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Corona und Nachhaltigkeit pushen Secondhand-Handel im Netz

Sellpy
Logistikzentrum der H&M-Tochter Sellpy bei Stockholm
Logistikzentrum der H&M-Tochter Sellpy bei Stockholm

Der Handel mit gebrauchter Mode verlagert sich immer stärker ins Internet. Davon profitieren sowohl Reseller als auch Plattformbetreiber, die im Corona-Jahr deutlich zugelegt haben. Die Zeichen für einen anhaltenden Boom stehen gut.

Secondhand-Mode – das stand lange Zeit für entsprechende vollgestopfte Läden sowie völlig unübersichtliche Kleiderständer auf Flohmärkten. Doch im Zuge der Digitalisierung der Gesellschaft und des Geschäftslebens hat sich auch der Handel mit gebrauchter Kleidung großenteils ins Internet verlagert. Seit den Zehnerjahren bieten immer mehr Online-Unternehmen Fashion-Fans die Möglichkeit, ihre abgelegten Modeteile zu Geld zu machen. Oder für wenig Geld gut erhaltende Bekleidung zu kaufen. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Kantar erwerben mittlerweile fast zwei Drittel der Secondhand-Käufer (63%) ihre Produkte online.


Die Corona-Krise hat diesen Trend gründlich beschleunigt. Da viele Menschen aus Angst vor Ansteckung und wegen der Shutdowns die meiste Zeit zuhause verbringen, haben sie mehr Gelegenheit, ihren Kleiderschrank aufzuräumen und nicht mehr genutzte Kleidung, Schuhe und Accessoires auszusortieren.

Von den aussortierten Modeprodukten landet ein nicht unerheblicher Teil bei Anbietern von Kleidung aus zweiter Hand. Beim europaweit aktiven Marktplatzbetreiber Vinted wurden während der beiden Shutdown-Phasen 16 bis 17% mehr Produkte auf die Plattformen des Konzerns hochgeladen als im Vorjahreszeitraum.

Shutdowns pushen Umsatz um 50%

Beim Mitbewerber Mädchenflohmarkt fiel das Wachstum seit April vergangenen Jahres noch höher aus: Laut Mitgründer Peter Ambrozy haben Verkäufer im Vorjahresvergleich fast ein Viertel (23%) mehr Artikel auf dem Secondhand-Marktplatz eingestellt. Dadurch sei der Umsatz bis März dieses Jahres um 50% nach oben geklettert.

Dieser Trend hält offenbar in diesem Jahr an: „Wir erwarten weiterhin ein konstantes Wachstum und ein Umsatzplus zwischen 60% und 80%“, sagt Ambrozy. Das erste Quartal habe sich bereits „dahingehend“ entwickelt.

Hauptgrund sei der zweite Shutdown. Dieser habe dazu geführt, dass sich das Volumen der eingestellten Produkte auf dem Niveau des ersten Ladenschließungsphase vor einem Jahr bewege. Mit dem erfreulichen Unterschied, dass der Umsatz höher ausfiel: „Die Verkäufe sind nochmal deutlich gestiegen im Vergleich zum ersten Shutdown“, berichtet Co-Gründerin Maria Spilka.

Mädchenflohmarkt-Mitgründerin Maria Spilka: „Die Verkäufe sind im zweiten Shutdown nochmal deutlich gestiegen im Vergleich zum ersten.“
Mädchenflohmarkt
Mädchenflohmarkt-Mitgründerin Maria Spilka: „Die Verkäufe sind im zweiten Shutdown nochmal deutlich gestiegen im Vergleich zum ersten.“
Das heißt: Nicht nur das Angebot, auch die Nachfrage steigt durch die Corona-Krise. Vermutlich, weil viele Arbeitnehmer seit etwa einem Jahr wegen Kurzarbeit oder Jobverlust mehr aufs Geld achten müssen. Das senkt die Hemmschwelle, gebrauchte Kleidung zu erwerben. Und infolge der Corona-Schutzmaßnahmen ist es derzeit vielerorts nicht mehr möglich, stationäre Secondhand-Läden und Flohmärkte zu besuchen.

Weniger Störeffekte im zweiten Shutdown

Der größte Unterschied zwischen den beiden Shutdowns dürfte aus Secondhand-Händlersicht darin bestehen, dass es im zweiten nicht die negativen Nebeneffekte des ersten gibt. So war etwa beim Berliner Reseller Momox im März vergangenen Jahres das Geschäft wegen des Corona-Schocks „von einem Tag auf den anderen um 50% eingebrochen, und zwar auf beiden Seiten: Verkäufer und Käufer“, berichtete Momox-CEO Heiner Kroke im Februar im TW-Interview.

Der auf Luxusmode spezialisierte Marktplatz Rebelle litt vor einem Jahr darunter, dass Produkte von Verbrauchern und Secondhand-Läden aufgrund von Shutdowns und Sperrzonen nicht lieferbar waren, insbesondere aus Italien. Das Hamburger Unternehmen Reverse-Retail, das über Website Buddy & Selly gebrauchte Mode ankauft und über den Online-Shop Vite en Vogue verkauft, konnte seine Ankaufs-Events nicht veranstalten. Diese finden bei stationären Modehändlern wie Breuninger statt.

Pop-up-Store der Reverse-Retail-Tochter Vite en vogue (Schnell in Mode) bei Breuninger in Stuttgart.
Reverse-Retail
Pop-up-Store der Reverse-Retail-Tochter Vite en vogue (Schnell in Mode) bei Breuninger in Stuttgart.
Der zweite große Wachstumstreiber des Secondhand-Online-Handels ist das Dauerthema Nachhaltigkeit, das – im Gegensatz zu Corona – noch viele Jahre Bestand haben dürfte – und im Jahr vor der Pandemie dank Fridays for Future & Co kräftig an Fahrt aufgekommen hatte. Nach Beobachtung von Rebelle-Chef Max Schönemann hat die Corona-Krise das Bewusstsein für ein neues Konsummodell weiter verstärkt: „Die Menschen kaufen weniger, dafür aber stärker qualitativ hochwertige Stücke, die sie länger tragen.“

Bei einer Umfrage der Boston Consulting Group unter den Kunden von Vestiaire Collective in den USA, Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und Großbritannien gaben 70% der Befragten an, dass sie Secondhand-Mode kaufen, um sich nachhaltiger zu verhalten – das sind 8 Prozentpunkte mehr als in der Vergleichsstudie 2018.

2020 war ein absolutes Secondhand-Jahr

Somit war es vermutlich kein Zufall, dass sich die Ereignisse im Secondhand-Markt 2020 geradezu überschlagen haben. Ein paar Beispiele: Die Secondhand-Plattform Vinted schluckte im Oktober den niederländischen Mitbewerber United Wardrobe. Einen Monat später fusionierten die Litauer ihre deutschen Töchter Kleiderkreisel und Mamikreisel, um sie dann unter dem Dachmarken-Namen Vinted neu zu starten. Im Dezember eröffneten sie in Italien ihren zwölften ausländischen Ableger. Darüber hinaus haben Gucci und Levi’s 2020 eigene Preloved-Fashion-Konzepte gestartet.

Besonders bemerkenswert war aber die Tatsache, dass mit Zalando, About You und H&M innerhalb weniger Monate drei milliardenschwere Modehändler hierzulande in den Online-Handel mit gebrauchter Kleidung eingestiegen sind. Der Fast Fashion-Konzern H&M brachte seine Secondhand-Tochter Sellpy nach Deutschland. Zalando und About You starteten eigene Zweite Hand-Angebote.

Bei mittelständischen Shop- und Plattformbetreibern dürften diese Nachrichten wenig Begeisterung ausgelöst haben. Schließlich ist die Gefahr groß, dass die Mode-Giganten einen großen Teil des Online-Traffics der kleineren Anbieter absorbieren. Die neue Wettbewerbssituation dürfte mit ein Grund dafür gewesen sein, warum der Recommerce-Anbieter Momox im Januar seine Modesparte neu aufgestellt und mit einer millionenschweren TV-Kampagne beworben hat.

Der neue Momox-Spot

Momox-Chef Heiner Kroke sieht in dem verstärkten Konkurrenzkampf aber keinen Grund zur Beunruhigung: „Wir als Spezialist glauben, dass wir am Ende im Wettbewerb extrem gut, wenn nicht sogar führend dastehen werden. Nicht nur, weil wir überzeugt von uns selbst sind, sondern, weil wir die gleiche Erfahrung schon einmal gemacht haben.“

Gemeint ist der Einstieg von Amazon in den Online-Handel mit gebrauchten Büchern vor mehreren Jahren. Doch anstatt Momox zu schlucken oder zu verdrängen verabschiedete sich Amazon nach kurzer Zeit wieder aus dem Markt. „Ich denke an diesen Punkt werden wir auch im Secondhand-Modegeschäft kommen“, sagt Kroke.


Für seinen Arbeitgeber spricht vor allem die Größe: Momox erwirtschaftete 2020 rund 312 Mio. Euro. 25% mehr als im Vorjahr. Im Modebereich lag das Plus sogar bei 47%, der Umsatz bei 47 Mio. Euro.

Das Sortiment umfasst über eine Million Artikel von mehr als 2000 Marken. Sie stammen von 750.000 aktiven Verkäufern, denen mehr als 8,3 Millionen aktive Kunden gegenüberstehen.

Ebay und Vinted führen das Teilnehmerfeld an

Größte Mitbewerber im Secondhand-Fashion-Commerce dürften die Marktplätze Ebay und Vinted sein, die allerdings keine Auskünfte über ihre Umsätze mit gebrauchter Mode in Deutschland machen. Der Mitbewerber Mädchenflohmarkt hat seinen Umsatz 2020 um mehr als 30% auf einen zweistelligen Millionen-Euro-Umsatz erhöht. Rebelle ist im Corona-Jahr im hohen zweistelligen Prozentbereich gewachsen. Die Zahl der registrierten Nutzer überschritt die Zwei-Millionen-Grenze.

Der Secondhand-Reseller Sellpy wurde 2014 in Stockholm gegründet und ist mittlerweile in vier europäischen Märkten aktiv: Schweden, Deutschland, Österreich und Holland.
Sellpy
Der Secondhand-Reseller Sellpy wurde 2014 in Stockholm gegründet und ist mittlerweile in vier europäischen Märkten aktiv: Schweden, Deutschland, Österreich und Holland.
Und die Chancen stehen offenbar gut, dass der Boom in diesem Jahr weiter anhält. Indizien dafür sind etwa die Expansion von Zircle (Zalando) und Sellpy (H&M): Sellpy ist Anfang Februar in Österreich und Holland gestartet. Zalando brachte kurze Zeit später sein sogenanntes Pre-owned-Konzept Zircle nach Schweden und Dänemark. Hinzu kommt, dass der Luxusmode-Konzern Kering im März bei der Re-Commerce-Plattform Vestiaire Collective (VC) eingestiegen ist. Der Konzern erwarb 5% der VC-Anteile.

Das Ganze geschah im Rahmen einer Finanzierungsrunde, die VC 178 Mio. Euro einbrachte. Damit wurde die Pariser Plattform mit mehr als 1 Mrd. US-Dollar bewertet, was ihr die branchenübliche Bezeichnung „Einhorn“ einbrachte.


VC ist bereits der zweite Secondhand-Marktplatz, der sich dieses mystische Etikett verdient hat. Vinted hatte das Ende 2019 geschafft. Die hohen Marktbewertungen zeigen, welches Potenzial Investoren und Hersteller im Online-Handel mit Altkleidern sehen.

Vinted kann mit einer sehr großen Reichweite und einem riesigen Angebot punkten: Der Marktplatzbetreiber zählt 37 Millionen registrierte Nutzer in 13 europäischen Ländern. Davon befinden sich neun Millionen in Deutschland. Alle User zusammen sorgten 2019 für einen Transaktionsumsatz von 1,3 Mrd. Euro. Das Sortiment umfasst über 300 Millionen Artikel.

Käuferschutz und Werbung statt Provisionen

Ein weiterer Wettbewerbsvorteil besteht im Geschäftsmodell: Ähnlich wie die erfolgreichen chinesischen Plattformen Tmall und Taobao (Alibaba) finanziert sich Vinted nicht durch Verkaufsprovisionen und Gebühren, sondern nur durch Online-Werbung und ein eigenes Bezahlsystem. Letzteres beinhaltet einen Käuferschutz: Für eine Gebühr von 4% des Warenwertes erhalten die Verkäufer den Kaufpreis erst dann, wenn das Produkt beim Kunden eingetroffen ist.

Das Geschäftsmodell dürfte sich positiv auf die Verbraucherpreise auswirken, da die anderen Plattformen Provisionen von bis zu 40% verlangen. Es ist davon auszugehen, dass gewerbliche Verkäufer diese Zusatzkosten an die Kunden weitergeben. Private Verkäufer haben diese Möglichkeit in der Regel nicht, sodass sie Vinted den Anbietern vorziehen dürften, die vom Verkaufserlös wenig übriglassen.

Großes Potenzial bei Luxusmode-Recommerce

Die größten Wachstums-Chancen sagen Experten aber dem Recommerce mit Luxusmode voraus. Und das nicht nur wegen der höheren Erlöse, sondern auch, weil sich die Luxusmarken sehr gut in das Business einbinden lassen. Sie erhalten die Chance, potenzielle Kunden langsam an sich heranzuziehen, etwa Studenten, die sich mehrere tausend Euro teure Handtaschen noch nicht leisten können.

Darüber hinaus können die Luxusmode-Hersteller ihr Nachhaltigkeitsprofil schärfen und den Wiederverkauf ihrer Produkte besser kontrollieren, wenn sie direkt im Secondhand-Geschäft mitmischen. Das können sie beispielsweise tun, indem sie am dem Programm Brand Approved teilnehmen, das Vestiaire Collective im März eingeführt hat.

Top Ten der Topseller auf Rebelle.de
TW/Rebelle
Top Ten der Topseller auf Rebelle.de
Es sieht vor, dass die Marken zuerst die Authentizität der Ware überprüfen, bevor VC sie an die Kunden sendet. Erster Anwender ist Alexander McQueen. Der Luxusmode-Hersteller schickt Secondhand-Verkäufer Einkaufsgutscheine, die sie in einem Store der Marke einlösen können. Auf diese Weise profitieren auch Stationärhändler vom Secondhand-Boom.

In Deutschland setzen etwa Reverse-Retail (ReRe) und Rebelle auf ein Multichannel-Modell: ReRe veranstaltet zweimal im Jahr Verkaufs-Events bei über 100 stationären Modehändlern. Dort erhalten die Kunden für ihre Produkte Einkaufsgutscheine, die sie direkt beim Handelspartner einlösen können. Hinzu kommen Pop-up-Stores bei Modehäusern, wo die ReRe-Tochter Tochter Vite en Vogue die von Kunden angekauften Teile wiederverkauft.

Restanten und Retouren erweitern das Sortiment

Weitere Bezugsquellen von ReRe sind u.a. hochwertig positionierte Secondhand-Boutiquen, Markenhersteller und Stationärhändler außerhalb des Kooperationskosmos des Resellers. Die Unternehmen verkaufen Saisonüberhänge an den Secondhand-Spezialisten. Online-Händler schleusen zudem über ReRe Online-Retouren ab, die sie nicht wieder in ihre Shops einstellen können.

Paketbeileger animieren zum Ausmisten

Darüber hinaus haben die Hanseaten eine originelle Form der Kooperation mit Online-Händlern entwickelt. Diese legen ihren Paketen Flyer bei, in denen die Kunden dazu aufgerufen werden, den Versandkarton der Umwelt zuliebe nicht wegzuschmeißen, sondern mit aussortierten Kleidungsstücken zu füllen. Diese können sie dann an die ReRe-Tochter Buddy & Selly schicken, um Gutscheine des kooperierenden Handelspartners zu ergattern.

Buddy & Selly legt Paketen von Online-Händlern Flyer bei, mit denen die Kunden motiviert werden, den Versandkarton mit ausgemisteten Kleidungsstücken zu füllen.
Buddy & Selly
Buddy & Selly legt Paketen von Online-Händlern Flyer bei, mit denen die Kunden motiviert werden, den Versandkarton mit ausgemisteten Kleidungsstücken zu füllen.
Das größte Potenzial dürfte aber im Geschäft mit Saisonüberhängen liegen. Schließlich sitzt der deutsche Modehandel derzeit auf Tonnen unverkaufter Kleidungsstücke.

Aufgrund all dieser positiven Rahmenbedingungen wundert es nicht, dass die Boston Consulting Group den Secondhändlern eine rosige Zukunft voraussagt: Der Beratungskonzern geht davon aus, dass der Resale-Markt, der aktuell ein Volumen von 30 Mrd. bis 40 Mrd. US-Dollar habe, in den kommenden fünf Jahren um 15 bis 20% pro Jahr wächst.

Für stationäre Zweite Hand-Händler bedeutet das nichts Gutes. Denn je größer das Online-Angebot an gebrauchten Kleidungsstücken ist, desto kleiner ist bei den Modefans die Bereitschaft, einen Secondhand-Store aufzusuchen. Somit ist es im Grunde nur noch eine Frage der Zeit, bis man sich unter dem Begriff Secondhand-Mode gar nichts anderes mehr vorstellen kann als das Online-Shopping von Bekleidung.

Weitere Informationen zum Thema Secondhand finden Sie auf der Secondhand-Bühne der TextilWirtschaft.
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