TW 100: Daniel Freitag und Anna Blattert, Freitag

Lebenszyklus

Freitag/Roland Tännler
Brennen beide dafür, "im Kollektiv postfossil unterwegs zu sein": Daniel Freitag und Anna Blattert, Gründer und Circular Technologist des Zürcher Taschenlabels Freitag.
Brennen beide dafür, "im Kollektiv postfossil unterwegs zu sein": Daniel Freitag und Anna Blattert, Gründer und Circular Technologist des Zürcher Taschenlabels Freitag.

Bei Freitag spricht man nicht gerne über unvollendete Dinge. "Wir haben die letzten 28 Jahre eigentlich immer erst über ein Produkt berichtet, wenn es fertig im Laden lag", bestätigt Daniel Freitag, der das Zürcher Taschen-Label gemeinsam mit seinem Bruder Markus 1993 gründete. "Aber bei diesem Projekt macht es Sinn, Einblicke in Entwicklungsprozesse zu geben", räumt Freitag ein. "Nicht nur, weil es ein langjähriges Projekt ist. Sondern, weil sich dadurch vielleicht sogar noch neue Partner finden lassen."

Die Geschichte des Labels ist so sympathisch wie bekannt. Aus dem eigenen Bedürfnis heraus fertigen die Brüder in jungen Jahren, damals beide Anfang 20, erste Messenger-Bags aus gebrauchten LKW-Planen. Noch heute sind sie das Kernprodukt von Freitag. Das Denken in Kreisläufen – das Rezyklieren – wird zur Philosophie des selbstorganisierten Unternehmens, das weltweit 250 Mitarbeitende beschäftigt. Die Hierarchien bei Freitag sind flach, seit Jahren gibt es keinen CEO, die Brüder selbst hatten die Rolle nie inne.

Als wir dieses Interview koordinieren, kommen wir daher schnell zu dem Schluss, uns mit nur einem der Brüder, Daniel Freitag, zu verabreden und als zweite Person Anna Blattert mit in die Runde zu nehmen. Die studierte Industriedesignerin besetzt seit etwa zwei Jahren die noch neue Position des Circular Technologist, ist aber bereits seit sechs Jahren bei Freitag. Sie arbeitet in erster Linie an dem Projekt Circular Tarp, bei dem es darum geht, ein nachhaltiges Material als Alternative zu den LKW-Planen zu finden, die Freitag bislang recycelt.

TextilWirtschaft: Die Position des Circular Technologist ist noch relativ neu bei Freitag. Mit welchem Ansinnen wurde sie geschaffen?
Daniel Freitag: Freitag hat ein bisschen daran gekrankt, dass das Thema Nachhaltigkeit sehr breit und tief verankert ist. Man kann bei uns mit jemandem aus der Produktion darüber genauso sprechen – und es ist zumindest kein Fremdwort für ihn – wie mit einem Finanzer oder jemandem aus der Marketing-Abteilung. Es ist ein hohes Bewusstsein da. Das hat aber vielleicht auch dazu geführt, dass wir diese typische zentralisierte Nachhaltigkeits-Beauftragten-Stelle nicht geschaffen haben, weil wir schon immer quer durch die Firma ressourcenschonende Projekte angestoßen haben. Irgendwann haben wir aber gemerkt, dass wir gerade für ein Voranschreiten in Sachen Kreislaufwirtschaft zusätzliches Spezialwissen, viel Energie und Zeit brauchen, einfach eine Professionalisierung in dem Bereich.
Anna Blattert: Vor etwa drei Jahren habe ich angefangen, die Stelle zu besetzen, anfänglich nur zu 10%. Aber wir haben schnell gemerkt, dass das zu wenig ist und in diesem Thema wahnsinnig viel Potenzial schlummert. Vor zwei Jahren haben wir dann den kompletten Shift gemacht. Neben mir gibt es mit Bigna Salzmann einen weiteren Circular Technologist, außerdem einen Sustainability Trainee. Das ist der Kern, aber es sind natürlich viele weitere Kolleginnen und Kollegen aus Materialentwicklung, Sourcing und Kommunikation, die uns tatkräftig unterstützen.
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Wenn man sich von Berufs wegen so intensiv mit Sustainability beschäftigt, lebt man das Thema dann auch privat sehr akribisch?
Nachhaltigkeit ist natürlich ständig präsent, das lässt mich nie los. Allerdings bemerke ich bei mir mittlerweile eine Art Rebound-Effekt, der ja sogar wissenschaftlich belegt ist.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Ich stelle bei mir fest, dass ich ein bisschen nachlässiger geworden bin hier und da, ein bisschen weniger nachhaltig lebe, was vielleicht auch mit meinen zwei Kindern zu tun hat. Wir haben zum Beispiel vor kurzem mit Freunden eine Ferienwohnung gekauft, unser Fußabdruck hat sich also auf einen Schlag vergrößert. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir sage: Bei meinem nachhaltigen Lebensstil und meinem Beruf ist das okay. Aber ob das unterm Strich tatsächlich so ist, darf man schon in Frage stellen.
Freitag: Ich verstehe genau, was Anna meint. Das ist ja auch ein gesellschaftliches Problem. Vollumfängliche Nachhaltigkeit ist ein Team-Sport, das kann man nicht alleine betreiben. Der kollektive Verzicht ist das eigentliche Stichwort. Man kann sich individuell zwar ein Auto kaufen oder eben auch nicht, aber um den Mehrwert von weniger Verkehr zu haben, braucht es kollektiven Verzicht. Insofern bin auch ich vom Rebound-Effekt betroffen und habe meine Blind Spots im Alltag. Ohnehin bin ich nicht der Nachhaltigkeitsapostel, der sich keine Fehler leistet, und auch kein Fan davon, Greta Thunberg fertig zu machen, wenn sie mal in ein Flugzeug steigen würde. Ich finde vielmehr, es braucht einen gewissen Pragmatismus – in der Hoffnung, dass man die kollektive Veränderung hinkriegt.

Wie kam es zum Projekt Circular Tarp?
Wenn man sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst, dann weiß man, früher oder später müssen alle Materialien und Objekte, die wir konsumieren, nutzen, brauchen, in eine kreislauffähige Methodik kommen. Mit unserem Hauptmaterial – gebrauchte LKW-Planen – wird die volle Kreislauffähigkeit nie zu realisieren sein. Auf der einen Seite könnten wir sagen – das Upcycling der Planen gibt uns eine super Bilanz, das Problem liegt bei der LKW-Branche. Auf der anderen Seite fühlen wir uns verantwortlich für unser Produkt. Trotzdem macht es Sinn, das Vorhandene weiterhin zu verwerten, zumal Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft – wenn man etwa bei Ellen MacArthur guckt – mit unglaublich vielen Layers und Ebenen verbunden sind, an und auf denen Konzepte entstehen müssen.

Das heißt?
Speditionen und Logistikunternehmen – dort, wo wir kaufen – sind ja ihrerseits auch Kunden, die zukaufen. Die Speditionen werden von Konfektionären bedient, die Konfektionäre beziehen das Rohmaterial von unterschiedlichen Planenherstellern und so weiter. Beim Roundtable zu diesem Projekt war es daher wichtig, von allen Stufen Vertreter dabei zu haben. Weil es eben nicht nur um eine Materialinnovation geht.

Müsste diese Initiative nicht von den Speditionen und Logistikunternehmen selbst kommen?
Natürlich hatten wir längere Zeit das Gefühl, die Branche muss diese Arbeit tun – wir sind ja wirklich das letzte Glied in der Kette und im Vergleich zur europäischen Logistik- und Speditionsindustrie wohl auch das kleinste. Dass sich diese dem Thema annehmen würden, nachdem wir auch den einen oder anderen Impuls ausgesendet haben, war längere Zeit unsere Hoffnung. Irgendwann haben wir aber gemerkt, dass wir – in unseren Verhältnissen – investieren und das Projekt lancieren müssen.
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Freitag ist bis jetzt immer selbstfinanziert gewesen. Verfügt das Unternehmen denn über die finanzielle Kraft, dieses Projekt alleine zu stemmen?
Es war ziemlich schnell klar, dass wir nicht das Budget haben, um alleine eine neue Plane zu entwickeln. Zugleich war uns bewusst, dass wir eine wichtige Rolle spielen können mit unserem Publikum, das wir haben und das eine Spedition vermutlich nicht hat. Wir haben vielleicht nicht die finanziellen Mittel, um die Entwicklung zu stützen, aber wir können Impulse setzen, verbinden, die Plattform bauen – haben also realisiert, dass wir in eine aktive Rolle gehen müssen.

Sie konnten also bereits Partner gewinnen?
Es gibt einerseits Partner, die sich beteiligen, andererseits sind wir aktuell ganz aktiv dabei zu gucken, welche Förderungsfonds es gibt. Und wir denken schon, wenn es um die Skalierung geht oder eine nächste Projektspanne, die dann noch mal kostenintensiver wird, dass es dann Sinn macht, auf solche Programme zurückzugreifen. Bis jetzt ist aber noch kein Geld geflossen.

Was waren konkret die ersten Schritte bei Circular Tarp?
Blattert: Wir als Second User haben zunächst eine Art Bestandsaufnahme gemacht: Welche Partner haben wir? Wer liefert uns zu? Wer liefert denen zu? So sind wir Schritt für Schritt zurückgegangen, sodass wir jetzt einerseits mit Chemiefirmen zusammenarbeiten, andererseits mit Produzenten wie Garnherstellern, Beschichtungsfirmen, Planenkonfektionären. Auch Forschungsinstitute sind mit dabei, etwa die EPEA, Hamburg, deren Gründer Michael Braungart das Cradle to Cradle-Prinzip ja ursprünglich entwickelt hat.

Freitag entwickelt demnach nicht selbst?
Wir sind diejenigen, die die Entwicklungen anschieben. Wir geben Ideen, gehen mit unserer Kriterienliste auf die Partner zu, schauen, was sie schon im Portfolio haben. Da laufen ganz unterschiedliche Material-Streams parallel. Zum Teil sind wir schon relativ weit – es gibt erste Materialprotoypen im Haus, erste Tests werden durchgeführt. Aber es gibt auch Streams, da wissen wir, das dauert noch einige Jahre, bis das  spruchreif wird, etwa ein biologisch abbaubares Material. Wir müssen einfach sehr offen sein, weil wir nicht wissen, was schlussendlich funktionieren wird. Der Ausgang ist total offen.
Freitag:
Es geht ja nicht nur darum, ein Substitut für ein existierendes Material zu produzieren, sondern den ganzen Prozess neu zu gestalten. Sobald man in die einzelnen Schritte der Supply Chain reinguckt, muss man immer auch die Business Cases neu denken. Ein Szenario wäre, dass uns die Plane schon gehört, bevor eine Tasche daraus gemacht wird, und wir sie sozusagen zwischendrin verleasen an die Speditionen. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt – dass die LKW-Planen-Besitzer sie an uns geben für einen weiteren Lebenszyklus. Vielleicht gibt es aber auch ein Kollektiv und eine gemeinsame Materialbank.

Klares Ziel vor Augen: "Den biologischen Kreislauf haben wir mit F-abric, unserer 100% kompostierbaren Kleiderlinie, bereits geschlossen. Dank der kreislauffähigen Plane schaffen wir dies bald auch für den technischen Materialkreislauf", sagt Anna Blattert.
Freitag/Digital-Orbit
Klares Ziel vor Augen: "Den biologischen Kreislauf haben wir mit F-abric, unserer 100% kompostierbaren Kleiderlinie, bereits geschlossen. Dank der kreislauffähigen Plane schaffen wir dies bald auch für den technischen Materialkreislauf", sagt Anna Blattert.
Neben Aspekten wie Reißfestigkeit und Bedruckbarkeit – welche Kriterien muss die künftige Plane erfüllen?
Blattert: Wir haben den hohen Anspruch, dass das Material im besten Fall zu 100% zirkulär ist. Über den ganzen Lebenszyklus hinweg wollen wir keine schädlichen Prozesse und Substanzen. Darüber hinaus wollen wir eine integrierte Materialtransparenz über den ganzen Lebenszyklus, sodass wir wirklich von A bis Z wissen, was wir in den Händen halten. Und auch das Dazwischen, die Logistik, die Konfektionäre, sollen transparent sein. Alle Materialien, die bis jetzt im Spiel sind und die wir weiterziehen, wurden geprüft auf die chemischen Bausteine, wirklich die ganze Lieferkette zurück. Wenn schädliche Substanzen für Mensch und Umwelt drin sind, ist das Material raus.
Freitag: Unser Konzept ist da wirklich Cradle-to-Cradle, also entweder blauer oder grüner Kreislauf. Mit blauem meine ich, dass auch ein technischer Kreislauf denkbar ist, etwa indem Polymere et cetera in geschlossenen Kreisläufen geführt werden.

Würden Sie einen Kreislauf präferieren?
Gute Frage. Es gibt da noch einen Knackpunkt – die Hydrophobie. Wenn man wirklich biologisch abbauen möchte, ist es immer ein Zersetzungsprozess. Und wenn man ein Material hat, das grundsätzlich extrem wasserabweisend oder -abstoßend sein soll, ist das nicht die ideale Voraussetzung, um etwas zu kompostieren. Da ist ein kleiner Zielkonflikt drin – vielleicht nicht unlösbar, aber sicher eine Herausforderung, die man ganz genau angucken muss.
Blattert: Das ist genau die Herausforderung im biologischen Kreislauf. Daher fände ich es schon sehr interessant, wenn man den technischen Kreislauf schließen könnte – das ist allerdings eine riesige Aufgabe. Man möchte das nicht meinen, weil so oft zu hören ist, fast alles, was thermoplastisch ist, ist recycelbar. Aber auf dem Niveau, wie wir uns das vorstellen, gibt es da noch nicht so viel. Wir haben hier noch eine Herausforderung im Material selbst, weil es ein Verbund aus Gewebe und Beschichtung ist, was es für Recyclingprozesse schon noch mal schwieriger macht.

Wir haben vorhin gehört, dass es eine ganze Reihe an Partnerfirmen gibt. Was ist interessant über sie zu wissen?
Es ist ein europäisches Netzwerk aus derzeit rund zehn Kernpartnern plus Zulieferern, aber das Netzwerk ist im Grunde fluid, weil wir uns an manchen Punkten auch wieder von Firmen verabschieden müssen, wenn das Material nicht passt. Das Gros der Partner sitzt in Deutschland, das hat sich so ergeben, es gibt aber auch Partner in Holland, Österreich, Frankreich und der Schweiz. Holland ist schon recht weit in der Circular Economy und Technology – da ist schon sehr viel Know-how vorhanden. Die Firmenkulturen sind sehr unterschiedlich.
Freitag: Beim Stichwort Transparenz gibt es solche, die eher protektiv sind, während andere merken, dass sie jetzt vielleicht Dinge offenlegen müssen, überlegen, wo sie eher zu Komplizen statt zu Konkurrenten werden wollen.
Blattert: Es ist genau das – für mich gibt es da eine alte und eine neue Denke. Ein solches Projekt und auch Circular Economy an sich können nicht funktionieren, wenn nur an Konkurrenz und Geheimhaltung gedacht wird, auch wenn ich durchaus verstehen kann, warum man gewisse Dinge für sich sichern will. Da ist natürlich ein Riesengeschäft dahinter. Jeder will in die Circular Economy.
Freitag: Und es ist natürlich auch investitionsintensiv, man muss schon nach seinem Return of Invest schauen.

Hat Freitag bei seinem Projekt eigentlich ein Vorbild?
Blattert: Ich recherchiere immer mal wieder hinsichtlich guten Beispielen, weil ich regelmäßig im Bereich Sustainability unterrichte, und find's schon fast erschreckend, wie wenig Namen es bisher gibt, wenn es wirklich konsequent sein soll vom Material bis zum Geschäftsmodell. Gerne nenne ich aber Desso, das Teppichunternehmen aus Holland, bei dem das Kreislaufdenken ganz gut verankert ist, vom Leasing und Re-Design der Teppichböden bis hin zum Recycling. Auch Mud Jeans finde ich spannend. Das Label ist ja schon recht bekannt für sein Jeans-Leasing.

Wann darf man mit dem Launch der ersten Tasche aus dem neuen Material rechnen?
Dazu kann ich noch keine Prognose abgeben. Wir haben jetzt den ersten Prototypen eines Materials vorliegen, der dem technischen Kreislauf entstammt. Obgleich wir daraus schon eine erste Tasche gefertigt haben, weil uns natürlich brennend interessiert, ob man es vernähen, schweißen, tragen kann, muss das Material jetzt erstmal noch seinen Proof of Concept auf der Straße leisten. Mit den ersten Materialprototypen auf den Lastwagen rumkurven zu können, das ist aber bereits im Frühjahr 2022 geplant.

Alle 100 Personen und Projekte finden Sie ab Mittwoch, 29. Dezember, 17 Uhr im E-Paper der TextilWirtschaft und ab Donnerstag, 30. Dezember, in der gedruckten Ausgabe.
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