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Erster Nachwuchs-Kongress in Mönchengladbach

Summer School: Die Macher von Morgen

Durstewitz
TW-Ressortleiter Tim Dörpmund im Gespräch mit vier Entscheidern: Armin Fichtel, Henning von Einsiedel, Kevin Ziegler und Marc Ramelow (v.l.)
TW-Ressortleiter Tim Dörpmund im Gespräch mit vier Entscheidern: Armin Fichtel, Henning von Einsiedel, Kevin Ziegler und Marc Ramelow (v.l.)

„Die Branche braucht guten Nachwuchs. Und Sie alle hier machen Hoffnung, dass sie ihn auch bekommen wird.“ Mit diesen Worten eröffnete Holger Knapp, Geschäftsführer des Deutschen Fachverlags, die Premiere der Summer School in Mönchengladbach, die von der Wilhelm-Lorch-Stiftung und der Hochschule Niederrhein veranstaltet wurde. Rund 120 junge Frauen und Männer, die meisten von ihnen Studierende sowie einige Auszubildende, folgten der Einladung zu der dreitägigen Veranstaltung, die auf dem Campus der Hochschule Niederrhein stattfand.

Anlass für die Idee, eine Summer School für den Nachwuchs der Textilbranche zu organisieren, war ein Jubiläum: Vor 30 Jahren hat die Wilhelm-Lorch-Stiftung zum ersten Mal Förderpreise vergeben. Aufgrund des sehr positiven Feedbacks durch die Teilnehmer gibt es bereits Pläne, auch in den nächsten Jahren Summer Schools anzubieten. Die Summer School, die von Prof. Maike Rabe moderiert wurde, stand unter dem Titel „Digitizing the Fashion Supply Chain“. Ein Kernstück des Programms waren sieben Workshops, die sich mit den Chancen und Herausforderungen durch die Digitalisierung beschäftigten.


Im Workshop „Produktionsentwicklung to go“ hatten die Teilnehmer die Chance, sich mit Bodyscannern und moderner 3D-Software zu befassen. Ein Planspiel bot den Teilnehmern am Workshop „Transparenz in der Lieferkette“ die Möglichkeit, sich in die verschiedenen Akteure der Branche hineinzudenken. Eine andere Gruppe beschäftigte sich mit dem Thema „Smart Textiles“ und versuchte, eine LED-Leuchte in einer Stofftasche zu vernähen.

Summer School: Nachwuchs-Kongress in Mönchengladbach



Die „Design-Optionen der Zukunft“ unter spezieller Berücksichtigung der digitalen 3D-Technik bildeten das Thema eines weiteren Workshops. Eine „Retail-Konzeption entlang der Customer Journey“ entwickelte eine Gruppe in einem Planspiel, in dem die Teilnehmer sich mit den Herausforderungen eines stationär und online agierenden Einzelhändlers beschäftigten. Auch im Workshop „Supply Chain Management“ nahmen die Teilnehmer an einem Planspiel teil und entwickelten dabei die Supply Chain für ein fiktives Produkt. Das Thema Recycling stand im Mittelpunkt des Workshops „Jeans of your life“, bei dem es galt, als Kleidungsstücke nicht mehr nutzbare Jeans in neue Denim-Accessoires zu verwandeln.

Neben den Praxisteilen gehörten auch Vorträge zum Programm der Summer School. So sprach Prof. Andreas Stockert über das Thema „Supply Chain Management 4.0“. Der Partner des Beratungs-Unternehmens Horn & Company erklärte, welche Vorteile die Einführung von RFID in der textilen Kette habe.

Gerrit Heinemann, Professor an der Hochschule Niederrhein, wies auf das enorme Wachstum der chinesischen Internet-Konzerne und die Auswirkungen auf den europäischen Einzelhandel hin. Die Modebranche müsse sich darauf einstellen, dass ihre Geschäftsmodelle in den nächsten Jahren durch die Digitalisierung noch kräftig durchgerüttelt würden, sagte Andreas Brill, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Business4Brands.



Mit dem Thema „Frauenrechte in Mode“ beschäftigte sich Marijke Mulder. Sie ist Koordinatiorin für Bildung und Beratung bei der NGO Femnet und schilderte dem überwiegend weiblichen Publikum der Summer School, wie prekär die Situation für viele in der Modebranche arbeitende Frauen nach wie vor ist. Einen Motivation-Vortrag hielt Thomas Lurz. Der frühere Leistungssportler, Gewinner von  Olympia-Medaillen und Weltmeister-Titeln im Langstrecken-Schwimmen, agiert mittlerweile als Director in der HR-Abteilung von S.Oliver. Sein Rat an die Zuhörer: „Einmal mehr trainieren als alle anderen.“
Raus aus der Steinzeit: Neue Jobprofile
Die Digitalisierung verändert Prozesse ebenso wie Jobprofile. Darin sind sich Orsay-CCO Kevin Ziegler, Gustav Ramelow-Inhaber Marc Ramelow, der ehemalige S.Oliver-CEO Armin Fichtel und Henning von Einsiedel, COO der Holy Fashion Group, auf der Bühne der Summer School einig. Für Henning von Einsiedel ist die digitale Produktentwicklung die bedeutendste technische Innovation in der Mode gleich nach dem E-Commerce. Die dadurch gewonnene Zeit will er unter anderem in kreative Prozesse investieren, um mehr Innovationen zu bieten. Auch die Konsumenten könnten zunehmend in die Designentscheidungen mit einbezogen werden – etwa durch Abstimmungen. Solche Interaktionen sind für Kevin Ziegler elementar, denn die alten Touchpoints verlieren zusehends an Bedeutung: „Heute haben wir einen Club mit loyalen Kunden. Nur sind Shopping-Clubs aus der Steinzeit.“ Eine echte Community müsse her.

Um die Community geht es auch im Stationärhandel. Marc Ramelow: „Früher gab es den Einkauf und den Verkauf. Heute entstehen kundenorientierte Abteilungen.“ Unternehmen müssten sich stärker auf Verbraucherwünsche und weniger auf das Produkt fokussieren. „Unsere Mitarbeiter sind nicht mehr nur Verkäufer. Sie kommunizieren mit den Konsumenten und stehen im Laden auf einer Bühne.“

Künftig sei es immer wichtiger, die Bedürfnisse der Kunden wirklich zu verstehen, anstatt sich auf veraltetes Saisondenken zu versteifen, ist Ziegler überzeugt. Dieses Verständnis erfordert neue Fähigkeiten seitens der Mitarbeiter. „Der Vertrieb stand früher vor allem für Akquise. So viel und so schnell wie möglich reinverkaufen“, sagt Armin Fichtel. Dies habe sich durch die Digitalisierung und die rückläufige Flächenfrequenz jedoch geändert: „Die Leute im Vertrieb sind nun vielmehr Flächenmanager.“
Abgerundet wurde die Veranstaltung durch zwei Diskussionsrunden zum Thema „Working in Fashion“. Dabei erklärten Entscheidungsträger aus Handel und Industrie, wie sich die Berufsbilder derzeit infolge der Digitalisierung wandeln. „Unsere Branche steht in Sachen Digitalisierung noch ganz am Anfang einer langen Reise", sagte Dirk Schneider, Chief Digital Officer bei S.Oliver, bei einer Diskussionsrunde, die moderiert wurde von Dora Maric, Preisträgerin der Wilhelm-Lorch-Stiftung in diesem Jahr. Schneider diskutierte mit Roland Schuler, Director Technical Product Management bei der zu P&C Düsseldorf gehörenden Firma IB Company, und Michael Rammelsberger, Director Transformation bei Hugo.

An die jungen Teilnehmer der Summer School appellierten die Manager, selbstbewusst zu sein und sich nicht verbiegen zu lassen. Schneider: „Passt Euch nicht zu schnell an. Seid nicht zu sehr Angestellte.“

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