TW 100: Christoph Stelzer, Geschäftsführer Dfrost und Präsident des VMM

Haltung im Fenster

Dfrost
Auf breiterer Ebene eine Veränderung erzielen will Dfrost-Chef und VMM-Präsident Christoph Stelzer mit dem Label "Sustainable Made Retail Spaces".
Auf breiterer Ebene eine Veränderung erzielen will Dfrost-Chef und VMM-Präsident Christoph Stelzer mit dem Label "Sustainable Made Retail Spaces".

Haltung zeigen – auch beim Store- und im Schaufenster-Design. Der Europäische Verband für Visuelles Marketing/ Merchandising (VMM) hat in Kooperation mit dem Retail-Marketing-Spezialisten Dfrost ein Nachhaltigkeitszertifikat entwickelt. Wir haben mit Christoph Stelzer darüber gesprochen, wie das Ganze funktioniert und für welche Unternehmen es in Frage kommt.

TextilWirtschaft: Herr Stelzer, kann visuelles Marketing  überhaupt nachhaltig sein?
Christoph Stelzer:
Nun ja, viele Dinge in unserem Leben entfalten Ihre Kraft und Wirkung nur temporär. Kann Make-up nachhaltig sein? Oder haben Bücher noch eine Berechtigung, wo sie doch digital viel günstiger 'bereitzustellen' sind? Visuelles Marketing kann bedachter, umweltbewusster und damit auch nachhaltiger in der Erzeugung und Wiederverwertung sein. Zudem gibt es in einem Markt mit globalem Sourcing ja auch durchaus positive sozioökonomische Effekte, wenn die Materialien aus dem EU-Raum stammen. Es geht nicht darum, den Menschen den Benefit der Emotionalisierung und Information zu nehmen. Es gibt so viele gute Gründe, Marken und ihre Produkte zu inszenieren. Visuelles Marketing macht Sinn, schafft Relevanz durch Information und Identifikation und setzt Produkte in den richtigen Kontext.

Es stellt sich also nicht wirklich die Frage, ob überhaupt, sondern des Wie. Wenn es nach uns geht, nicht einfach um jeden Preis, sondern mit der notwendigen Achtsamkeit und unter Abwägung des Aufwandes, was Ressourcen, Erzeugung und Halbwertszeit anbelangt.

Was sind die Voraussetzungen dafür?
Die Voraussetzung dafür ist in allererster Linie eine bewusste Auseinandersetzung mit den Materialien und den Hintergründen ihrer Entstehung. Nur wer achtsam die Materialien wählt, kann eine Veränderung erzeugen. Grundsätzlich gilt für mich aber: Der Weg ist das Ziel! Wie bei so vielen Veränderungen im Leben. Jeder Schritt der weniger C02 erzeugt, der weniger fossile Ressourcen verbraucht und in der Entsorgung weniger problematisch ist, geht in die richtige Richtung.

Als nachhaltig zertifiziert: Das Schaufenster-Konzept von Schöffel/ Lowa


Wer braucht ein als nachhaltig zertifiziertes Schaufenster?
Ich denke, die Nachhaltigkeit von Produkten wird von den Konsumenten zunehmend als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Diese Entwicklung ist nicht ganz unproblematisch, da sie leider mit einem fehlenden Interesse an einer detaillierten Auseinandersetzung und dem bewussten Hinterfragen einhergeht. Grundsätzlich erzeugt diese Erwartungshaltung des Kunden aber natürlich trotzdem eine Veränderung.

Wir sind der Überzeugung, dass starke Marken hier nicht umhinkommen, eine Haltung und Durchgängigkeit in ihrem Agieren aufzuzeigen. Co2-neutral, Plastik aus China einzukaufen geht uns nicht weit genug. Marken die ernsthaft eine notwendige Veränderung erzeugen wollen, gehen weiter und setzten sich in allen Bereichen, in denen sie agieren, mit der Möglichkeit auseinander, eine relevante Verbesserung ihres Footprints zu erzielen. Egal ob kleiner oder großer Fachhändler vor Ort, ob lokale oder global Brand, ein nachhaltiger, verantwortungsvoller Umgang mit unserer Welt und Umwelt hat für die Konsumenten Relevanz. Was relevant für meine Kunden ist, sollte ich bestenfalls als Händler oder Hersteller nicht ignorieren – das wird nicht lange gut gehen. Es ist jetzt an der Zeit Haltung zu zeigen – auch und gerade beim Thema 'Sustainability'.

Was genau zertifiziert der VMM?
Das VMM Sustainability Label zertifiziert  temporäre Inszenierungen von Marken und Produkten im Raum. Wir haben uns hier ganz bewusst im ersten Schritt auf „zeitbegrenzte“ Installationen beschränkt, da wir gerade innerhalb des recht durchgetakteten und stetig wechselnden Campaignings einen großen Hebel sehen, eine relevante Veränderung zu erzielen. Es geht uns hier nicht darum, Enthaltsamkeit von Marketingmaßnahmen im physischen Raum zu lehren, wir sind der absoluten Überzeugung, dass Produktinszenierungen relevanter Bestandteil eines Markenauftritts sind. Wir wollen die Menschen und Marken aber dabei begleiten, bewusster zu agieren und im Zweifel einfach weniger Müll oder eben zumindest rückführbare Reste zu hinterlassen, die umweltgerecht entsorgt oder bestenfalls recycelt werden können.

Wir bewerten und zertifizieren projektbezogen und keine Produkte, Firmen oder Dienstleister. Im Rahmen einer Zertifizierung werden Rohmaterialien, Ursprungsland, Transportwege, Verarbeitung, Verwendungszeitraum und Entsorgungs-Möglichkeiten bewertet. Nur wer im Gesamtpaket den Kriterien gerecht wird, hat die Chance für dieses Projekt ein nachweisbares Zertifikat zu erhalten.

Was ist der Nutzen einer Zertifizierung für das Unternehmen?
Ein zertifiziertes, nachhaltigeres Schaufenster ist ein starkes Zeichen dafür, dass es die Brand ernst meint und die richtigen Schritte geht, um ihre Produkte auch verantwortungsvoll in den Markt zu distribuieren. Sie zeigt damit ein Bewusstsein für die Herausforderung, die vor uns liegt.

Ist die nachhaltigste Dekoration nicht die, die mehrfach und nicht nur für einen speziellen Anlass genutzt wird?
In einer Welt, in der Content immer schneller und kurzlebiger wird, halte ich es für unverantwortlich, nicht auf die visuellen Bedürfnisse der Konsumenten einzugehen. Marken und ihre Produkte sollten nach wie vor den Mehrwert einer physischen Präsentation ihrer Produkte nutzen. Der stationäre Handel ist noch immer der Kanal, der Marke und Produkt Glaubwürdigkeit verleiht und der Community Authentizität vermittelt. Dazu gehört für uns nach wie vor Information und Storytelling rund um ihre Produkte. Das widerspricht aber nicht dem Ansatz, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, welche Teile und Materialien man wieder in ein wirkungsvolles Schaufenster oder eine Instore-Inszenierung einbinden kann. Auch der Aufbau auf ein System im Schaufenster und instore kann sinnvoll sein, da der initiale Materialaufwand für die Unterkonstruktion entfällt und die Möglichkeiten einfachere Materialien einbinden zu können steigt.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Label Sustainably Made Spaces?
Wir wollen in einem Bereich, wo es auch für Branchenkenner aufgrund der Vielfalt, der Komplexität des Material-Mixes und der Verarbeitung nicht einfach ist zu bewerten, Hilfestellung geben und durch Transparenz und Information nachhaltiges Wissen und Verständnis schaffen. Und wir wollen vor allem nachhaltiges, verantwortungsvolles und umweltbewusstes Agieren im visuellen Marketing sichtbar machen. Wir wollen die Marken befähigen, ihren Kunden glaubwürdig und nachweislich aufzuzeigen, dass sie Ihre Haltung einlösen und sich ihr Handeln verändert.
„Der stationäre Handel ist noch immer der Kanal, der Marke und Produkt Glaubwürdigkeit verleiht und der Community Authentizität vermittelt.“
Christoph Stelzer
Gibt es bei Dfrost weitere Nachhaltigkeitsprojekte?
Wir beschäftigen uns schon seit Jahren mit unserem Footprint. Hinsichtlich unserer Arbeit, aber vor allem auch intern. Anfänglich haben wir nur auf LED umgestellt und 'grünen Strom' bezogen. Heute geht das von E-Mobility über nachhaltigen Kaffee bis hin zur gemeinsamen Müll-Sammelaktion in der Stadt. Seit 2019 sind wir durch die FAMAB als nachhaltiges Unternehmen zertifiziert. Ab 2022 werden wir C02-neutral  sein.
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