Sustainability & Style: Gernot Lenz und Juliane Nowakowski von Tom Tailor

"Nur dann können wir wirklich sicher sein"

Tom Tailor
Juliane Nowakowski ist seit Februar 2019 Manager Group Strategy bei Tom Tailor in Hamburg.
Juliane Nowakowski ist seit Februar 2019 Manager Group Strategy bei Tom Tailor in Hamburg.

Tom Tailor setzt auf Bio-Baumwolle und Innovationen im Materialbereich. Und auf Zertifikate. Den Verbraucher soll das keinen Cent mehr kosten: Erstmals sprechen CEO Gernot Lenz und Produktmanagerin Juliane Nowakowski detailliert und offen über die ersten konkreten Schritte und die großen Pläne des Anbieters im Bereich Nachhaltigkeit.

Die ersten Hanf-Jeans sind in Arbeit. Im Herbst 2022 will Tom Tailor die Denims mit einer Mischung aus 20% Hanf und 80% Bio-Baumwolle auf den Markt bringen. Was bei Spezialisten wie Bossa, Gang, Pure Denim und Sharabati schon länger zur Kollektion gehört, ist für den Hamburger Coordinates-Anbieter der Marktmitte eine kleine Revolution.

"Wir haben lange gemeinsam mit unserem Stofflieferanten und unserem Sourcing-Büro in Fernost daran gearbeitet. Es hat gedauert, bis die Qualität gestimmt hat und die Waschungen gut aussahen", erzählt Juliane Nowakowski. Die studierte Wirtschaftspsychologin und Betriebswirtschaftlerin ist seit Februar 2019 Manager Group Strategy bei Tom Tailor in Hamburg. Zuvor war sie sechseinhalb Jahre bei New Yorker. Jetzt kümmert sie sich unter anderem um die Nachhaltigkeitsstrategie bei dem Konzern, dessen Großaktionär, die chinesische Fosun Group, im Herbst ein Restrukturierungsprogramm aufgestellt hat, bei dem mehr Investitionen in Qualität und nachhaltige Produkte ganz oben stehen.

Mehr Organic Cotton, mehr alternative Materialien

Für Tom Tailor-Chef Gernot Lenz ist Nachhaltigkeit deshalb Chefsache. Er kam neun Monate nach Nowakowski in das Unternehmen. Bei dem Gespräch über nachhaltiges Design will er unbedingt dabei sein. Das Thema ist ihm wichtig. "Weil der Weg in die Nachhaltigkeit für uns generell und auch unabhängig von der bereits abgeschlossenen Restrukturierung ein fester Bestandteil der Unternehmensstrategie ist und bleibt", erklärt der Vorstandsvorsitzende, der zuvor acht Monate bei S.Oliver und zehn Jahre bei PVH gearbeitet hat.

Tom Tailor war bislang nach außen eher zurückhaltend, wenn es um die Verkündung von Nachhaltigkeitszielen ging. Jetzt wird Lenz konkret, vor allem, wenn es um die Materialien geht: "Bis spätestens 2023 wollen wir 100% unserer Baumwolle aus nachhaltigen Quellen beziehen, bis spätestens 2025 die gesamte Viskose bzw. Zellulosefasern und bis spätestens 2030 die synthetischen Fasern auf eine recycelte Alternative umgestellt haben." Und das sei gar nicht so einfach, weil diese Mengen derzeit noch gar nicht verfügbar sind. "Die Nachfrage ist so stark gestiegen, dass es zurzeit in der Lieferkette teilweise Engpässe gibt und wir einfach noch nicht so viel Organic Cotton kaufen können, wie wir brauchen", sagt Lenz. Deshalb werde auch an alternativen Materialien geforscht sowie mit Tencel Lyocell, Ecovero, Modal gearbeitet. Daher sei der Vorstoß bei Denim auch so ein wichtiger Schritt. "Aber auch, weil Jeans zu den schmutzigsten Produkten gehören, wollen wir hier ein klares Statement setzen", ergänzt Nowakowski.

Gernot Lenz ist seit November 2019 CEO der Tom Tailor GmbH.
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Gernot Lenz ist seit November 2019 CEO der Tom Tailor GmbH.

Saubere Jeans, bleibende Preise

Wer wissen will, wie viel Tom Tailor schon in Sachen Nachhaltigkeit tut, wird unter einem Link auf der Website fündig. Die dort gelisteten Produkte – für Damen sind es 1126 Artikel, für Herren sogar 1351 – werden mit dem Label "Be Part of more sustainable fashion" vermarktet. "Diese Produktkennzeichnung haben wir für die Endverbraucher im Februar diesen Jahres eingeführt", erzählt Nowakowski.

Die Be-Part-Denims sind bislang zwar ohne Hanf, aber dafür aus mindestens 50% Bio-Baumwolle. "Das bedeutet 88% weniger Wasser, 62% weniger Energie. Bei der Zero-Water-Blue-Färbetechnik werden 98% des Wassers wiederverwendet, der Rest trocknet. Nicht ein Tropfen fließt ins Abwasser", wird auf der Internet-Seite erklärt. Das Finish erfolge mit Ozone Wash ohne Wasser und Chemikalien. Farbeffekte, Risse und andere Details für den Used Look kreiere eine Software, den Worn-Effekt ein Laser. Die traditionellen Logo-Leder-Aufnäher wurden durch Jacron-Patches aus Recycling-Papier in Leder-Optik ersetzt. Der Nachhaltigkeitsgrad der "Less Water Denim" wird mit der Enviromental-Impact-Measuring-Software von Jeanologia gemessen und im Ampelsystem gekennzeichnet. Und das alles für 49,99 Euro.

In der Produktion sei die Jeans am Ende schon 10 bis 20% teurer. "Aber das schlagen wir nicht für den Endverbraucher auf. Das sind Investitionen, die wir als Unternehmen im Rahmen unserer Nachhaltigkeitsstrategie vornehmen", sagt Lenz. Konkreter werden will er nicht. Aber es sei ja generell sein Ziel, Tom Tailor wertiger zu positionieren. Und dabei sei natürlich der Umweltgedanke ein wichtiges Argument.

Bei der Produktion der Be-Part-Denims wird laut Tom Tailor insgesamt 88% weniger Wasser verbraucht.
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Bei der Produktion der Be-Part-Denims wird laut Tom Tailor insgesamt 88% weniger Wasser verbraucht.

Sensiblere Kunden, innovative Stoffe

"Die Konsumenten werden immer sensibler, und die Pandemie hat das noch einmal kräftig gepusht", beobachtet Lenz. Nicht nur im Online-Shop, sondern auch in den eigenen Läden und Franchise-Stores sowie im Wholesale: "Hier haben die meisten das Thema auf dem Zettel. Handelspartner, mit denen ich rede, sprechen das Thema Nachhaltigkeit immer häufiger an. Und Corona hat auch dies weiter verstärkt", erzählt der Vorstandschef. Deshalb treibe auch er diese Entwicklung vor allem im Stoffbereich voran.

Da haben alle Einkäufer, Produktentwickler und Designer ganz klare Vorgaben, so genannte Materialziele. Das beginne schon beim ersten Entwurf, berichtet Nowakowski. Alles, was möglich ist, müsse aus nachhaltigen Qualitäten bezogen werden. Am einfachsten sei dies natürlich trotz der beschriebenen Engpässe immer noch bei Baumwolle. Seit 2016 schon ist das Unternehmen Mitglied der Better Cotton Initiative. In diesem Jahr sollte der Anteil an nachhaltiger produzierten Artikeln bei 74% liegen – das wurde sogar leicht übertroffen, sagt sie. Im nächsten Jahr sollen es 80% sein.

Schwieriger sei es bei tierischen Fasern. Für Wolle, Cashmere, Alpaka und Mohair gäbe es noch keine wirklich nachhaltigen Alternativen. "Synthetische Fasern können da nicht mithalten, das fühlt sich einfach anders an", sagt die Managerin. Tom Tailor nutze den von der NGO Textile Exchange ins Leben gerufenen "Responsible Wool Standard", ein Siegel für Wolle, die unter Einhaltung spezieller Tierschutz-Kriterien produziert wird.

Sicherheit durch Siegel, Circularity als Ziel

Und wie sieht es sonst mit Siegeln und Zertifikaten aus? Wie wichtig sind die für die Hamburger? Sehr wichtig, sagt Nowakowski. "Denn nur, wenn die Produkte zertifiziert sind, können wir ja wirklich sicher sein." Alle Einkäufer und Sourcing-Mitarbeiter seien gebrieft, auf Siegel zu achten. Die verwendete Bio-Baumwolle sei zu 70% GOTS-zertifiziert, der Rest mit dem Organic Content Standard (OCS). "Auch unser gesamtes Unternehmen wollen wir in naher Zukunft zertifizieren lassen – daran arbeiten wir bereits", sagt Lenz.

Deutlich schwieriger als bei den Materialien sei es bei den Zutaten: "Da stehen wir noch am Anfang", gibt Nowakowski zu. Immerhin seien bereits alle Etiketten auf eine recycelte Variante umgestellt. Derzeit experimentiere das Produktteam mit Knöpfen aus recyceltem Kunststoff. Für andere Verschlüsse, beispielsweise Reißverschlüsse, sehen die Hamburger noch keine kommerziellen Alternativen.

Das Thema Recycling sei generell zwar interessant, aber vor allem bei Baumwolle noch sehr schwer umsetzbar. "Mit Bezug auf Recycled Cotton stimmen die Qualitäten einfach noch nicht, da kommen wir derzeit noch nicht über einen Anteil von 1 bis 2%", erzählt die Strategie-Managerin.

Und wie steht es mit der Kreislauffähigkeit? Nowakowski winkt ab: "Das steckt bei uns noch ganz in den Kinderschuhen, ist aber natürlich unser großes Ziel." Denn nur Circularity sei am Ende auch wirklich nachhaltig, ergänzt Lenz. Aber das sei besonders im Markt der Mitte eine große Herausforderung. "Denn wir sind noch lange keine 'green company', auch wenn wir es als unsere Verpflichtung sehen, überall dort, wo es für uns machbar ist, auf Nachhaltigkeit zu setzen. Wir haben insgesamt noch einen weiten Weg vor uns."
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