TW-Sustainable Fashion Summit / Tag 2

"In Mönchengladbach wird nicht die Welt gerettet, aber wir zeigen, was möglich ist"

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Sustainable Fashion Summit 2021 Tag 2: Ulrike Wollenschläger und Sebastian Schwarz von der TW (oben) im Gespräch mit Andrew Morgan von Coats.
Sustainable Fashion Summit 2021 Tag 2: Ulrike Wollenschläger und Sebastian Schwarz von der TW (oben) im Gespräch mit Andrew Morgan von Coats.

"Sustainable Fashion – ist das nicht ein Widerspruch in sich?", fragte Prof. Maike Rabe von der Hochschule Niederrhein gleich zu Beginn des zweiten Kongresstages. Deutlich mehr als 1600 Zuhörer hatten sich schon am Morgen des Sustainable Fashion Summit der TextilWirtschaft eingewählt und wurden sogleich zum Nachdenken angeregt.

Sustainable, das bedeute Langlebigkeit und keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt. Fashion wiederum sei eine kurzfristige Äußerung des Zeitgeistes, so Rabe. Sie verweist auf die Anregung des Club of Rome aus dem Jahre 1972, weg vom Wachstumsdenken, hin zu einem Gleichgewichtsdenken zu gelangen. Schon damals mahnte das Expertengremium, dass bei anhaltender Ressourcenverschwendung die Grenzen des Wachstums auf der Erde in hundert Jahren erreicht seien. Rabe: "Nun sind schon 50 Jahre um, und es ist nichts geschehen." Keine Gesellschaft habe einen hohen Lebensstandard und gleichzeitig einen geringen ökologischen Fußabdruck, resümiert die Professorin. Doch die Lösung könne nicht sein, sich wieder zurückzuentwickeln, so Rabe. Sondern man müsse Ressourcen sparen, den Fußabdruck verringern.

Die T 7-Fabrik in Mönchengladbach

Wie das speziell in der Bekleidungsproduktion, die nach wie vor nach der Ölindustrie schmutzigste Branche der Welt, gelingen kann, soll künftig in Mönchengladbach gezeigt werden. Hier soll eine Produktionsanlage 7.0 entstehen. Aktuell sei man auf dem Stand 4.0, erklärt Rabe. Das nächste Level 5.0 sei die Green Factory, die emissionsfrei und ressourcenschonend arbeitet. Im Level 6.0 werden Künstliche Intelligenz und Robotik eingesetzt, vor allem um Überproduktionen zu vermeiden. Und schließlich soll die Fabrik 7.0 eine Kreislaufwirtschaft umsetzen.

Entstehen soll dies alles im neuen T 7 Park auf einem 20 Hektar großen ehemaligen Gewerbegebiet. Auf diesem neuen Campus sollen sich um die moderne Produktion für Kleinserien auch Ateliers, Vertrieb, Labore, Maschinenbau, Forschungseinrichtungen und Bildungsstätten ansiedeln. Bis 2026 soll die Start-up-ähnliche Fertigung starten. Ende Juni werde das Projekt offiziell dem Land NRW vorgestellt. "In Mönchengladbach wird sicher nicht die Welt gerettet, aber wir wollen zeigen, was möglich ist." Neue Partner sind immer willkommen, so Rabe. Mit an Bord ist bereits C&A. Das Unternehmen will, wie berichtet, künftig in Mönchengladbach Jeans produzieren und an neuen Produktionstechnologien forschen.

An ganz neuen Garnen arbeitet derweil der britische Konzern Coats. In diesem Jahr werden unter EcoRegen, Eco-b und Eco-Cycle neue Produkte auf den Markt gebracht, die aus nachwachsenden natürlichen Rohstoffen gefertigt, leicht recycelbar oder biologisch abbaubar sind. "Wir entwickeln derzeit Produkte, für die es noch gar keine wirkliche Nachfrage gibt. Wir arbeiten quasi für den Markt der Zukunft, was für uns auch ein wirtschaftliches Risiko birgt", sagt Andrew Morgan, Head of Sustainability bei Coats.

Auch er mahnt den Wandel vom linearen Produktlebensweg hin zum Kreislaufmodell an, wo bereits im Design an die mögliche Recyclingfähigkeit gedacht wird und Materialien in der Nutzung gehalten werden. Aber: "Heute sind 97% der Fasern virgin fibres." Das bedeute einen hohen Verbrauch an Öl bzw. Land, Energie und Wasser in der Herstellung. Coats hat daher 2019 die ersten Garne aus recyceltem Polyester auf den Markt gebracht. "Allerdings ist das noch kein Kreislauf, weil das Polyester aus PET-Flaschen gewonnen wird und nicht aus dem Textilmarkt kommt", so Morgan.

Gemeinsam innovative Produkte entwickeln

Um die Themen Kreislauffähigkeit, Recycling und Kompostierbarkeit ging es auch im Talk von Simon Giuliani vom Denim-Produzenten Candiani und Uwe Kippschnieder von der Jeansmarke Closed. Die beiden Unternehmen arbeiten seit 15 Jahren zusammen und entwickeln inzwischen auch gemeinsam Innovationen in Sachen blaues Gold. Seit 2018 bündelt Closed denn auch die nachhaltigen Produkte unter Better Blue. Mit der kommenden Männermodekollektion sei es gelungen, sämtliche Artikel unter dieses Label zu stellen, berichtet Kippschnieder. Das heißt, die Jeans sind in jedem Fall nachhaltiger gewaschen und sind entweder aus einem nachhaltigeren Stoff oder nachhaltiger gefärbt.

Jüngstes Projekt ist, wie berichtet, der Coreva-Denim. Candiani hat einen biologisch abbaubaren Stretchdenim entwickelt und Closed hat weitere Monate getüftelt, um daraus eine komplett kompostierbare Jeans zu fertigen. Der Anspruch ist ganz klar, dass Optik und Performance, sprich Haltbarkeit, nicht zu Lasten der Nachhaltigkeit gehen, so Kippschnieder.

Etikettenschwindel

Biologisch abbaubar – mit dem Etikett werben immer mehr Anbieter für einige Produkte. Man sollte jedoch hinschauen, ob das tatsächlich auch alles stimme, was auf manchem Label stehe, sagt Dr. Timo Hammer, CEO des Forschungsinstitutes Hohenstein. In diesem Zusammenhang weist er auch darauf hin, dass die Begriffe biobasiert und bioabbaubar nicht als Synonym zu verwenden sind. Denn biobasierte Stoffe sind ohne erdölbasierte Kohlenstoffe hergestellt und müssen nicht zwangsläufig auch biologisch, also mit Hilfe von Mikroorganismen, abbaubar sein.

Auch bei den beliebten Marketingbegriffen "antibakteriell" oder "Organic Cotton" lohne sich ein genauer Blick. Gerade mit Bio-Baumwolle wird fleißig auf Hangtags geworben. Doch Bio-Baumwolle unterliegt strengen Kriterien, darunter darf keine genmanipulierte Baumwolle verwendet werden. Dies übersehen jedoch die gängigsten Zertifizierer, so Hammer, denn solche Erkenntnisse liefern nur Labortests.

Hohenstein habe daher gerade eine neue Prüfmethode gelauncht, um den genmanipulierten Anteil in einem Baumwollprodukt zu quantifizieren, für den es bislang in der Textilbranche noch keine Höchstgrenze gibt, wie es bei Lebensmitteln der Fall ist. "So können wir zumindest sagen, ob nur eine Kontamination vorliegt oder genmanipulierte Baumwolle beigemischt wurde."

Offziell geprüft

Materialien und Lieferkette genau im Blick hat dagegen der Wäschehersteller Mey. Über 50% der Wertschöpfung erfolgen noch in Deutschland, darunter auch ein großer Teil der Stoffproduktion und Konfektion. Man sollte meinen, das sei Sicherheit genug, dennoch hat sich das Familienunternehmen umfangreichen Zertifizierungsprozessen für Made in Green, dem strengsten Siegel von Oeko-Tex, unterzogen.

"Ich war lange kein Freund von Zertifikaten, habe aber meine Meinung radikal geändert", berichtet Florian Mey, der als Geschäftsführer die Supply Chain verantwortet. Denn er habe begriffen, dass diese u.a. eine gute Orientierung für Verbraucher bieten und auch als Nachweise für andere Stakeholder dienen, die verstärkt nach den Produktionsbedingungen fragen würden.

Und so musste das Unternehmen zunächst 370 detaillierte Fragen beantworten, deren Antworten schließlich in einem Audit überprüft wurden. "Verantwortung für die Lieferkette ist heute ein Hygienefaktor und kein Wettbewerbsvorteil. Im Gegenteil. Wenn ich mich nicht damit befasse, habe ich einen Wettbewerbsnachteil", so Mey.

Dem kann Oeko-Tex-Generalsekretär Georg Dieners nur zustimmen. Und ergänzt: "Der Marktanspruch hat sich geändert. Ging es früher eher um die Sicherheit der Verbraucher, so dreht sich heute alles um die Transparenz vom Feld bis ins Ladenregal." Die neue Währung ist u.a. der CO2-Fußabdruck, der in Zukunft auch auf Produktebene berechnet werden können soll, auch mit Hilfe von Oeko-Tex. Außerdem plant die Prüfgemeinschaft ab 2022 eine Klima-Ampel: Sie kennzeichnet den CO2-Ausstoß, Wasserverbrauch und Energieverbrauch eines Produktes.

Action Book und Green Angels

Transparenz und Kommunikation – das stand bereits am ersten Summit-Tag im Fokus vieler Beiträge und das setzte sich auch am Mittwoch weiter fort. Für die Sustainability Manager von Marc O'Polo und der Gustav Ramelow KG, Julian Aisslinger und Stephanie Essack, sind dies auch entscheidende Faktoren, um Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen voranzutreiben. Neben der eigenen Leidenschaft für dieses Thema.

Beide sind sich einig, man muss alle Beteiligten mit auf die Reise nehmen, sie einbeziehen: Mitarbeiter, Geschäftspartner und Kunden. Bei Ramelow wird dafür gerade an einem "Action Book" gearbeitet, das Ende Juni fertig sein soll. Darin will das Handelsunternehmen über seine Initiativen und Ideen informieren. Marc O'Polo hat derweil mit "Green Angels" eine Plattform für Mitarbeiter gegründet, die nicht dem zwölfköpfigen Nachhaltigkeitsteam angehören, sich aber einbringen wollen.
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