Trotz des neuen Gesetzes

TV-Bericht: Amazon vernichtet immer noch systematisch neue Kleidung

Imago/Nikita
Greenpeace hat bereits 2019 mit einer Protestaktion auf die groß angelegte Warenvernichtung im Amazon-Logistikzentrum in Winsen aufmerksam gemacht. Nun schleuste die Umweltschutzorganisation einen Rechercheur beim Online-Händler ein, um Beweise zu sammeln.
Greenpeace hat bereits 2019 mit einer Protestaktion auf die groß angelegte Warenvernichtung im Amazon-Logistikzentrum in Winsen aufmerksam gemacht. Nun schleuste die Umweltschutzorganisation einen Rechercheur beim Online-Händler ein, um Beweise zu sammeln.

Der Online-Händler Amazon lässt offenbar weiter regelmäßig neuwertige Ware, darunter Kleidung, Spielzeug, T-Shirts, Bücher und Elektro-Artikel vernichten. Das sollen unter anderem Bildaufnahmen belegen, die dem ARD-Magazin "Panorama" (NDR) und der Wochenzeitung "Die Zeit" vorliegen.

Die Fotos stammen von der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die einen Rechercheur in das Amazon-Logistikzentrum im niedersächsischen Winsen (Luhe) eingeschleust hatte. Er hatte dort im Auftrag der NGO mehrere Wochen gearbeitet und die Vorfälle dokumentiert. Im Vorfeld hatte Greenpeace Hinweise bekommen, Amazon plane eine Umgehung gesetzlicher Bestimmungen. "Panorama" und "Zeit" haben die Greenpeace-Recherchen demnach anhand eigener Quellen überprüft.


Die Aufnahmen und Aussagen, die "Panorama" und "Zeit" vorliegen, dokumentieren eine offenbar fest in den Produktionsablauf des Winsener Zentrums integrierte Abteilung mit acht Arbeitsplätzen, an denen regelmäßig Neuware entsorgt werden soll. Dort holen Amazon-Beschäftigte originalverpackte Ware aus der Verpackung und sortieren die noch gebrauchsfähigen Produkte nach den Kriterien der Mülltrennung in die jeweiligen Müll-Paletten.

Vor allem Ware von Dritthändlern

Die Arbeitsbereiche sind demzufolge als "Destroy-Stationen" gekennzeichnet. Allein aus dem Lager in Winsen soll mehrmals im Monat Neuware abgeholt und zu einem Entsorgungsunternehmen gebracht werden, das die Ware verbrennt oder zu Putzlappen verarbeitet.

Vernichtet wird nach Informationen von "Panorama" und "Zeit" in Winsen vor allem nicht verkaufte Ware von Dritthändlern, die ihre Ware über Amazon verkaufen. Amazon bietet ihnen unter anderem die Entsorgung an, wenn etwa ihre bei Amazon gelagerten Waren über einen bestimmten Zeitraum hinweg nicht verkauft wurden.

Das bestätigte Christian Pietsch, dessen Unternehmen über Amazon Lederwaren anbietet. Man müsse die Artikel bei Amazon binnen einer gewissen Zeit verkaufen, weil sonst hohe Langzeitlagergebühren anfielen. Eine öffentlich zugängliche Preisliste von Amazon für Dritthändler, die ab April 2021 gültig, belegt das. Darin heißt es: "Die Langzeitlagergebühr wird nicht berechnet, wenn vor der Erhebung der Gebühr eine Entfernung oder Entsorgung der Einheiten angefordert wurde." Der Preisliste ist auch zu entnehmen, dass Amazon für die Entsorgung eine Gebühr erhebt.

Amazon: Zahl im Promillebereich

Amazon bestreitet die Vernichtung von Neuwaren nicht. Der Online-Händler arbeitet aber eigenen Angaben zufolge daran, möglichst gar keine Produkte zu deponieren. "Unser Ansatz ist der Aufbau eines umfassenden Kreislaufwirtschaftsprogramms mit dem Ziel, Retouren zu reduzieren, Produkte wiederzuverwenden und weiterzuverkaufen und so wenig wie möglich davon zu entsorgen", teilte ein Konzernsprecher auf Anfrage der TextilWirtschaft mit. "Nur wenn wir keine andere Möglichkeit mehr haben, geben wir Artikel zum Recycling oder zur Energierückgewinnung – oder als allerletzte Option – zur Deponierung."

Es handele sich dabei aber nur um wenige Produkte, die Zahl befände sich im "Promillebereich". Wie viele Tonnen Neuware das übersetzt bedeutet, verrät der Konzern nicht.

Dagegen betont der Sprecher, dass es bei Amazon keinen Prozess zum Zerschneiden von Modeartikeln vor der Übergabe an ein Entsorgungsunternehmen gebe. Derartiges sei auch nicht geplant. Stattdessen betreibe der Konzern zusammen mit einem Partnerunternehmen in Winsen ein Recyclingprogramm, das Papier und unbrauchbare Stoffe zu neuen Waren verarbeite.

Das Unternehmen beteuert zudem, seine Obhutspflichten bei den Waren einzuhalten. "Wir haben Maßnahmen implementiert, um die Warenvernichtung so weit wie möglich zu vermeiden", heißt es in der Deutschlandzentrale in München.

Amazon steht wegen der Entsorgung von Neuwaren oder Retouren nicht zum ersten Mal in der Kritik. Nach einer Reihe von Medienberichten hatte Bundesumweltministerin Svenja Schulze im Februar 2020 angekündigt, die Unternehmen stärker in die Verantwortung zu nehmen: Man wisse, dass neuwertige Ware vernichtet wird. "Das ist etwas, dem ich jetzt endlich einen Riegel vorschieben will", so Schulze damals. Die Unternehmen hätten dafür zu sorgen, dass die "Gebrauchstauglichkeit" ihrer Waren erhalten bleibe.

Gesetz gegen Vernichtung greift nicht

Eine sogenannte Obhutspflicht sollte Abhilfe schaffen, damit neuwertige Produkte nicht einfach im Abfall landen. Das Gesetz gilt seit 2020, aber es wird bislang mangels notwendiger Verordnungen nicht umgesetzt. An denen werde bereits gearbeitet, berichtete Schulze vor mehr als 15 Monaten.

Bis heute kam es aber zu keiner einzigen Verordnung. Das Bundesumweltministerium verweist darauf, man betrete mit der gesetzlichen Obhutspflicht juristisches Neuland. Vor konkreten Rechtsverordnungen müsse man wissen, wie viele Waren überhaupt vernichtet werden. "Denn nur mit diesen Daten können wir Schlupflöcher vermeiden und sicherstellen, dass keiner den neuen Regeln ausweichen kann. Die Pflicht für Unternehmen zur Transparenz ist also der nächste logische Schritt", sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums gegenüber "Panorama" und "Zeit".

Die ARD-Sendung "Panorama" berichtet an diesem Donnerstag um 21.45 Uhr über das Thema. Anschließend kann der Beitrag in der ARD-Mediathek abgerufen werden.


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