Sustainability-Manager im Porträt: Stephanie Essack von Ramelow

Zwischen Ökologie und Ökonomie

Ramelow
Mit Engelchen und Teufelchen auf der Schulter: Stephanie Essack im Modehaus Ramelow.
Mit Engelchen und Teufelchen auf der Schulter: Stephanie Essack im Modehaus Ramelow.

Stephanie Essack kümmert sich neben ihrem Job als Head of Marketing seit Mai 2019 um die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele des Modehauses Ramelow in Elmshorn. Ein Fulltime-Job in Teilzeit.

"Wenn Du gehst, mache ich das", erklärte Stephanie Essack, als die bisherige Teamleiterin der im Sommer 2018 gegründeten CSR-Werkstatt das Modehaus Ramelow verließ. Und anderthalb Monate später stand sie mit wuschelig geknoteten Haaren, rotem Lippenstift und strahlendem Lächeln auf der Bühne der Berliner Fair Fashion-Messe Neonyt und referierte über die ersten Schritte des Händlers in Richtung Nachhaltigkeit. Voller Energie und Tatendrang. Als hätte sie nie was anderes gemacht.

Essack berichtete von den Fragebögen zum Stand in Sachen Sustainability, die ihre Werkstatt ein paar Monate zuvor an mehr als 100 Hersteller geschickt hatte. Eine Aktion, die branchenweit für Aufsehen sorgte. Zum ersten Mal konfrontierte ein konventioneller Händler seine Lieferanten direkt mit dem Thema, das damals bei vielen noch in einer Nische angesiedelt war. "Wir waren erstaunt, dass die meisten so offen ihre Defizite benannten. Und für mich war es ziemlich aufregend, das gleich auf einer Bühne mit Armedangels-Gründer Martin Höfeler vor einem großen Fachpublikum zu präsentieren", erinnert sich Essack, die 2013 eigentlich als Marketingfrau zu Ramelow gekommen war.
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Martin Höfeler hat im Frühjahr 2006 das Label Armedangels auf den Markt gebracht, das von Anfang an komplett mit dem Fairtrade-Label zertifiziert ist und dessen Kollektion zu 100% aus pestizidfreier Baumwolle hergestellt wird. Mit der TW spricht der Gründer über den Erfolg seines Labels in der Krise, den Weg des Mainstreams zur Nachhaltigkeit und seine ersten Schritte in Richtung Kreislauffähigkeit.

In Teilzeit von der Teilzeit

Inzwischen ist die zweifache Mutter auf 35-Stunden-Basis Head of Marketing. Den Bereich Environment, Social, Governance (ESG) – wie CEO Marc Ramelow sein CSR-Ressort nennt, weil es besser zu seinem mittelständischen Familienunternehmen passe – verantwortet sie nur nebenbei. In Teilzeit von der Teilzeit sozusagen. Das stört sie oft, gerne würde sie sich ganz um die nachhaltige Transformation des Händlers kümmern. Aber einen Einzelposten für dieses Thema, ein ganzes Team gar wie viele große Hersteller und Filialisten, könne sich auch Ramelow mit seinen neun Modehäusern mitten in der Corona-Krise nicht leisten.

"Stephie bearbeitet das Thema als Add-on, hat die Aufgabe aufgrund ihrer Leidenschaft dafür übernommen", hatte der Firmenchef auf die Frage nach seinem Sustainability-Management erklärt. Ramelow lässt die 39-Jährige gern referieren. Weil sie so authentisch rüberkomme, weil sie die Sprache der jungen Zielgruppe und der Mitarbeiter spreche und spürbar hinter dem Thema stehe. Zuletzt hatte sie einen großen Auftritt beim Sustainability Summit der TextilWirtschaft.

Engelchen und Teufelchen

Dort sprach sie ganz offen über "Engelchen und Teufelchen", die manchmal auf ihrer Schulter sitzen, wenn es um Marketing-Events geht, die sich für sie nicht wirklich nachhaltig anfühlen. "Da gibt es öfter einen Gewissenskonflikt, wenn ich Rabatt-Aktionen konzipieren soll, mit dem Tenor, je mehr Du kaufst, desto billiger wird es", erzählt sie später am Bildschirm in ihrem Büro in der Elmshorner Firmenzentrale. Und was macht sie dann? Wer gewinnt? Die Marketingfrau oder die ESG-Verantwortliche? Engel oder Teufel? Ökologie oder Ökonomie? "Na, das Engelchen gewinnt meistens", sagt die staatlich geprüfte Kommunikationswirtin lachend. "Dann suche ich einen anderen Weg, Restanten loszuwerden. Nur nicht wieder über Masse", erklärt sie und erinnert sich daran, dass es ihr schon bei ihrem ersten Job in einer Werbeagentur auf die Nerven ging, wenn so viel gedruckt wurde und wenn man für ein Foto-Shooting nach L.A. fliegen musste.

Neulich hat sie erst wieder mit ihrem Chef diskutiert, ob so viele Magaloge, wie Ramelow seine Kombination aus Magazin und Katalog nennt, und deren redaktionelle Betreuung Essack auch obliegt, verschickt werden müssen. Immerhin seien es jetzt nur noch 10.000, die dreimal jährlich rausgehen, statt wie früher 20.000 viermal im Jahr. "Ich wollte den Magalog komplett digitalisieren, aber Marc meinte, wir haben noch sehr viele, vor allem ältere Kunden, die eine Print-Version wollen."

Spannende Herausforderung

Aber meist empfindet sie es als spannende Herausforderung, Marketing und Nachhaltigkeit miteinander zu kombinieren. "Das holt mich oft wieder auf den Boden. Schließlich leben wir ja von Mode und vom Verkaufen möglichst vieler Kleider. Wenn ich es nur durch meine grüne Brille betrachte, müsste sich wahrscheinlich keiner unserer Kunden bis an sein Lebensende was Neues kaufen."

Beide Bereiche in einer Hand zu haben, sieht sie als Chance. "Denn gerade das Thema Nachhaltigkeit lebt ja von der Kommunikation." Und wer länger mit Essack spricht, ihr zuhört, ihre zahlreichen Workshops und YouTube-Lernvideos für die Mitarbeiter anschaut, dem stellt sich die Frage nach der Gefahr eines Greenwashings nicht. Dafür sind Essack und das gesamte Team zu offen, zu ehrlich. "Wir sagen ja gar nicht, dass wir wirklich nachhaltig agieren. Wir stehen erst ganz am Anfang und lernen noch", betont auch Ramelow immer wieder. Das Thema sei insgesamt viel zu komplex.

Gerade feilt Essack an einem "Action Book", einer Art Sustainability-Report, der allen Stakeholdern zeigen soll, woran der Händler nachhaltig arbeitet, welche Ideen, Ziele, Pläne es gibt. Der 30-seitige, magazinähnlich gestaltete Nachhaltigkeitsbericht soll jährlich aktualisiert werden, ausschließlich digital erscheinen und an Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter gehen. In der ersten Ausgabe werden Handlungsfelder definiert. Da geht es um Resale und Recycling, um die Langlebigkeit der Kleidung, um das Ziel, bis 2025 klimaneutral zu werden und die Fahrzeugflotte durch Fahrräder zu ersetzen. Außerdem werden die reinen Fair Fashion-Labels, die inzwischen zum Sortiment gehören, vorgestellt. Armedangels, Ecoalf, Vaude, zählt Essack auf. Einkäufer werden regelmäßig geschult und dafür sensibilisiert, auf Zertifikate und umweltverträgliche Produktion, ökologisch angebaute Rohstoffe und recyclingfähige Materialien zu achten, nach fairer Entlohnung zu fragen.

Typisch hemdsärmelig

Generell werde das Thema Nachhaltigkeit mit der für den norddeutschen Händler typischen "hemdsärmeligen Art" angegangen. Die zweite Fragerunde an die Industrie läuft. Die Mitarbeiter wollen wissen, was seit der ersten Befragung passiert ist, wo die Industrie jetzt steht. Kunden werden zu Workshops eingeladen, um zu erfahren, was ihnen wichtig ist. "Corona hat uns ausgebremst und unsere Prioritäten vorübergehend verschoben. Aber sobald es wieder möglich ist, machen wir weiter", kündigt Essack an. Ende des Jahres sei der nächste Nachhaltigkeits-Roundtable mit fünf bis zehn Stammkunden geplant.

Zwischendurch entwirft sie Aktionen für das 150-jährige Jubiläum und Promotions für die umgebaute Filiale in Stendal und den Neubau am Firmensitz. Gleich wird sie das nächste Late Night Shopping abstimmen und ein Webinar zum Thema Social Media besuchen. Und zwischendurch eine Doppelseite im aktuellen Magalog gestalten. Zu ihrem Lieblingsthema. Nachhaltigkeit.
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