Trotz neunstelliger Steuergutschrift

Amazon: Europäische Handelssparte macht kräftig Verlust

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Amazon hat seit 2010 über 55 Mrd. Euro ins europäische Geschäft investiert. Dadurch häufigen sich regelmäßig hohe Verluste an.
Amazon hat seit 2010 über 55 Mrd. Euro ins europäische Geschäft investiert. Dadurch häufigen sich regelmäßig hohe Verluste an.

Die europäische Handelsparte von Amazon ist noch stärker in die Verlustzone gerutscht. Die zuständige Gesellschaft Amazon EU Sarl verzeichnete im Geschäftsjahr 2019 einen Nettoverlust von rund 703,79 Mio. Euro. Das entspricht einem Plus von mehr als 171% gegenüber dem Vorjahr. Ohne die Steuergutschrift in Höhe von 294 Mio. Euro hätte das Minus bei fast 1 Mrd. Euro (998 Mio. Euro) gelegen. Amazon hatte bereits im Vorjahr kräftig Steuern gutgeschrieben bekommen: rund 241,37 Mio. Euro.

Der Umsatz erhöhte sich im vergangenen Geschäftsjahr um 15% auf 32,86 Mrd. Euro. 2018 hatte die Wachstumsrate noch bei 12% gelegen. Das geht aus der Bilanz hervor, den die europäische Handelssparte im luxemburgischen Handelsregister veröffentlicht hat. Demnach hat Amazon EU im vergangenen Jahr auch Steuern bezahlt, allerdings nur die bescheidene Summe von 14,3 Mio. Euro, was aber immerhin fast doppelt so viel war wie 2018 (7,46 Mio. Euro). Wofür die Steuern genau entrichtet wurden, will Amazon nicht mitteilen.



Kritiker werfen dem weltgrößten Online-Händler seit Jahren vor, die Steuerlast künstlich zu drücken, indem fragwürdige Lizenzgebühren an eine andere Konzerngesellschaft zu bezahlen, die mit den Luxemburger Behörden einen besonders niedrigen Steuersatz ausgehandelt hat. In der aktuellen Bilanz finden sich die Lizenzgebühren unter dem Punkt Licence and Royalty Payments und belaufen sich auf 166,6 Mio. Euro.

Nach Ansicht der EU-Kommission ist diese Steuervermeidungspraxis nicht zulässig, weshalb das EU-Organ den Mitgliedsstaat Luxemburg im Herbst 2017 dazu verurteilte, von Amazon 250 Mio. Euro einzufordern. Luxemburg und Amazon wehrten sich gegen die Entscheidung mit Klagen vor dem Gericht der Europäischen Union.

Amazon beteuert, sich auch bei der aktuellen Bilanz an die Gesetze gehalten zu haben: "Die Besteuerung von Unternehmen orientiert sich am Gewinn, nicht am Umsatz. Und unser Gewinn bleibt niedrig angesichts unserer hohen Investitionen und dem Umstand, dass Handel ein Geschäft mit starkem Wettbewerb und niedrigen Margen ist“, sagte ein Konzernsprecher der Lebensmittel Zeitung, die wie die TextilWirtschaft in der dfv Mediengruppe erscheint.

Amazon habe seit 2010 rund 55 Milliarden Euro in Europa investiert, vor allem in die Logistik. Damit habe der US-Konzern "viele Tausend Jobs" geschaffen, in "signifikantem" Maße Steuern auf lokaler Ebene bezahlt und viele kleine Firmen bei ihrem Online-Geschäft unterstützt.

Die Steuer-Deals von großen Digitalkonzernen sind auch vielen Landesregierungen ein Dorn im Auge, weshalb sie eine sogenannte Digitalsteuer eingeführt haben, die nicht den Gewinn, sondern den Umsatz besteuert. Beispiele sind Frankreich und Österreich.

Die Bemühungen um eine EU-weite Regelung scheiterten mehrfach am Widerstand von Mitgliedsstaaten, die von den Sonderbehandlungen der Technologie-Giganten profitieren. Dabei handelt es sich – neben Luxemburg – etwa um die Niederlande, Irland und Malta.

Bei den Steuergutschriften handelt es sich dem Vernehmen nach nicht um Überweisungen des Herzogtums Luxemburg an Amazon, sondern um Beträge, die Amazon mit künftigen Steuerzahlungen verrechnen kann. Das heißt: Die Summe stehen zurzeit nur auf dem Papier.

Marktplatz-Geschäft steigert Umsatz und Gewinn deutlich

Im Gegensatz zur Handelssparte ist das Marktplatz-Geschäft von Amazon Europa im vergangenen Jahr erneut zweistellig und profitabel gewachsen: Der Plattformbetreiber Amazon Services Europe verzeichnete ein Umsatzplus von fast 18% auf 12,03 Mrd. Euro. Allerdings hatte die Wachstumsrate 2018 noch bei stolzen 34% gelegen.

Der Nettogewinn erhöhte sich 2019 um 56% und erreichte somit ein Volumen von 145,87 Mio. Euro. Dafür zahlte das Unternehmen auch ordentlich Steuern, und zwar 94,62 Mio. Euro, nach fast 52 Mio. Euro im Vorjahr.

Der Geschäftsbericht verrät nicht, ob in den Umsätzen auch die Einnahmen aus der Vermarktung der Werbeflächen enthalten sind. Das Gleiche gilt für das Transaktionsvolumen, auf denen die Provisionen basieren.

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