Strukturwandel hat Hansestadt voll erfasst

Bremen: Innenstadt-Modehandel schrumpft weiter

Wirtschaftsförderung Bremen/Studio B
Die Bremer Innenstadt hat in den vergangenen Jahren zahlreiche namhafte Modehändler und Marken verloren.
Die Bremer Innenstadt hat in den vergangenen Jahren zahlreiche namhafte Modehändler und Marken verloren.

Im stark schrumpfenden Bremer Mode-Einzelhandel gibt es drei große Veränderungen: H&M schließt die Filiale in der Sögestraße. Und C&A zieht im Oktober vom Hanseatenhof in die Obernstraße 82-88 (siehe Karte). Vormieter ist der Fast Fashion-Filialist Zara, der die City der Hansestadt gleich ganz verlässt.

Beide Standorte befinden sich in der Bremer Innenstadt. Die neue C&A-Filiale wird mit 3500m² aber deutlich kleiner sein als die alte, die sich über 1900m² erstreckt. „C&A optimiert sich mit Blick auf Lage, Zuschnitt und Größe der Mietflächen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Immobilienunternehmens Savills, das den Mietvertrag zwischen C&A und dem Eigentümer Deka Immobilien vermittelt hat.


„Der Bezug einer modernen und angemessenen Fläche in besserer Lage, die den hohen Anforderungen des Händlers gerecht wird, spiegelt den aktuellen Trend der Konsolidierung und Kompaktheit im Einzelhandelssegment wider“, erläutert Daniel Kroppmanns, der bei Savills als Director Retail Agency tätig ist.  C&A selbst betont, mit dem Umzug „gezielt auf die Wünsche unserer Kundinnen und Kunden in Bezug auf Einkaufserlebnis, Filialgröße und Nachhaltigkeit“ zu reagieren.

C&A setzt am neuen Standort das neue Filialkonzept um, das im September vergangenen Jahres in Berlin seine Premiere feierte und ein „völlig neues Einkauferlebnis“ ermöglichen soll. Dieses wollen die Düsseldorfer u.a. mit großformatigen LED-Screens und Videoprojektionen schaffen, die die Kunden inspirieren und Orientierung bieten sollen. Hinzu kommt ein Design-Studio, in dem Kunden ihre eigene Kleidung gestalten können.

Ein weiterer Grund für den Umzug dürfte der Spar- und Schrumpfkurs der jüngsten Vergangenheit sein. Schon vor der Covid-19-Krise, im Januar 2020, hatte der Modehändler der TextilWirtschaft Pläne für die Schließung von 13 Geschäften in Deutschland bestätigt. Zudem standen rund 30 Stores in Frankreich auf der Kippe. Im Februar verkaufte C&A seine 77 Geschäfte in 42 mexikanischen Städten an das örtliche Handelsunternehmen Grupo Axo. Ein halbes Jahr später stieß die Eigentümerfamilie Brenninkmeijer das Chinageschäft von C&A ab.

In Deutschland leidet der Modehaus-Filialist seit Jahren unter rückläufigen Umsätzen. 2019 sanken die Erlöse nach Schätzung der TextilWirtschaft um 2,9% auf rund 2,2 Mrd. Euro.

H&M macht Store in der Sögestraße dicht

Während C&A seinen Standort in der Bremer Innenstadt verkleinert, nimmt der Wettbewerber H&M gleich ganz Reißaus. Der schwedische Modekonzern schließt im Oktober seinen Store in der Sögestraße.

Der Fast Fashion-Spezialist begründet die Entscheidung mit gescheiterten Mietverhandlungen. „Trotz langer Verhandlungen ist es uns leider nicht gelungen, eine Miete zu verhandeln, die in einem gesunden Verhältnis zu unserem Umsatz in unserem Geschäft in der Bremer Sögestraße steht.“ Das Statement lässt vermuten, dass H&M die Miete drücken wollte, was in Corona- und Shutdown-Zeiten nichts Ungewöhnliches ist.

Von der Schließung sind 27 Mitarbeiter betroffen. H&M will davon möglichst viele in anderen Filialen beschäftigen. Dazu müssen sich die Angestellten aber selbst auf freie Stellen bewerben. „Um den Bewerbungsprozess einfacher zu gestalten, haben wir für unsere Kolleg:innen ein Kurzbewerbungsformular etabliert. Zudem bieten wir Sprechstunden an, um im Bewerbungsprozess zu unterstützen und alle offenen Fragen zu beantworten“, teilt eine Konzernsprecherin auf Anfrage Textilwirtschaft mit und betont zugleich, dass es keine Schließungspläne für die Geschäfte in der Bremer Obernstraße und in Bremerhaven gebe.

H&M hatte im Oktober 2020 Jahres angekündigt, in diesem Jahr 350 Stores weltweit zu schließen. Dem stehen nur rund 100 neue Öffnungen gegenüber. Auch H&M leidet stark unter der Corona-Krise: In den ersten neun Monaten des vergangenen Geschäftsjahres sanken die Umsätze um 21% auf 134,48 Mrd. Kronen (12,81 Mrd. Euro). Der Verlust belief sich auf 1,85 Mrd. Kronen.

Der Konzern verlagert sein Geschäft immer mehr ins Internet: In den ersten drei Quartalen stiegen die Online-Umsätze um 34% und standen damit für 26% der Gesamterlöse. Das erklärt, warum für das Unternehmen immer mehr Filialen verzichtbar werden. Erst recht dann, wenn sich die Mieten nicht senken lassen.

Zara konzentriert sich auf den Weserpark

Beim C&A-Vormieter Zara sollte die Miete sogar erhöht werden, heißt es aus Unternehmenskreisen. Da die anschließenden Verhandlungen zu keiner Einigung geführt hätten, habe die Inditex-Mutter entschieden, sich auf ihren Standort im Einkaufszentrum Weserpark zu konzentrieren, das in einem Gewerbegebiet an der Peripherie der Hansestadt liegt. Der Store in der Obernstraße wurde vor wenigen Tagen geräumt. 

Mit dem Wegzug von H&M und Zara nimmt der Modehändler-Exodus in der Bremer Innenstadt bedenkliche Ausmaße an. Im vierten Quartal 2020 haben folgende Einzelhändler aufgegeben oder ihre Standorte in der City dicht gemacht:

  • Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof hat im Oktober 2020 seinen Standort in der Papenstraße geräumt. Kürzlich gab auch der Lebensmittelhändler Edeka seine Fläche im Hanseatenhof. Somit sitzt nur noch Saturn in der Immobilie. Der Elektronik-Filialist bekommt erst im August Gesellschaft. Dann zieht das Möbelhaus Opti ein, berichtet die Lokalzeitung Weser-Kurier. Demnach wird die ehemalige Galeria Kaufhof-Fläche derzeit für 3,5 Mio. Euro umgebaut.
  • Gerry Weber hat im Rahmen seines Sanierungsprogramms den Store in der Obernstraße aufgegeben. Die 817m² große Verkaufsfläche wird schon bald von der Firma Fairtragen bespielt, die sich Ende November 2020 in einem Concept-Store-Wettbewerb der Wirtschaftsförderung durchsetzen konnte.
    Fairtragen will nach Ende des Shutdowns unter dem Namen Ekofair ein „feines, feines Kaufhaus“ eröffnen, dessen Sortiment aus nachhaltigen und hochwertigen Produkten der Bereichen Textil, Wohnaccessoires, Möbel, Schmuck, Naturkosmetik und Lebensmittel bestehen soll. Der Bremer Senat unterstützt das Projekt mit einem Zuschuss von insgesamt 70.000 Euro für die Innenausstattung (50.000) und Personalkosten 20.000 Euro). Hinzu kommt eine Mietbefreiung für 13 Monate.
  • Der polnische Schuhfilialist CCC hat seinen Laden in der Hutfilterstraße geschlossen.
  • Der Jackenhersteller Wellensteyn hat sich verkleinert und ist von der Knochenhauerstraße in die Obernstraße umgezogen.
  • Der Schuhfilialist Görtz hat seine Filiale in der Obernstraße 22 dicht gemacht. „Mit der Übernahme der zwei ehemaligen Roland-Filialen sind wir aber weiterhin gut in Bremen aufgestellt“, teilt eine Unternehmenssprecherin mit. Ein Geschäft befindet sich in der Obernstraße 62/66.
  • Das auf exklusive Schuhmode spezialisierte Geschäft Reiner Hautop in der Carl-Roning-Straße schloss Ende 2020 nach 35 Jahren endgültig seine Tore, da Inhaber Reiner Hautop in den Ruhestand gehen wollte. Die Suche nach einem Nachfolger verlief ergebnislos. Gut informierten Händlerkreisen zufolge soll in den Laden ein Anbieter für Herrenmode einziehen.
  • Bereits im November hat das inhabergeführte Schuhhaus Meineke, das seit 2004 in der Sögestraße 56 ansässig und mit seiner 129-jährigen Geschichte zu den ältesten inhabergeführten Einzelhandels-Fachgeschäfte in Bremen gehört, seinen City-Standort aufgegeben. Für die beiden Filialen am ursprünglichen Stammsitz in Vegesack konnte das Inhaber-Ehepaar Klaus und Karin Petry immerhin Nachfolger finden.
    Die Suche nach einem Nachmieter in der Bremer Innenstadt gestaltet sich offenbar schwierig. Schließlich hat die Wirtschaftsförderung Bremen am 1. Januar einen Wettbewerb gestartet, bei dem Pop-up-Store-Konzepte für drei leerstehende Ladenflächen gesucht werden. Darunter befindet sich auch der einstige Meineke-Store. Der Gewinner kann die 360m² große Verkaufsfläche zehn Monate lang kostenfrei nutzen.
  • Die Boutique L’Uomo, die 41 Jahre lang in der Knochenhauerstraße 41-42 Designermode verkauft hat, hat im Herbst dichtgemacht. Angeblich, weil der Vermieter die Miete erhöhen wollte. Für diese Fläche (369m²) sucht die Wirtschaftsförderung ebenfalls ein Pop-up-Store-Konzept, das zehn Monate lang keine Miete zahlen muss.

    Zu den wenigen Neuansiedlungen im Modebereich gehört das Kaufhaus Ekofair, das 13 Monate lang die leer stehende Fläche der ehemalige Gerry Weber-Filiale bespielt.
    Wirtschaftsförderung Bremen/Frank Pusch
    Zu den wenigen Neuansiedlungen im Modebereich gehört das Kaufhaus Ekofair, das 13 Monate lang die leer stehende Fläche der ehemalige Gerry Weber-Filiale bespielt.

Bereits vor anderthalb Jahren hat Esprit seinen Standort zwischen Obernstraße und Llyodpassage vor anderthalb Jahren verlassen. Es folgte ein Outlet, das inzwischen auch wieder verschwunden ist. Seitdem steht die Immobilie leer. Sie soll zusammen mit dem denkmalgeschützten Karstadt-Haus in das Shopping-Mall-Projekt eingebunden werden, das der Unternehmer Kurt Zech schon seit Jahren plant. Dazu soll das Parkhaus Mitte abgerissen werden, um die Fläche drumherum neu zu entwickeln. Allerdings liegen die Planungen schon seit Jahren auf Eis.

DOB-Händler Jens Ristedt: „Bremen hat immer noch viel mehr zu bieten als ein Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese, das kein historisches Stadtzentrum mit Anbindung an die Weser und kein Weltkulturerbe vorzuweisen, das Menschen aus nah und fern anzieht.“
Modehaus Ristedt
DOB-Händler Jens Ristedt: „Bremen hat immer noch viel mehr zu bieten als ein Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese, das kein historisches Stadtzentrum mit Anbindung an die Weser und kein Weltkulturerbe vorzuweisen, das Menschen aus nah und fern anzieht.“
Bekannte Modemarken wie Mango, Benetton, Brax, Orsay, Tally Weijl und Timberland haben der Hansestadt schon vor längerer Zeit den Rücken gekehrt. Die Zahl der inhabergeführten Modegeschäfte lässt sich mittlerweile an einer Hand abzählen. Zu wenig verbliebenen Einzelkämpfern gehören unter anderem der Luxusmode-Händler Stiesing sowie die Damenmodehändler Henne, Harms und Ristedt.

"Erheblicher Wandel bei Nutzung und Inhalten"

Ristedt-Inhaber Jens Ristedt sieht den Hauptgrund für den Mode-Exodus aus der Bremer City vor allem im Strukturwandel der Branche. Dieser sei auch in vielen anderen deutschen Innenstädten zu beobachten und habe sich durch Corona erheblich beschleunigt. Zudem finde eine Entwicklung in Richtung Mischkonzepte mit Spezialisierung und Nachhaltigkeit statt. Mehr Klasse statt Masse. „Es gibt einen erheblichen Wandel, was Nutzungen und Inhalte betrifft.“

Auf den Modestandort Bremen lässt der DOB-Spezialist trotz des Schrumpfungsprozesses nichts kommen: „Unsere Innenstadt hat deutlich mehr zu bieten als viele Einkaufszentren auf der Grünen Wiese und andere Standorte, die kein historisches Stadtzentrum mit Anbindung an die Weser und kein Weltkulturerbe vorzuweisen haben, die Touristen und Verbraucher aus nah und fern anzieht“, sagt der Bremer Einzelhändler, der auch Vorsitzender des City-Initiative Bremen Werbung ist und im Präsidium des Bekleidungshändlerverbands BTE sitzt.

Der Bremer Senat nimmt 10 Mio. Euro in die Hand, um mithilfe des Aktionsprogramms Innenstadt die Corona-Folgen abzufedern.
Bremen.de
Der Bremer Senat nimmt 10 Mio. Euro in die Hand, um mithilfe des Aktionsprogramms Innenstadt die Corona-Folgen abzufedern.
Darüber hinaus gebe es hierzulande nur wenige Großstädte, die "mit erheblichen finanziellen Mitteln versuchen, der Krise entgegenzuwirken und sich für eine lebendige und attraktive City einsetzen". Der Senat des kleinsten Bundeslandes hat im August vorigen Jahres das Aktionsprogramm Innenstadt aufgelegt, mit dem die Folgen der Corona-Pandemie abgefedert werden sollen. Dafür stellt die Landesregierung meher als 13 Mio. Euro zur Verfügung. Dazu gehören auch die beiden Store-Wettbewerbe, in deren Rahmen Konzepte für die ehemaligen Filialen von Gerry Weber, Görtz, Meineke und Görtz gesucht wurden bzw. werden. „Als Lösung gegen Leerstände ist das in dieser Zeit eine sehr gute Sache“, meint Ristedt.

Zudem habe es in der jüngsten Vergangenheit mehrere vielversprechende Neuansiedlungen gegeben, die die Attraktivität der Innenstadt erhöhten, darunter das neue Johann-Jacobs-Haus der Bremer Kaffeedynastie Jacobs in der Obernstraße, das u.a. einen Heritage-Store, ein Café, eine Kaffee-Akademie und einen Chocolatier beherbergt. Ein weitere Kundenmagnet sei der Made in Bremen-Store im historischen Gebäude „Stadtwaage“, in dem auf 400m² Bremer Erzeugnisse und lokale Produkte angeboten werden. Kategorien sind Handwerk, Kunst, Kulinarisches und Literarisches.

 

 

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