Schließen
The Spin
What you need to know in global fashion. Sign up now!
 
Sourcing Frühjahr 2021

Das Virus, die Termine, die Preise − heiße Diskussionen auf den Stoffmessen

Milano Unica
Wer leistet sich hochwertige Wolle? Eine entscheidende Frage für viele Mainstream-Anbieter.
Wer leistet sich hochwertige Wolle? Eine entscheidende Frage für viele Mainstream-Anbieter.

Das Virus. Die Termine. Die Preise. Die Stoffmessen in München und Mailand boten reichlich Stoff für Gespräche. Nicht nur über die Kollektionsinhalte. Ein Fokus auf drei Themen.

Die Stoffmessen Munich Fabric Start in München sowie die Milano Unica in Mailand sorgen nach den Termin-Clash für viel Diskussionsstoff. Die Aufregung über das zeitgleiche Stelldichein der Messen wurde allerdings überlagert von Corona-Angst und Preisdruck. Die Modeanbieter sind auf der Suche nach Innovation, Kreativität, Performance, Nachhaltigkeit - am besten zum gleichen Preis. Große Herausforderungen für die Stoff-Produzenten und Fashion-Macher. Die drei Fokusthemen der Messen für die Kollektionen zum Frühjahr 2021 in der Analyse.

Fokus Coronavirus

„Wir hängen alle am Tropf. Es kommt doch alles aus China.“ So erklärt Enrico Tomassini von Angels seine Sorgen rund um das Thema Coronavirus. Rohstoffe, Garne, Farben, Drucke, Chemikalien – bis hin zu kompletten Produktionen. Robert Küper von Betty Barclay hat sich als erstes darum gekümmert, ob das Virus über die Modeprodukte gefährlich für seine Belegschaft sein kann. In dem Punkt gibt es Entwarnung. Das sei für ihn das Wichtigste gewesen. Ansonsten jedoch steht alles auf dem Prüfstand. Die Kollektionen von der DOB-Linie Zero etwa seien auf Containern unterwegs, die Lieferungen in die Läden bis Mai gesichert. Und darüber hinaus? Da gibt es viele Fragezeichen.

Viele Unternehmen schauen sich in Europa nach Alternativen um, auch Optionen in der Türkei und Nordafrika werden eruiert. Schließlich gilt es, einen Plan B in der Tasche zu haben. Doch den gibt es nicht immer. Vor allem Sportswear-Kollektionen, Anbieter von Nylon-Jacken, Strick und Jerseys sind vom Stillstand in China betroffen. „Das Volumen kann keiner auffangen oder kompensieren“, sagt Frank Weber von Velcorex. Hinzu kommt: Die Kalkulationen und Preise für die Herbstware stehen fest. Sourcing oder Produktion in Europa hätten zwangsläufig Preissteigerungen zufolge. Das Team von De Ball produziert Teddymäntel für Lieferungen ab Juni aus China. Alternative Produktionen gebe es nicht. Man könne jetzt nur hoffen, dass sich die Gesundheitslage schnell entspanne.

Das Virus erwischt die Branche mitten in der Reisezeit. Denn jetzt gilt es, die Produktionen für den Herbst anzuschieben und gleichzeitig die neuen Frühjahrs-Kollektionen für 2021 auf den Weg zu bringen. Nun hat die Situation in China vielen Produktmanagern einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Wir haben unsere Termine in Shanghai und Hongkong abgesagt“, sagt Ralf Wittenbernds von Camel active. „Viele Lieferanten schicken uns nun Pakete zu, aber der direkte, persönliche Austausch fehlt einfach, was unsere Arbeit wirklich erschwert.“ Das findet auch Marten Schulze von S4 Jackets: „Man muss mit seinem gesamten Team einfach noch viel schneller und flexibler sein“, sagt er.

Vielerorts behilft man sich damit zu telefonieren, es digital zu versuchen. Auf der Messe Munich Fabric Start fehlten im Asia Salon zehn chinesische Aussteller, die nicht ausreisen konnten. Weitere 50 haben den Weg zwar geschafft, mussten dann aber feststellen, dass sich nur sehr wenige Besucher in den Asia Salon trauten. „Es herrscht einfach eine große Verunsicherung über eine mögliche Ansteckungsgefahr und keiner möchte sich unnötig einem Risiko aussetzen“, sagt ein Menswear-Produktmanager. Bedenken mit Blick auf das Virus gab es auch bei den Veranstaltern der Munich Fabric Start: „Wir hatten ernsthaft überlegt, die Messe abzusagen“, sagt Geschäftsführer Sebastian Klinder. Man habe sich dann aber nach sorgfältiger Abwägung dagegen entschieden.

Bei den Bielleser Wollwebern auf der Idea Biella, dem Part der Mailänder Stoffmesse Milano Unica, der sich vornehmlich den Premium- und Luxus-Tuchen widmet, war die Situation dagegen etwas entspannter, obwohl auch in den Hallen der Messe Rho vor den Toren der Stadt an Desinfektionsgeräten und kleinen Tüchern zum Händereinigen nicht gespart wurde. Wohl dem, der die Garne und Tuche in Italien produziert und dessen Kunden ebenfalls größtenteils aus Europa kommen.

Sorge dürften den Webern hingegen die starke Asien-Bezogenheit ihrer Luxus-Kunden machen, die einen großen Teil ihrer Umsätze mit den kaufkräftigen Fashion-Konsumenten in Asien machen. Die Designerbrands, die ihre Woll-Stoffe vor allem bei den Ausstellern der Milano Unica ordern, machen durch die Bank einen signifikanten Part ihrer Erlöse in China. Von teilweise über 30% ist die Rede.  „Momentan gibt es kaum Auswirkungen wegen des Virus, aber was passiert, wenn die asiatischen Konsumenten künftig weniger Mode kaufen?“, fragt sich Fabio Tallia Galoppo, Chef der Weberei Lanificio di Fabio mit Blick auf die oft im Luxusgenre positionierten Kunden der Weber aus dem norditalienischen Biella.

Fokus Termin-Hickhack

Ein Tag München, zwei Tage Mailand oder umgekehrt. Es war nicht das erste Mal, dass sich Produktmanager und Designer genau überlegen mussten, welche Messe sie besuchen. Vor allem die Menswear war von der zeitgleich laufenden Munich Fabric Start und Milano Unica betroffen. „Einige Teams großer Menswear-Marken sind direkt geschlossen nach Mailand gereist“, sagt Gerhard Leitner von Getzner. Das auf Hemdenstoffe spezialisierte Unternehmen war mit einem Messestand in München und Mailand präsent. Nicht nur viele Verkaufsteams mussten aufgeteilt werden, auch Kreativteams mussten genau überlegen, wer wie viel Zeit wo verbringt. „Dass in München und Mailand zeitgleich Messen stattfinden ist ärgerlich, ineffizient und kostenintensiv für Aussteller wie für die Besucher“, so der Tenor viele Menswear-Aussteller in München.

Doch offenbar werden Terminüberschneidungen immer häufiger vorkommen. Erst recht, als in dieser Woche die Première Vision ihre neuen Pläne für 2021 enthüllte. Die Pariser Messe zieht den September-Termin auf Anfang Juli. Dorthin, wo bislang die Milano Unica angesiedelt ist. In der Tat wurde vor allem von den Herrenmode-Spezialisten die PV in Paris immer als viel zu spät eingeschätzt. Man kann davon ausgehen, dass sich Mailand und Paris einen Kampf liefern werden. Schließlich kommt die größte Ausstellergruppe der PV nach wie vor aus Italien.

Und die Messe in Mailand wird die Landsleute eindringlich bitten, doch ihre Heimatmesse zu stärken. Während der Idea Biella auf der Milano Unica in Mailand zeigen sich die Aussteller angesichts der neuen Terminlage selbstsicher. Der starke Fokus auf luxuriöse, innovative Woll-Stoffe, insbesondere für die Menswear, verschafft der Plattform einen nicht zu unterschätzenden USP. „Für die Kunden aus dem Luxusgenre ist die Messe ein wichtiger Anlaufpunkt“, sagt Carlo Piacenza vom Cashmere-Anbieter Piacenza.

Jedoch gilt Paris als die internationalste Veranstaltung. Wichtig für alle Bereiche bis hin zur Couture, sodass weltweit die Designer hierhin pilgern. Ein Gewinner aus dem Streit könnte die Munich Fabric Start sein, denn deren Macher wollen offenbar den September-Termin beibehalten und könnten dann ein Vakuum füllen. „Die letzten neuen Ideen für die Kollektion sind meistens die besten Trends“, sagt Geschäftsführer Sebastian Klinder.

Fokus Innovation und Preise

In der Regel kostet Nachhaltigkeit. Und damit hört das Interesse vieler Kunden meist auf, heißt es von vielen Ausstellern in München. „Alle sprechen über den Mega-Trend, doch welche Konsequenzen er für das Sourcing hat, damit will sich keiner beschäftigen“, sagt Thomas Müller, Geschäftsführer der Textil-Agentur Max Müller. „Über mehr als eine nachhaltige Kapsel-Kollektion geht das Engagement meist nicht hinaus“, sagt Müller mit Blick auf Bereitschaft der Labels, in das Thema zu investieren. Je nach Einstellung der Unternehmen sind dann manchmal 30 Cent mehr pro Meter Stoff schon zu viel. Anke Küpper Welzel von Backstage hingegen sagt: „Uns geht es nicht um den letzten Cent. Unsere Kundin erwartet Wertigkeit und nachhaltige Produktion. Dafür stehen wir.“ Viele große Unternehmen tun sich damit noch schwer. Das betonen die neu eingesetzten Experten, die sich rund um die Trend-Foren der Munich Fabric Start den Fragen der Besucher stellen. Da offenbart sich, dass sich noch nicht alle Unternehmen eingehend mit der Thematik beschäftigt haben. Die Agenten des türkischen Anbieters Kivanc freuen sich über guten Zuspruch, da ihre recycelten Polyester-Produkte nicht mehr kosten. Das ist jedoch die Ausnahme.

Auch auf der Milano Unica geht man das Thema Nachhaltigkeit offensiv an. „Wir haben eine klare Sustainability-Strategie für die Felder Produkt, Prozess, Umwelt und auch beim sozialen Miteinander im Unternehmen auf den Weg gebracht“, sagt Werner Lampka, Sales Manager von Lanificio Cerruti. „Es ist eines der wichtigsten Themen derzeit und ein Treiber auch für die Innovation in der Kollektion.“

Bei all den Herausforderungen in puncto mehr Nachhaltigkeit, mehr Kreativität und mehr Performance bei den Stoffen ist das Stöhnen aufgrund der hohen Preis-Sensibilität vieler deutscher Kunden auf den Gängen der Messen nicht zu überhören. Bei einem durchschnittlichen Preis von etwa 15 Euro für den Meter hochwertige Wolle aus Biella können nur wenige deutsche Anbieter zugreifen. Mailand steht für die Highlights, für die Kollektionsaussage und für die Key-Looks, ist bei meist aus München direkt weiter nach Mailand angereisten Produktmanagern zu hören. Besonders die in Deutschland dominierende Baukasten-Klassik, der Bereich der Stoffe für Anzug-VK-Preislagen bis zu 399 Euro, steht unter Umsatz- und Preisdruck. „Umso wichtiger ist es, emotionale Botschaften zu senden und den Kunden stoffliche Brillanz schmackhaft zu machen“, sagt Luca Trabaldo Togna, Chef der gleichnamigen Weberei.

stats