte Mai anhalten", heißt es im Gutachten weiter.

Drei Szenarien, Rezession unausweichlich

Was die Corona-Pandemie für die deutsche Wirtschaft insgesamt bedeutet, lässt sich laut der Wirtschaftsweisen derzeit nur schwer absehen. "Die wirtschaftliche Entwicklung hängt von Ausmaß und Dauer der gesundheitspolitischen Maßnahmen und der darauf folgenden Erholung ab." Hierzu analysiere der Sachverständigenrat drei Szenarien. In allen drei Szenarien beendet die Ausbreitung des Corona-Virus die sich abzeichnende konjunkturelle Erholung abrupt, sodass eine Rezession im ersten Halbjahr 2020 in Deutschland nicht zu vermeiden sein wird.
  • Im Basisszenario erwartet der Sachverständigenrat für das Jahr 2020 ein jahresdurchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von minus 2,8 %. Im Jahr 2021 könnte das BIP um 3,7 % steigen. Dieses sei angesichts der aktuellen Lage das wahrscheinlichste Szenario.
  • Zum Risikoszenario mit einem Verlauf in Form eines ausgeprägteren V käme es etwa bei großflächigen Produktionsstilllegungen oder länger andauernden gesundheitspolitischen Maßnahmen. Aufgrund des stärkeren Einbruchs im ersten Halbjahr ergäbe sich in diesem Szenario ein BIP-Wachstum im Jahr 2020 von minus 5,4%. Im Jahr 2021 könnten Aufholeffekte dafür sorgen, dass das BIP um 4,9% wächst, wozu insbesondere der hohe statistische Überhang beitragen würde.
  • Das Risikoszenario in Form eines langen U könnte eintreten, wenn die gesundheitspolitischen Maßnahmen über den Sommer hinaus andauern und die wirtschaftliche Erholung sich erst im Jahr 2021 einstellt. Die getroffenen Politikmaßnahmen reichen dann womöglich nicht aus, tiefgreifende Beeinträchtigungen der Wirtschaftsstruktur zu verhindern. Verschlechterte
    Finanzierungsbedingungen und eine verfestigte Unsicherheit könnten zudem
    Investitionen bremsen und zu Kaufzurückhaltung bei Haushalten führen. Das Wachstum im Jahr 2020 würde in einem solchen Szenario minus 4,5 % betragen. Im Jahr 2021 würde die Wirtschaftsleistung mit 1,0 % nur sehr langsam wachsen.
„Wir gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft stark beeinträchtigen wird“, sagt Lars P. Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrates. „Dabei ist die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung aufgrund der außergewöhnlichen Situation und der schwierigen Datenlage enorm.“
stats